BERUF: Home Office braucht Spielregeln

Arbeiten von zu Hause aus fristet in der Schweiz ein Nischendasein. Das Potenzial ist unbestritten, doch es bestehen auch Risiken.

Hans-Peter Hoeren
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Nach dem Wunsch der Initianten sollen heute möglichst viele Schweizerinnen und Schweizer von zu Hause aus arbeiten. (Bild: Keystone)

Nach dem Wunsch der Initianten sollen heute möglichst viele Schweizerinnen und Schweizer von zu Hause aus arbeiten. (Bild: Keystone)

Montagnachmittag arbeitet Mike de Bever (47) meistens von zu Hause aus. «Kreative und konzeptionelle Arbeiten kann ich von zu Hause oft effizienter erledigen», sagt der Leiter Consumer Marketing beim Guetzlihersteller Hug in Malters. Rund 450 000 Personen könnten in der Schweiz einmal pro Woche von zu Hause aus oder mobil arbeiten, doch in der Realität kommen flexible Arbeitsformen in der Schweizer Wirtschaft nur langsam voran. Auf das Potenzial dieser Arbeitsformen will heute ein Netzwerk aus Politik und Wirtschaft an einem Aktionstag, dem vierten Home Office Day in der Schweiz, aufmerksam machen (siehe Box).

IT-Firmen sind Vorreiter

«Bei Grossfirmen wie Microsoft und Swisscom sind Home Office und mobiles Arbeiten fixe Bestandteile der Philosophie», sagt Jens Meissner, Dozent für Organisation, Innovation und Risikomanagement an der Hochschule Luzern. Bei Mittelständlern und kleineren Firmen hingegen würden diese Konzepte erst erprobt. Insofern sei das Beispiel der Firma Hug bemerkenswert.

Das Gros der rund 340 Arbeitsplätze von Hug liegt in der Produktion, für 20 bis 25 Prozent der Beschäftigten ist aber Home Office gemäss CEO Andreas Hug eine Option. Der Verwaltungsbereich am Hauptsitz in Malters wird von einem Grossraumbüro dominiert. «Dort kann man zwar viel direkter kommunizieren, dafür wird man aber oft auch schnell abgelenkt», erklärt Mike de Bever.

Seit einigen Jahren arbeitet der Leiter Consumer Marketing regelmässig von zu Hause aus und will das nicht mehr missen. Grundsätzlich erlebe er das Arbeiten im Home Office als «sehr moti­vierend». Es verschaffe ihm mehr Flexibilität und damit der ganzen Familie mehr Lebensqualität, so Mike de Bever.

Maximal einen Tag pro Woche

Diese Bilanz deckt sich mit den Ergebnissen einer am Dienstag präsentierten Studie der Fachhochschule Nordwestschweiz. Befragt wurden dafür 473 Personen, davon 397 regelmässige Home-Office-Nutzer (siehe Grafik). Die Quintessenz der Studie: Wer von zu Hause aus arbeitet, ist zufriedener mit seinem Arbeitgeber und mit seiner Produktivität, zudem stünden Berufs- und Privatleben besser im Einklang.

Auch Andreas Hug, CEO der Hug AG, weiss diese Vorzüge zu schätzen. «Für mich persönlich ist es ein Gewinn an Lebensqualität, wenn ich ortsunabhängig arbeiten kann», sagt Andres Hug. Er setzt sich intensiv mit dem Thema auseinander. «Unsere bisherigen Erfahrungen sind sehr positiv», sagt Hug. Rund 40 Mitarbeitende nutzen das Home Office bei Hug in der Regel maximal einen Tag pro Woche. An einem Workshop der Hochschule Luzern hat sich Hug mit dem mobilen Arbeiten auseinandergesetzt. Sein Fazit: «Ich habe gelernt, dass man mit möglichst wenig Spielregeln arbeiten sollte.» Bei der Firma Hug bedeutet das: Das Home Office wird mit dem Linienvorgesetzten abgesprochen und im Terminkalender im Outlook vermerkt. «Zudem muss der Mitarbeiter telefonisch erreichbar sein. Es besteht aber kein Anspruch auf Kontaktaufnahme ausserhalb der Geschäftszeiten», sagt Andreas Hug.

