Bei Schmolz+Bickenbach bleibt kein Stein auf dem anderen

Nach einem wirtschaftlich schlechten ersten Halbjahr rollt beim Luzerner Stahlkocher nun die Entlassungswelle an.

Christopher Gilb
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Schmolz+Bickenbach wurde von der Coronakrise hart getroffen.

Schmolz+Bickenbach wurde von der Coronakrise hart getroffen.

Bild: Dominik Wunderli (Emmenbrücke, 29. Juni 2020)

Wenn ein Konzern einen Restrukturierungsexperten in die Konzernleitung holt, dann spricht das gemeinhin für die Dringlichkeit von Massnahmen. So geschehen nun beim Luzerner Stahlhersteller Schmolz+Bickenbach (S+B). Dieser legte am Mittwoch höchst unbefriedigende Zahlen fürs erste Halbjahr vor. «Denn das zweite Quartal», wie CEO Clemens Iller ausführt, «war fest im Griff der Covid-19-Krise.»

CEO Clemens Iller.

CEO Clemens Iller.

Konkret brach der Umsatz des angeschlagenen Stahlkonzerns im zweiten Quartal im Vergleich zum Vorjahr um 41,8 Prozent auf 470 Millionen Euro ein. Beim bereinigten Ebitda geht der Konzern gar von einem Quartalsverlust von 45,8 Millionen Euro aus. Als Gründe wurden die historischen Produktionstiefstände in der Automobilindustrie, aber auch grosse Nachfrageeinbrüche im Maschinen- und Anlagenbau genannt. Zur Veranschaulichung: Insgesamt 350 Tage seien die acht Schmelzöfen von S+B stillgestanden, gab CFO Matthias Wellhausen zu bedenken. Aufgabe des neuen Chief Restructuring Officer (CRO), Josef Schultheis, sei es nun, die Transformation im Konzern zu intensivieren und «jeden Stein umzudrehen».

Stellenabbau am Hauptsitz in Luzern

Schultheis hat Erfahrungen mit Sorgenkindern. So war er als Sanierer unter anderem beim deutschen Versandhändler Quelle und der Warenhaus-Gruppe Karstadt aktiv. Im Fussballjargon ausgedrückt, so Iller, komme mit Schultheis ein Top-Mann in die Mannschaft. Schultheis selbst sagte, er freue sich auf die neue Aufgabe. «Es wird mit Sicherheit spannend.» Bis zum Jahr 2024, so das bekannte Ziel des Stahlkonzerns, soll das operative Ergebnis (Ebitda) um 274 Millionen Euro verbessert werden. Die Coronakrise hat dies nicht einfacher gemacht. So stehen gemäss Konzernchef Iller auch «vermehrt temporäre und strukturelle Personalmassnahmen im Fokus». In den vergangenen eineinhalb Jahren seien bereits die Verträge von rund 800 Leiharbeitern nicht erneuert worden. In Deutschland soll zudem nun eine dreistellige Zahl an Stellen gestrichen werden, in Frankreich ist ebenfalls ein Abbau geplant. Aber auch in der Schweiz gibt es Einsparungen: So sollen von den rund 60 Stellen bei der Konzernholding in Luzern 20 Prozent abgebaut werden – teils über Entlassungen, teils über den Verzicht auf Neubesetzungen.

Der neue CRO Josef Schultheis.

Der neue CRO Josef Schultheis.

Und wie steht es um die rund 700 Beschäftigten beim Stahlwerk Swiss Steel, dem Logistiker Panlog und dem Verarbeiter Steeltec in Emmenbrücke aus? Denn wie die Verantwortlichen bestätigten, ist Swiss Steel besonders von den Auswirkungen der Automobilkrise betroffen. Konkret werden wollten sie dazu noch nicht. Nur: «Wie die Mannschaft Ende Jahr aussieht, hängt davon ab, wie sich die Kunden verhalten werden», so Konzernchef Iller. Mit der heutigen Auftragslage liesse sich aber ein Dreischichtbetrieb auf längere Sicht nicht rechtfertigen.

Ähnlich sieht es auch Philipp Gamper, der als Analyst bei der Zürcher Kantonalbank den Konzern eng verfolgt. «Wenn sich die Auftragslage im vierten Quartal nicht erholt, werden Entlassungen in der Schweiz ein ernstes Thema.» Und mit einer Erholung der Auftragslage wird bei S+B «auf tiefem Niveau» frühestens im Laufe des vierten Quartals gerechnet. So sei seit Juni wieder ein Anstieg der Nachfrage spürbar, auch gäbe es positive Signale europäischer Automobilkunden.

Grossaktionär Haefner hält zu S+B

Positives konnte S+B betreffend der Sicherung, der mittel- und langfristigen Finanzierung vermelden. In Frankreich wie auch in der Schweiz seien Staatshilfen genehmigt worden. Hierzulande würden noch die letzten Formalitäten geklärt, die Hilfen seien aber bereit, um bezogen zu werden. Zur Höhe wurden keine Angaben gemacht. Auch liege eine «ausreichende grosse» Finanzierungszusage der vom grössten Aktionär von S+B, Martin Haefner, kontrollierten Big Point Holding vor. Haefner hatte den Konzern Ende 2019 schon einmal gerettet.

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