BERUFE: Die Lehre soll internationaler werden

Jugendarbeitslosigkeit ist in vielen Ländern ein ungelöstes Problem. Nicht so in der Schweiz. Viel Interesse gibt es daher am helvetischen Lehrlingswesen. Doch hierzulande leidet das duale Ausbildungssystem unter einem Imageproblem.

Daniel Zulauf
Drucken
Teilen
Ein Lernender der Firma Schindler bei der Montage eines Türantriebes für einen Aufzug. (Bild: PD)

Ein Lernender der Firma Schindler bei der Montage eines Türantriebes für einen Aufzug. (Bild: PD)

Die Wirtschaftskrise und die hohe Jugendarbeitslosigkeit haben in vielen Ländern ein noch nie da gewesenes Interesse am Schweizer Berufsbildungssystem geweckt. Die Bundesbehörden sind gefordert und suchen nach einer «kohärenten Antwort» auf die ausländische Nachfrage nach helvetischer Expertise in der Ausbildung von Berufsfachleuten, heisst es in einem Bericht über die Internationale Berufsbildungszusammenarbeit, den der Bundesrat in der vergangenen Woche erhalten hat. Nicht weniger als sechs Bundesämter haben unter Führung von Josef Widmer, dem früheren Leiter der Dienststelle Berufs- und Weiterbildung des Kantons Luzern, an dem Bericht mitgearbeitet.

Expertise als Exportartikel

Mit Schweizer Lehrlingen und Lehrtöchtern und ihren Erfolgen im späteren Arbeitsleben gibt es offensichtlich auch in der grossen Politik einiges zu gewinnen. Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) wittert die Chance, die helvetische Expertise in der Berufsbildung in den Verhandlungen über bilaterale Handelsabkommen als Gegenleistung anzubieten. Das Departement für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) sieht das Potenzial sogar für neue Zusammenarbeitsprojekte mit Schwellenländern, und das Aussenministerium erhofft sich ganz generell, mit praktischen und nützlichen Hilfestellungen in der Bildungspolitik einen Imagegewinn der Schweiz im Ausland.

Sichtbarer Höhepunkt dieses Bildungstourismus war der Besuch der südkoreanischen Präsidentin Park Guen-­Hye, die sich im vergangenen Jahr bei einem Besuch der Gewerblich-Industriellen Berufsschule Bern das Lehrlingswesen unter Begleitung von Aussenminister Didier Burkhalter persönlich erklären liess – und dafür lauter lobende Worte fand. Vor wenigen Jahren hatte die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) die Schweiz noch für ihre im internationalen Vergleich unterdurchschnittliche Akademikerquote gebrandmarkt. Inzwischen ist auch diese Organisation umgeschwenkt und attestiert der Schweizer Berufsbildung Vorbildcharakter. «Unser Berufsbildungssystem stösst im Ausland schon seit einiger Zeit auf sehr grosses Interesse», räumt Josef Widmer, seit zwei Jahren stellvertretender Direktor des Staatssekretariates für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI), im Gespräch mit der «Zentralschweiz am Sonntag» ein. «Wir wären dumm, wenn wir diese Chance zur Profilierung nicht nutzen würden.»

Vorteile im Inland hervorheben

Stefan Wolter, Bildungsökonom an der Universität Bern und einer der profundesten Kenner des Schweizer Schulwesens, ist zwar nicht voll überzeugt, dass das ausländische Interesse an der hiesigen Berufsbildung so tief geht, wie es derzeit den Anschein macht. In vielen Ländern entspringe es vielmehr der schieren Verzweiflung über die desolaten Zustände in den eigenen Arbeitsmärkten, stellte er im Juli in einem Vortrag am Industrietag der Schweizer Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie (Swissmem) nüchtern fest. Dennoch hält auch Wolter die Bemühungen des Bundes für richtig: «Wenn die Schweiz das Ansehen der Berufsbildung im Inland stärken will, dann tut sie gut daran, die Vorteile des Systems auch im Ausland herauszustreichen», sagt Wolter gegenüber unserer Zeitung.

Imagepolitur dringend nötig

Es mag paradox klingen, aber das Lehrlingswesen hat trotz seiner offensichtlichen Erfolge gerade im Inland eine Imagepolitur dringend nötig. «Etwa jeder vierte Schüler in der Schweiz hat eine ausländische Herkunft», gibt Wolter zu bedenken. Weil die Qualität der Berufsbildung in vielen, insbesondere in den angelsächsischen Ländern, ungenügend ist, geniesst die Berufsbildung dort im Vergleich zur gymnasialen und akademischen Bildung üblicherweise einen geringen Stellenwert. «Dies erklärt, weshalb viele Eltern, unabhängig von ihrem Bildungsstand, auch nach dem Umzug in die Schweiz eine deutliche Präferenz für das Gymnasium haben», erklärt Wolter. Man könne in der Schweiz deshalb Ansätze zu einem Parallelsystem in der Bildungslandschaft beobachten, warnt er. «Aber es darf nicht sein, dass nur die Schweizer und die Ausländer, die sich keine Privatschulen leisten können, ihre Kinder dem Berufsbildungssystem anvertrauen.»