Vertrauen ist Grundbedingung

Mobiles Arbeiten ist eine Herausforderung für viele Vorgesetzte, denn diese Arbeitsform setzt eine angepasste Führungskultur voraus. «Die Grundspielregeln beim Home Office lauten Vertrauen und Eigenverantwortung», sagt Ueli Gross, Geschäftspartner der Arbiz. Das Luzerner Unternehmen ist auf Coaching, Assessment und Beratung bei der beruflichen Orientierung spezialisiert. «Wir leben die Home-Office-Kultur auch intern», sagt Gross. Vor allem bei der konzeptionellen Arbeit. «Bei einem Vorgesetzten, der keine Erfahrungen mit dem Home Office hat, provoziert das oftmals Ängste vor einem Kontrollverlust, weil er die Mitarbeitenden nicht bei der Arbeit sieht», sagt Gross. Deshalb brauche es Regeln gerade punkto Erreichbarkeit, aber auch bezüglich Datensicherheit oder der Kostenaufteilung für die geführten beruflichen Telefonate. «Sind diese Spielregeln klar fixiert, dann hat Home Office ein grosses Potenzial», ist Gross überzeugt.

Der Jurist Daniel Jositsch, Zentralpräsident von KV und SP-Nationalrat, empfiehlt schriftliche Vereinbarungen zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber. «In den Vertrag gehören auch Regelungen zur Entschädigung von Infrastruktur», sagt Jositsch. Bereiche mit Konfliktpotenzial seien auch die Datensicherheit und die Wahrung von Geschäftsgeheimnissen. Zentral seien zudem klare Regeln bezüglich Arbeitszeit und Arbeitszeitkontrolle. «Unternehmen überlassen bei Home-Office-Tagen das Austarieren der Work-Life-Balance häufig den Mitarbeitenden», sagt Jens Meissner von der Hochschule Luzern. Doch auch wenn Mitarbeitende zu Hause arbeiteten, habe der Arbeitgeber ihnen gegenüber eine Fürsorgepflicht. «Diese sollte auch das Vermeiden von Überlastung beinhalten», sagt Meissner. Bestätigt wird das durch das Arbeitstrendbarometer, eine Umfrage unter 110 Experten verschiedener Fakultäten der Hochschule Luzern.

Yahoo schafft Heimarbeit ab

Trotz der zahlreichen Vorteile des Home Office bleibt das Büro als Ort der Begegnung wichtig. In der Umfrage der FH Nordwestschweiz wollte das Gros der Befragten nach durchschnittlich zwei Tagen zurück ins Büro. Mike de Bever kann das nachvollziehen: «Man sollte das Home Office punktuell nutzen. Der Austausch mit den Kollegen und Kolleginnen im Büro bleibt wichtig, letztlich braucht man beides.»

Den umgekehrten Weg ist Anfang Jahr der Internetkonzern Yahoo gegangen. Er hat Anfang Jahr die Heimarbeit wieder abgeschafft. Yahoo-Chefin Marissa Meyer will, dass die Mitarbeiter möglichst viel Zeit im Büro verbringen. Die besten Entscheide und Einsichten kommen gemäss Meyer bei Flur- und Cafeteria-Diskussionen zu Stande.

Petra Jenner, die Chefin von Microsoft Schweiz, widerspricht dem in einem Artikel in der «Handelszeitung» von Ende Februar. Bereits heute stammten 30 Prozent aller neuen Produktideen von Social-Media-Kanälen, 2020 dürften es 75 Prozent sein. «Es gibt wirkungsvollere Methoden, um auf neue Ideen zu kommen, als die Schlange vor der Kaffeemaschine oder die Raucherecke», sagt Jenner. Die Mitarbeiter von Microsoft Schweiz arbeiten im Schnitt pro Woche 1,5 Tage ausserhalb des Büros.