BERUFSEINSTIEG: «Schüler wünschen im Beruf eine Verlängerung des Hobbys»

Die Berufswahl ist für Schüler eine grosse Herausforderung. Dabei läuft heute vieles besser, wie der Luzerner Berufsberater Gerhard Jokiel (61) erzählt. Er gibt Tipps für eine erfolgreiche Lehrstellensuche.

Interview Roseline Troxler
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Schüler informieren sich bei Schindler in Ebikon über den Berufseinstieg. (Bild Pius Amrein)

Schüler informieren sich bei Schindler in Ebikon über den Berufseinstieg. (Bild Pius Amrein)

Gerhard Jokiel. (Bild: PD)

Gerhard Jokiel. (Bild: PD)

Gerhard Jokiel, in der Zentralschweiz gibt es mehr freie Lehrstellen als in den Vorjahren (wir berichteten). Im Kanton Luzern sind aktuell 1500 Lehrstellen offen. Wie beurteilen Sie als Berufsberater die Lage?

Gerhard Jokiel: Es ist in erster Linie ein Zeichen für die erfreulich hohe und weiterhin steigende Ausbildungsbereitschaft der Unternehmen. Und es ist auch ein positives Signal an die Jugendlichen, die jetzt auf Stellensuche sind.

Haben Schüler höhere Chancen auf eine Lehre im Wunschberuf?

Jokiel: Die Chancen erhöhen sich nur bedingt. Wenn ich einen Traumberuf habe, den ich mit Hunderten teile, es aber nur drei Stellen gibt, sind die Lehrstellen immer noch schnell weg. Die Auswahl an Lehrstellen hängt von der Branche ab. Doch bei steigendem Lehrstellenangebot und sinkenden Schülerzahlen stelle ich fest, dass die Lage für Schüler auf Lehrstellensuche komfortabler wird.

Ist es überhaupt hilfreich, wenn Schüler einen Traumberuf haben?

Jokiel: Es hilft nicht, wenn sich die Schüler auf einen einzigen Beruf fixieren. Ich empfehle, sich auf ein paar Alternativen zu konzentrieren. Dort sollen sie die Lehrstellensuche realistisch und zielstrebig verfolgen. Wir Menschen können mehr als eine Tätigkeit ausüben und uns in verschiedene Berufe hineinfinden.

Welche Berufe sind bei Jugendlichen heute «in»?

Jokiel: Jugendliche haben heute einen weniger direkten Einblick in die Arbeitswelt. Die Konsum- und Freizeitwelt beeinflusst sie stark in der Berufswahl. Daher wünschen sich Schüler im Beruf eine Verlängerung des Hobbys. Der Fussballfan etwa will Sportartikel verkaufen, Mädchen träumen von einer Arbeit in einer Modeboutique, und weil heute fast jeder eine Digitalkamera besitzt, reizt viele der Beruf des Fotografen. Das entspricht aber nicht in gleichem Mass dem Angebot in der Arbeitswelt. Schülerinnen und Schüler wählen immer noch meist geschlechtstypische Berufe. Und Inhouse-Berufe im Dienstleistungssektor sind beliebter als solche an der frischen Luft.

Welche Berufe sind Ladenhüter?

Jokiel: Auf keinen Fall Ladenhüter – aber Lehrstellen in handwerklichen Berufen sind schwieriger zu besetzen als früher. Es ist schade, dass das Werken und «Büezen» in der Schule hinter den vielen intellektuellen Ansprüchen zu kurz kommt.

Was geben Sie den Schülern als Berufsberater mit auf den Weg?

Jokiel: Die Grundbildung ist der Anfang, nicht das Ende der beruflichen Entwicklung. Schüler müssen nicht auf Träume verzichten, aber es braucht Beharrlichkeit, Fleiss und Geduld zur Verwirklichung. Dafür gibt es heute enorm viele Entwicklungsmöglichkeiten nach der Lehre.

Welches sind No-Gos?

Jokiel: Schüler sollen eine Schnupperlehre nicht unvorbereitet antreten. Das verärgert Unternehmen. Denn die Bewerbung um eine Lehrstelle beginnt lange vor dem Einreichen des Bewerbungsschreibens. Schreibfehler und Fettflecken auf dem Dossier sind ebenfalls ein No-Go. Diesbezüglich haben Jugendliche jedoch grosse Fortschritte gemacht.

Wie wichtig sind Schnupperlehren?

Jokiel: Sie sind Türöffner für die Lehrstellen. Ich empfehle jedem Schüler, in drei bis vier Berufen zu schnuppern. Wenn der Beruf dann festgelegt ist, lohnt sich der Besuch mehrerer Betriebe. Es kann zudem hilfreich sein, zu verschiedenen Jahreszeiten einen Betrieb zu besuchen. Im Sommer auf dem Bau zu arbeiten, ist eine andere Erfahrung als im Winter.

Was fordert Sie als Berufsberater?

Jokiel: Manchmal geht es darum, kindliche Träume in einen realistischen Ausbildungswunsch umzuformen. Die Herausforderung besteht darin, den Prozess geduldig und verständnisvoll zu begleiten. Es braucht Vertrauen in die Entwicklungsfähigkeit der Jugendlichen.

Was läuft besser als vor 20 Jahren?

Jokiel: Es gibt keine Sackgassen in der Berufsbildung. Das System ist enorm durchlässig. Der Weg von der Lehre über die Berufsmatura in die Fachhochschule ist die Erfolgsgeschichte der letzten zwanzig Jahre. Aber auch für die weniger leistungsstarken Jugendlichen gibt es mit der Einführung der zweijährigen Attestlehre bessere Möglichkeiten. Es ist ein wertvoller Einstieg, weil es sich um einen anerkannten Berufsabschluss handelt.

Wo besteht Handlungsbedarf?

Jokiel: Für die schwächeren Schüler sind weitere Attestlehrstellen nötig. Es braucht aber auch zusätzliche Angebote für leistungsstarke Schüler. Handwerkliche Berufe müssen in der Gesellschaft wieder besser akzeptiert werden. Weiter wünsche ich mir, dass Ausbildungsbetriebe die Verträge mit den Schülern nicht mehr als ein Jahr vor Lehrbeginn abschliessen.

Hinweis

Gerhard Jokiel (61) ist seit 18 Jahren als Berufsberater bei der Dienststelle Berufs- und Weiterbildung des Kantons Luzern tätig. Er ist verheiratet und Vater eines Sohnes (14) und einer Tochter (10).

BERUFSBERATUNG: Die Dienststelle Berufs- und Weiterbildung bietet Jugendlichen Information und Beratung zur Berufs- und Studienwahl an. Die Beratung für Jugendliche ist kostenlos. Weitere Informationen finden Sie unter www.beruf.lu.ch