Bauern nutzen Alp gemeinsam

Die Schwyzer haben den Genossenschaftsgedanken in den Genen. Sie nutzen ihre Wälder und Alpweiden seit dem frühen Mittelalter gemeinschaftlich.

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Martin Brun beim kraftvollen Einsatz mit seinen Kühen auf der Zwäcken-Alp-Passhöhe Ibergeregg. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)

Martin Brun beim kraftvollen Einsatz mit seinen Kühen auf der Zwäcken-Alp-Passhöhe Ibergeregg. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)

Martin Brun schaut auf der Zwäcken-Alp im Ibergeregg-Gebiet nach dem Rechten. Der 35-jährige Alphirt betreut dort 32 Stück Jungvieh und 23 Milchkühe. Die Tiere gehören zehn verschiedenen Talbauern. Seit jeher nutzen die Schwyzer Landwirte die höher gelegenen Alpweiden rund um den Talkessel, um ihr Vieh in der Höhe «sömmern» zu lassen. Dazu nutzen sie Land, das der Oberallmeind gehört. Die Korporation sorgt dafür, dass ihre Mitglieder für die Zeit von Juni bis Ende September zu ihren Alpweiden kommen und kümmert sich um die Infrastruktur in den gemeinschaftlich genutzten «Sömmerungs»-Betrieben. 164 Alpbetriebe nutzen die Weiden der Oberallmeind.

Die Wurzeln im Mittelalter

«Das Jungvieh hat bei der Futtersuche auf den Alpweiden viel Bewegung, es bleibt so vital und wird widerstandsfähig. Und den Bauern im Tal bleibt mehr Zeit für den Heuet, wenn ihr Vieh auf der Alp ist», erklärt Daniel von Euw die Vorteile des Alpaufzugs. Er ist Geschäftsführer der Oberallmeind-Korporation Schwyz. Einer Organisation, die in Schwyz einen hohen gesellschaftlichen Stellenwert geniesst, obwohl der Urkanton schon längst keine Agrarregion mehr ist, und die nach wie vor für ein paar Superlative gut ist. Die Oberallmeind ist zum Beispiel die mit Abstand grösste private Landbesitzerin im Kanton, in ihrem Stammbezirk Schwyz gehört ihr sogar gut ein Drittel der Fläche.

Die Geschichte der Korporation ist älter als die der Eidgenossenschaft, die erste urkundliche Erwähnung datiert von 1114. Anlass für die Urkunde gab ein Streit mit dem Kloster Einsiedeln über die Nutzung von Weiden – ein langwieriger Konflikt, der sich über 250 Jahre hinziehen sollte und in der Entstehungszeit der Eidgenossenschaft eine wichtige Rolle spielte.

Das Pendant in Arth

Als gesicherte historische Erkenntnis gilt heute: Die fleissigen Nachfahren der alemannischen Einwanderer nutzten die Alpweiden schon sehr früh gemeinschaftlich. Wer wann wo sein Vieh auf welche Weiden schicken durfte, wurde «im Ring» geregelt, einer Art Landsgemeinde, die in Ibach über die Bühne ging. Dort bestimmen die Korporationsbürger heute noch im Handmehr über die Geschäfte der Oberallmeind. In Arth entstand 1354 die Unterallmeind mit der gleichen Funktion, ihr Landbesitz erstreckt sich auf der Rigi und dem Rossberg.

Mitglied durch Abstammung

Über all die Jahrhunderte ist die Zugehörigkeit zur «Oberallmig» eine wichtige Klammer für die Bevölkerung geblieben. Ältere Schwyzer erkundigen sich oft bei Geschlechtsnamen, ob diese die Wurzeln in der Ober- oder Unterallmeind haben, oder ob sie für Zugezogene stehen. Betschart, Reichmuth, Ott, Kündig, Fischlin und 92 weitere Schwyzer Familiennamen fanden sich bis vor fünf Jahren im Mitgliederregister der Oberallmeind. Seither gesellten sich indes so viele neue Namen hinzu wie zuvor während der ganzen 900-jährigen Geschichte nicht. Der Grund: Das Bundesgericht hatte die Korporation dazu angehalten, den Nachkommen der weiblichen Korporationsbürgerinnen die gleichen Rechte einzuräumen wie den Kindern von männlichen «Oberällmigern». Geschäftsführer von Euw: «Dadurch wurde die Oberallmeind von der Geschlechter- zur Abstammungskorporation.»

