BERN: Starker Franken und teurer Unterhalt verhageln die Bilanz der SBB

So viele Passagiere wie noch wie - und doch ist der Gewinn der SBB im vergangenen Jahr eingebrochen. Der teurere Schienenunterhalt und der unrentable Güterverkehr haben die Bilanz des Bahnunternehmens getrübt. Daran dürfte sich so schnell nichts ändern.

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Gleisarbeiter der SBB bei der Arbeit. (Bild: Dominik Wunderli / Neue LZ)

Gleisarbeiter der SBB bei der Arbeit. (Bild: Dominik Wunderli / Neue LZ)

Das «schwierige Umfeld» habe sich in der Bilanz niedergeschlagen, sagte SBB-Chef Andreas Meyer am Freitag vor den Medien in Bern. «Das Resultat reicht langfristig nicht.» Die SBB-Spitze hält deshalb am angekündigten Millionen-Sparprogramm «RailFit20/30» fest. In den nächsten Jahren sollen rund 900 Stellen gestrichen werden.

Zwar schrieb die SBB im Jahr 2015 wie gewohnt schwarze Zahlen, doch brach der Gewinn wegen Mehrausgaben in der Infrastruktur sowie tieferen Immobilienverkäufen um über ein Drittel ein. Unter dem Strich lag der Konzerngewinn noch bei rund 246 Millionen Franken.

 

Rekord bei Passagierzahlen

Die Frankenstärke trug ihren Teil zum schlechteren Ergebnis bei. Insgesamt habe der ungünstige Wechselkurs die Rechnung mit rund 80 Millionen Franken belastet, sagte Finanzchef Georg Radon. «Vor allem im Personen- und im Güterverkehr verzeichneten wir wegen des starken Frankens tiefere Erträge in Höhe von jeweils rund 35 Millionen Franken.»

Dabei wurden 2015 mehr Personen befördert. Die tägliche Passagierzahl durchbrach erstmals die 1,2-Millionen-Grenze (+2,7 Prozent). Insgesamt legten die Kunden 18,6 Milliarden Kilometer zurück (+1,8 Prozent).

Das Ergebnis im Personenverkehr verbesserte denn auch die SBB-Bilanz. Der Geschäftszweig verbuchte einen Gewinn von knapp 131 Millionen Franken - über ein Viertel mehr als 2014.

 

Opfer des eigenen Erfolgs

Der Erfolg hat aber auch seine Schattenseiten: Heute fahren täglich rund 101 Züge über ein Hauptgleis der SBB. Das Unternehmen muss Jahr für Jahr mehr Geld ausgeben, um die Infrastruktur zu unterhalten. Zudem wird das Netz ständig ausgebaut, um Verspätungen zu vermeiden oder eine dichtere Zugfolge zu ermöglichen.

Der Geschäftsbereich Infrastruktur schloss dadurch mit dunkelroten Zahlen. 96 Millionen Franken Verlust standen Ende Jahr zu Buche, das Defizit war damit fast doppelt so gross wie im Vorjahr.

2015 investierte die SBB rund 1,5 Milliarden Franken in neues Rollmaterial, Bahnhöfe und die Infrastruktur; die öffentliche Hand steuerte weitere rund 2 Milliarden Franken bei.

 

Zustand der Fahrbahn «ausreichend»

Dies reicht aus Sicht der SBB nicht. Die Verschuldung ist weiter angestiegen, weil zusätzliche Unterhaltsarbeiten anfielen, welche das Bahnunternehmen alleine stemmen musste. Ab 2017 soll die neue Leistungsvereinbarung mit dem Bund dafür sorgen, dass sich dies ändert.

Trotz intensivierter Unterhaltsarbeiten ist der Nachholbedarf noch immer gross: Er erhöhte sich um 275 Millionen auf 2,8 Milliarden Franken, was gesamthaft nach wie vor rund 3 Prozent des Wiederbeschaffungswerts aller Anlagen entspricht. Der Zustand der Fahrbahn ist gemäss dem am Freitag veröffentlichten Netzzustandsbericht 2015 trotzdem nur «ausreichend».

«Bei der Sicherheit müssen wir dranbleiben», sagte SBB-Chef Meyer. Der Unfall in Daillens VD habe dies wieder einmal gezeigt. Insgesamt sei die Sicherheit aber gewährleistet. «Es gibt keine akut kritischen Anlagen.»

 

Güterverkehr wieder defizitär

Ein weiteres Sorgenkind ist der Güterverkehr. SBB Cargo schrieb nach zwei positiven Jahren 2015 wieder rote Zahlen, obwohl mehr Güter transportiert wurden und auch die Nettotonnen-Kilometer und der alpenquerende Güterverkehr gegenüber 2014 um mehr als 4 Prozent zunahmen.

Der Verlust betrug 22 Millionen Franken. Als Gründe nannte die SBB-Spitze neben dem starken Franken die konjunkturelle Abschwächung sowie die zunehmende Deindustrialisierung. Dank Sparmassnahmen habe immerhin im zweiten Halbjahr ein ausgeglichenes Ergebnis erzielt werden können.

Weniger Gewinn machte die SBB mit ihren Immobilien. Sie bleiben laut Meyer aber «eine starke Säule im Geschäft». Das Ergebnis war im 2014 aufgrund der Veräusserung von Bürogebäuden aussergewöhnlich hoch ausgefallen. Im vergangenen Jahr resultierte ein Gewinn von 342 Millionen Franken.

 

Digitalisierung und Wettbewerb

Die Herausforderungen der SBB bleiben auch in Zukunft zahlreich. «Insgesamt steigen die Gesamtsystemkosten der Bahn, während andere Verkehrsträger mit Einsparpotenzialen von 50 bis 60 Prozent rechnen», sagte Meyer. Im internationalen Verkehr erstarkt zudem die Konkurrenz durch Fernbusse. Bereits heute sei dies auf der Achse Genf-Paris spürbar.

Auch in Sachen Digitalisierung müssten die Weichen richtig gestellt werden, sagte Verwaltungsratspräsident Gygi. «Ich hoffe, dass die ÖV-Brache agil genug ist, auf den Zug aufzuspringen.»
 

sda