Für Druck im Inland sorgt auch die Kritik von Bildungswissenschaftlern. Walther Zimmerli, emeritierter Schweizer Philosophieprofessor an der Humboldt- Universität in Berlin, provoziert die Wirtschaftsverbände mit seiner These, dass in einer wissensbasierten Gesellschaft wie der Schweiz binnen weniger als zwei Jahrzehnten zwei Drittel der Bevölkerung einen Abschluss auf Hochschulniveau benötigen werden, um den dannzumaligen Erfordernissen des Arbeitsmarktes genügen zu können. Das Weissbuch «Zukunft Bildung Schweiz», das Zimmerli vor fünf Jahren verfasste, sorgte auch auf der Swissmem-Tagung wieder für rote Köpfe. Auf der Hand liegt die Vermutung, dass die Skepsis gegenüber der Berufslehre im Inland auch Schweizer Akademiker dazu bringt, ihre Kinder im Zweifelsfall lieber auf den akademischen Weg einzuschwören, als sie zum Start in eine Lehre zu motivieren.

Chance für die Berufsbildung

Die Entwicklungen werden von der Wirtschaft als ernsthafte Bedrohung wahrgenommen. Denn mit der fortschreitenden Alterung der Bevölkerung werden Fachkräfte und junge Talente in Arbeitskluft in allen Branchen zunehmend rar. Diese Not der Betriebe aber ist die vielleicht grösste Chance für das Berufsbildungssystem zu einer dauerhaften Imagekorrektur auch im Inland.

Die vom Bund in Gang gesetzten Anstrengungen sind vielversprechend. Das seit Jahrzehnten bestehende Problem der internationalen Anerkennung von Diplomen in der höheren Berufsbildung wird aktiv angegangen. «In Europa sind wir auf gutem Weg, es zu lösen», sagt Widmer. Möglicherweise im nächsten Jahr wird ein Eidgenössisch diplomierter Schreinermeister zu seinem schweizerischen Diplom eine internationale, in Englisch abgefasste Auszeichnung erhalten. Darin wird er im achtstufigen europäischen Qualifikationsrahmen die Stufe sechs (Bachelor) oder sieben (Master) erhalten und mit den akademischen Diplomen aus diesen Länder direkt in Konkurrenz treten können.

Auch bei der Mobilität setzt der Bund den Hebel an: «Der Arbeitsmarkt wird immer internationaler. Lehrlinge sollten deshalb schon während der Lehre oder kurz danach im Ausland Erfahrungen sammeln können. Dafür setzen wir uns ein», verspricht Widmer.

Eine ganze Reihe von international aufgestellten Unternehmen haben diese Option zur Steigerung der Attraktivität ihrer Lehrplätze bereits für sich entdeckt, und sie sind dabei, diese umsetzen. Der Aufzughersteller Schindler in Ebikon will im kommenden Jahr zwei kaufmännische Lernende während der Schulferien für drei Wochen in die Tochtergesellschaft nach London schicken. Lehrabsolventen im kaufmännischen und technischen (Polymechaniker oder Aufzugsmonteur) Bereich sollen am gleichen Ort erst erste Arbeitserfahrungen im Ausland sammeln können.

Lektionen per Videokonferenz

Schindler tauscht auch Erfahrungen mit dem Maschinenhersteller Bühler in Uzwil aus. Dieser hat das Austauschsystem bereits erfolgreich getestet und schickt Lernende für vier Monate nach Johannesburg, Minneapolis oder Wuxi (China). Die Lektionen der Berufsfachschule werden den im Ausland weilenden Lehrlingen per Videokonferenz nachgeliefert. Bei Bühler ist die Begeisterung der Lernenden offenbar riesig, wie zwei Rückkehrer dieser Tage dem «Blick» versichert haben. Unter den für den Austausch auserwählten Schindler-Stiften herrscht die Vorfreude auf den Abstecher jetzt schon; das versichert Bruno Wicki, der die Verantwortung für das Lehrlingswesen des Konzerns mit seinen über 300 Stiften in der Schweiz betreut. Die Rekrutierung neuer Lehrlinge werde auch für Schindler spürbar schwieriger, sagt Wicki. «Es ist bekannt, dass die Schweiz eine gut strukturierte duale Ausbildung hat. Viele schauen sich unser Modell sogar an.» Doch die Schweiz solle das Ausbildungssystem im Ausland weiter bekannt machen und der Ausbildungslinie treu bleiben.

In der Zentralschweiz geniesst die Berufslehre ein hohes Ansehen. Obwohl sich die Anzahl Schulabgänger in den sechs Kantonen der Region als Folge der demografischen Entwicklung seit 2011 um 6,4 Prozent auf 7049 Jugendliche zurückgebildet hat, ist die Anzahl neuer Lehrverträge um 2 Prozent und die Anzahl laufender Lehrverträge sogar um 5,6 Prozent gestiegen.