Mitgliederschub dank den Frauen

Für die Aufnahme der Frauen ins Korporationsbürgerrecht brauchte es 1992 keinen Schubser der Richter. Die exklusive Männergenossenschaft kam im Ring von selbst darauf, dass es an der Zeit sei, sich zu öffnen. Die Mitgliederzahl ist seither sprunghaft angestiegen: 1991 zählte die Korporation 9012 Mitglieder, zwei Jahre später waren es 12 507 Frauen und Männer. Heute sind es 17 708 Mitglieder. Voraussetzungen dafür, «Oberällmiger» zu werden, sind nebst der Abstammung und Volljährigkeit ein Schweizer Pass sowie der Wohnsitz im Kanton Schwyz.

Korporation schaut zum Wald

An den Kernaufgaben der Korporation hat sich seit den mittelalterlichen Anfängen als Siedlungs- und Flurgenossenschaften erstaunlich wenig verändert. Warum auch? Gäbe es die Oberallmeind nicht, müssten die Land- und Forstwirtschaftsbehörden in Bern sie erfinden. Denn die Korporation organisiert nicht nur die genossenschaftliche Alpnutzung, sie pflegt und hegt auch über 9000 Hektaren Wald – eine Aufgabe, die den Staat teuer zu stehen käme.

«Die Oberallmeind ist nicht um alles den Renditezielen untergeordnet. Darum fällt es uns leichter, eine nachhaltige, ökologisch sinnvolle Forstwirtschaft zu betreiben», sagt Daniel von Euw. Die Waldarbeiter der Korporation schlagen jährlich 30 000 Kubikmeter Holz. Rund ein Fünftel davon ist Brennholz, der grösste Teil davon wird für die eigenen Schnitzelfeueranlagen verwendet. Die Forstwirtschaft ist der wichtigste Umsatzpfeiler der Oberallmeind, auf ihn entfällt fast die Hälfte des Korporationserlöses von 8,58 Millionen Franken.

Wesentlich lukrativer sind indes die Liegenschaften, sie spielten im vergangenen Jahr einen Umsatz von 2,71 Millionen Franken ein. Da sind zum einen die Mieten für 82 Wohnungen und Geschäftsräume. Zum andern kassiert die Landbesitzerin Pachtzinsen für Baurechte und Nutzungsabgeltungen in den Skigebieten Stoos, Hoch-Ybrig und im Mythengebiet oder für den Kiesabbau wie im Zingel Seewen.

Kein «Zehnernötli» mehr

Die Cashflow-Quote von 17,8 Prozent lässt auf eine gesunde Ertragslage schliessen. Investiert wurden im vergangenen Jahr 1,6 Millionen Franken, der bei genossenschaftlichen Einrichtungen unmassgebliche Gewinn bezifferte sich auf 135 000 Franken. Früher teilte die Oberallmeind den Gewinn unter ihren Mitgliedern auf, zuletzt reichte es aber bloss noch für ein «Zehnernötli» im Jahr. Seit neun Jahren verzichtet die Korporation in Anbetracht der gestiegenen Mitgliederzahl darauf, einen «Nutzen» auszuzahlen. «Den bescheidenen Gewinn investieren wir», sagt Daniel von Euw.

Zum Beispiel in den Ausbau von Alpgebäuden, wie das vor ein paar Jahren auf der Zwäcken-Alp geschah. Dort, wo der Oberallmeind-Angestellte Martin Brun zusammen mit seiner Familie zurzeit den zehnten Sommer in Folge das Vieh hütet. Der gelernte Zimmermann verbrachte schon als Kind den Sommer oft auf der Alp. Für ihn wurde auf Zwäcken ein Bubentraum wahr.

Rainer Rickenbach / Neue LZ