Industrie
Belohnt sich die ABB schon in diesem Jahr?

Der Konzern hielt letztes Jahr an Strategie und Stromnetzen fest – und startet mit «Momentum» ins 2017.

Fabian Hock
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ABB-Mitarbeiter in Turgi: Was erwartet den Konzern in diesem Jahr? Arnd Wiegmann/Reuters

ABB-Mitarbeiter in Turgi: Was erwartet den Konzern in diesem Jahr? Arnd Wiegmann/Reuters

REUTERS

2016 war ein gutes Jahr für ABB. So banal dieser Satz klingt, so unvorstellbar war für viele vor 12 Monaten, dass man ihn mal lesen wird. Denn der Technologiekonzern startete unter erschwerten Bedingungen ins vergangene Jahr. Die Aktie schlurfte irgendwo um die 16-Franken-Marke herum und Konzernchef Ulrich Spiesshofer musste sich nicht nur mit denkbar schlechten Bedingungen auf den wichtigsten Endmärkten abfinden, sondern spürte schwedischen Atem im Nacken: Der Investor Cevian drängte die ABB-Spitze vehement zur Abspaltung der Division Stromnetze. All das sollte sich im Verlauf des Jahres noch zuspitzen. Doch Spiesshofer liess sich davon nicht beirren. Er brachte den Verwaltungsrat hinter sich und blieb cool. Spiesshofer traf viele richtige Entscheidungen im zurückliegenden Jahr.

Jahreszahlen am Mittwoch

Am Mittwoch präsentiert ABB nun schwarz auf weiss, wie das letzte Jahr gelaufen ist. Und zu meckern gibt es eigentlich kaum etwas. Zumindest was den Aktienkurs anbelangt. Von den rund 16 Franken Anfang letzten Jahres kletterte der Wert, Stand gestern, auf über 23 Franken. Während der Schweizer Aktienindex SMI, in dem die ABB gelistet ist, im vergangenen Jahr mehr als 6 Prozent verlor, gewannen die ABB-Anteile über 24 Prozent an Wert. Von Februar 2016 bis heute sind es gar mehr als 36 Prozent. Spiesshofer, der wegen des lange Zeit seitwärts krebsenden Aktienkurses bereits kritisiert worden war, darf am Mittwoch verkünden, dass sein Unternehmen die zweitbeste Aktienperformance aller Schweizer Grosskonzerne hingelegt hat.

Bester Titel, den es 2017 noch gibt

Zum Titel «Klassenbester» fehlte gar nicht mal so viel. Diesen schnappte sich Actelion aus Allschwil BL – allerdings unter besonderen Umständen: Vor wenigen Tagen wurde offiziell, was lange vermutet worden war: Der US-Konzern Johnson & Johnson kauft die Biotech-Spezialisten für den stolzen Preis von 30 Milliarden Dollar. Die lange kursierenden Übernahmegerüchte waren ein Haupttreiber für den Wertzuwachs der Actelion-Aktie von über 60 Prozent. Sobald sich J&J Actelion einverleibt hat, verschwindet die Aktie aus dem SMI. Ist man ABB besonders wohl gesonnen, liesse sich argumentieren, Actelion liefe ausser Konkurrenz. Der Konzern mit Sitz in Zürich-Oerlikon gewinnt dann zumindest den Titel «Firma mit der besten Aktien-Performance im 2016, die es auch 2017 noch gibt».

Der Kursverlauf ist indes nur die eine Seite. «Operativ blieb ABB schwach», sagt Alfred Glaser von der Investmentgesellschaft Oddo Securities. Es sei Anfang 2016 erwartet worden, dass sich die Konjunktur und damit auch die Nachfrage nach ABB-Produkten besser entwickelt, als dies letztlich geschehen ist. Betroffen seien vor allem die Endmärkte im Rohstoffbereich. Besonders das dritte Quartal sei enttäuschend verlaufen. So sei ABB, trotz guter Entwicklung des Aktienkurses, eher «vernünftig» durch das zurückliegende Jahr gekommen, sagt Glaser. Und auch was den Aktienkurs anbelangt, gelte es zu relativieren: Zwar ragt ABB im SMI heraus, doch im Vergleich zu anderen Kapitalgüter-Unternehmen liege die Performance ziemlich genau im Durchschnitt.

In jedem Fall lässt sich jedoch festhalten, dass die letzten Monate Positives mit sich brachten. Zu Jahresbeginn 2017 überraschte ABB mit einer Flut an Grossaufträgen für die Stromnetz-Division.

«Momentum» bei der ABB

Und auch wenn die Aktie im Vergleich mit direkten Konkurrenten nicht obenausschiesst, verleiht die Entwicklung dem Konzern etwas, wofür Amerikaner ein schönes Wort haben: «Momentum». Gemeint ist der Schwung, den ABB aus den letzten Monaten ins neue Jahr mitnehmen kann. Im Zuge dessen haben zuletzt sieben Analysten die ABB-Aktie auf «kaufen» hochgestuft, darunter Morgan Stanley und Bank of America Merrill Lynch.

Glaser von Oddo Securities nimmt derweil eine neutrale Haltung ein. Er sieht ABB gerade bei den Kostensparprogrammen auf dem richtigen Weg. Doch auch 2017 gäbe es noch einiges zu tun. Die angestossenen Restrukturierungsprogramme seien noch nicht abgeschlossen, und bei den Stromnetzen habe man gar noch ein neues mit dem Titel «Power Up» angestossen, welches im laufenden Jahr auf die Margen drücken werde. Auch der Preisdruck in den einzelnen Sparten bleibe weiterhin hoch.

Da kommt eines fast wie gerufen: die Ankündigung eines Infrastrukturprogramms in den USA. Präsident Donald Trump will Stromnetze auf Vordermann bringen und Fabriken in die USA zurückholen. Zusammen mit dem weltweiten Trend zu erneuerbaren Energien und positiver Tendenzen in automatisierungslastigen Sparten wie etwa der Automobilbranche gibt es also durchaus Potenzial für Überraschungen – auch im 2017.