Baustellen bleiben trotz Corona-Krise offen: Das sagen Zentralschweizer Baufirmen

Der Bund will Baustellen nicht generell schliessen. Zentralschweizer Baufirmen begrüssen den Entscheid. Die Gewerkschaft Unia übt aber Kritik.

Maurizio Minetti
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Abstand halten, Hände waschen, bei Fieber zu Hause bleiben: Diese Regeln im Kampf gegen die Verbreitung des Corona-Virus gelten auch auf Baustellen. Weil es aber auf dem Bau nicht immer einfach ist, Hygienemassnahmen und Abstandsregeln einzuhalten, haben die Kantone Tessin, Genf und Waadt in den letzten Tagen im Alleingang die Schliessung von Baustellen verordnet.

Vorschriften eingehalten: Anliker-Baustelle beim Backwarenhersteller Hug in Malters.

Vorschriften eingehalten: Anliker-Baustelle beim Backwarenhersteller Hug in Malters.

Bild: Eveline Beerkircher (23. März 2020)

Doch nun hat das Bundesamt für Justiz am Montag unmissverständlich gesagt, dass dies nicht zulässig ist. Schweizweit bleiben Baustellen damit generell offen, doch sind die Baufirmen weiterhin verpflichtet, Hygiene- und Abstandsregeln einzuhalten. Baustellen dürften höchstens geschlossen werden, wenn man sehe, dass die Vorgaben des Bundes bezüglich Abstand und Hygiene nicht eingehalten werden, heisst es aus Bern.

Ansteckungsgefahr auf dem Bau geringer als im Laden

Bei der Luzerner Baufirma Anliker nimmt man den Entscheid des Bundesrats mit Erleichterung zur Kenntnis. Das Unternehmen mit Hauptsitz in Emmenbrücke beschäftigt in der ganzen Zentralschweiz gut 900 Personen und ist damit einer der wichtigsten regionalen Player im Sektor. «Die generelle Schliessung von Baustellen wäre ein kostspieliges Unterfangen mit ungeahnten Folgen», sagt Roland Dubach, Leiter der Bausparte von Anliker.

Er zweifelt, ob in einem solchen Fall die Milliarden-Beträge für Wirtschaftshilfen aus der Bundeskasse genügen würden, um die Folgen einzudämmen. «Nicht nur Kurzarbeit wäre dann ein flächendeckendes Thema, sondern nebst nicht gedeckten Strukturkosten wie Inventar und Werkhof würden massive Vermögensschäden und für die Bauherren generell verspätete Fertigstellungstermine entstehen.»

Die Vorschriften des Bundes seien streng und man stelle nicht die Wirtschaftlichkeit über die Gesundheit, denn man könne diese Auflagen mit einem vertretbaren Aufwand einhalten, betont Dubach. Er macht ein Beispiel: «In einem Bus, der Platz für neun Personen bietet, fahren aktuell nur noch drei Bauarbeiter inklusive dem Fahrer mit.» Seiner Meinung nach ist zudem die Gefahr einer Ansteckung auf der Baustelle geringer als etwa in einem Lebensmittelgeschäft, wo man nie wissen könne, wer vor oder nach einem in der Warteschlange steht.

Gewerkschaft bekommt Hunderte Meldungen

Gleicher Meinung ist auch Alex Lütolf, Verwaltungsratspräsident der Daedalus Holding, welche unter anderem die Rotkreuzer Büwe Tiefbau und die Surseer Sustra umfasst. «Es gibt auf Baustellen im Wesentlichen drei Bereiche, die man im Auge behalten muss: die Hygiene inklusive Abstandsregeln, die Mittags- und Znünipausen auf den Baustellen und die Personaltransporte.» Laut Lütolf halten sich die Baustellen seiner Betriebe streng an die Vorgaben. «Wir lernen täglich hinzu und sind bestrebt, unsere Organisation laufend zu verbessern.» Eine generelle Schliessung von Baustellen im ganzen Land ist seiner Meinung nach nicht angebracht.

Doch in den letzten Tagen hat sich gezeigt, dass schweizweit nicht alle Baustellen die Vorschriften des Bundes sauber anwenden können. Laut der Gewerkschaft Unia können die Massnahmen des Bundes an sehr vielen Orten nicht umgesetzt werden. «Wir bekommen Hunderte von Anrufen von Bauarbeitern im Moment, denn sie fahren gleich wie bisher eng zusammen im Fahrzeug zur Baustelle, und sie haben nur eine kleine Baracke, in der sie bei Schlechtwetter eine Pause gemeinsam machen können», sagte Nico Lutz, Sektorleiter Bau bei der Gewerkschaft Unia, kürzlich dem «Echo der Zeit» von Radio SRF.

Baustellen werden zum Teil vorsorglich geschlossen

Lassen sich die Massnahmen des Bundes nicht anwenden, kommen die Baufirmen nicht darum herum, Baustellen zu schliessen. «Es gibt Baustellen, die aufgrund von Massnahmen durch die Bauherrschaft geschlossen wurden», bestätigt Kurt A. Zurfluh, Geschäftsführer der Zentralschweizerischen Baumeisterverbände. Auch wisse man von Baustellen, die vorsorglich geschlossen worden seien und die Mitarbeiter zu ihrem eigenen Schutz in Quarantäne gegangen seien.

Bei Sustra oder Büwe waren bislang Schliessungen wegen der Corona-Krise nicht nötig. Anliker hat von sich aus ebenfalls keine Baustellen geschlossen, allerdings haben sich zum Teil Bauherren dafür entschieden. Auch der grösste Schweizer Baukonzern Implenia musste den Baustellen-Betrieb einschränken. «Bis anhin mussten wir aus unterschiedlichen Gründen einige Baustellen temporär oder bis auf weiteres schliessen. In der Schweiz arbeiten wir jedoch auf den meisten Baustellen weiter, unter strikter Einhaltung der Verhaltens- und Hygienemassnahmen der Behörden sowie von Implenia selbst», sagt eine Firmensprecherin auf Anfrage.