Mindestlohn
Berufslehre kostet Jugendlichen über 100'000 Franken

Für viele Angestellte in Tieflohnbranchen sind die Lohneinbussen während der Lehre kaum mehr aufzuholen, da sie nachher nur wenig mehr verdienen als Ungelernte. Das stellt sich die Frage: Braucht es für gewisse Tätigkeiten denn überhaupt eine Lehre?

Thomas Schlittler
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«Aldi Suisse hebt Mindestlöhne erneut deutlich an», verkündete der deutsche Discounter letzte Woche. Ab dem neuen Jahr erhalten alle Vollzeitangestellten mindestens 4200 Franken brutto pro Monat – hinzu kommt der 13. Monatslohn. Damit schwingt Aldi Suisse im Vergleich mit anderen in der Schweiz tätigen Detailhändlern oben aus.

Zumal diese Lohnuntergrenze für ungelernte Mitarbeitende genauso gilt wie für Mitarbeitende mit einem Lehrabschluss.

Mindestlöhne: geringe Abstufungen

Mit einem einheitlichen Mindestlohn für alle Angestellten ist Aldi Suisse im Schweizer Detailhandel eine Ausnahme. Die direkten Konkurrenten stufen je nach Ausbildungsgrad ab. Bei Lidl verdient ein Ungelernter mit einer Vollzeitanstellung mindestens 4000 Franken. Ein zweijährig gelernter Mitarbeiter bekommt 4100 Franken und ein dreijährig gelernter Mitarbeiter 4250 Franken. Bei Coop stehen einem Ungelernten 3800 Franken zu. Je nach Länge der Ausbildung (zwei, drei oder vier Jahre) steigt auch der Mindestlohn (3900, 4000, 4100). Die Migros hat ab 2014 die gleichen Mindestlöhne wie Coop. Einzig die Angestellten mit einer vierjährigen Grundbildung erhalten beim orangen Riesen nochmals 100 Franken mehr (4200).
In anderen Branchen sind die Lohnunterschiede zwischen Gelernten und Ungelernten gemäss der Gewerkschaft Unia deutlich grösser: «Im Gastgewerbe beträgt die Differenz der Personen mit abgeschlossener Berufslehre zu den Ungelernten rund 700 Franken», so Natalie Imboden, die Branchenverantwortliche Detailhandel. (TSC)

Lohnt sich eine Lehre noch?

Gleicher Mindestlohn für alle – egal, ob ausgebildet oder nicht. Was sich toll anhört, wirft aber die Frage auf, ob es sich unter diesen Umständen für Schulabgänger überhaupt noch lohnt, eine Lehre zu machen. Die Rechnung ist einfach: Während der dreijährigen Ausbildungszeit verdient ein Lehrling bei Aldi Suisse insgesamt 55 484 Franken. Würde er stattdessen drei Jahre als ungelernter Angestellter zum Mindestlohn von 4200 Franken arbeiten, käme er auf 163 800 Franken. Also auf 108 316 Franken mehr.

Dieser Lohnrückstand ist in Tieflohnbranchen wie dem Detailhandel für viele Angestellte kaum mehr wettzumachen. Stefan Wolter, Bildungsökonom der Universität Bern, sagt deshalb: «Steigende Mindestlöhne für Ungelernte mindern grundsätzlich die Attraktivität einer Lehre, da die Rentabilität der Ausbildung sinkt.»

Jugendliche wenden sich nicht ab

Unternehmen, bei denen die Mindestlöhne für Gelernte und Ungelernte nahe beieinanderliegen, wollen von einem Attraktivitätsverlust der Lehre nichts wissen. Sie verweisen unisono auf die besseren beruflichen Perspektiven, die ein Lehrabschluss mit sich bringe: «Eine qualifizierte Ausbildung ermöglicht den Lernenden beste Chancen für einen weiteren Aufstieg», heisst es bei Aldi.

Die Migros schreibt: «Ungelernte Mitarbeitende im Detailhandel haben kaum Entwicklungschancen.» Und Lidl verspricht: «Mit den Lernenden von heute möchten wir unsere Führungspositionen von morgen besetzen.» Coop nennt gar Zahlen: «Drei Jahre nach Lehrabschluss haben bereits über ein Drittel der Lehrabgänger eine Führungsfunktion inne.»

Nachteil kaum je wettzumachen

Diese Statements sind keine Lippenbekenntnisse, die Detailhändler fördern ihre Lehrlinge tatsächlich. Wer im Detailhandel Karriere machen will, braucht deshalb einen Lehrabschluss. Fakt ist aber auch: Es kann nicht jeder Karriere machen. Die Anzahl Filialleiterposten ist beschränkt.

Viele Angestellte – nicht zuletzt Mütter, die Teilzeit an der Kasse arbeiten – steigen in der Hierarchie kaum auf. Das bedeutet, dass sie auch lohnmässig keine grossen Sprünge machen. Für sie ist es deshalb extrem schwierig, den Lohnrückstand aus der Lehrzeit je wettzumachen. Denn damit die ausgebildete Frau an der Kasse gegenüber der ungelernten Kollegin 108 000 Franken aufholt, muss sie 45 Jahre lang Vollzeit arbeiten und pro Monat 200 Franken mehr verdienen.

Trotz dieser Ausgangslage wenden sich die Jugendlichen in Branchen mit hohen Mindestlöhnen für Ungelernte bis jetzt nicht von der Lehre ab: «Wir sehen keine Tendenz in diese Richtung», sagt Thomas Eichenberger, Geschäftsführer von ask!, einer Beratungsorganisation im Bereich Ausbildung und Beruf.

Es komme nur ganz selten vor, dass junge Leute ernsthaft in Erwägung ziehen, ohne Ausbildung ins Berufsleben einzusteigen. Der Mindestlohn für Ungelernte sei bei der Berufswahl kein Thema, versichert Eichenberger: «In meiner ganzen Laufbahn hat – im Nachhinein betrachtet, zu meinem eigenen Erstaunen – nie ein Jugendlicher danach gefragt.»

Ob mit oder ohne Ausbildung: Bei Aldi Suisse gibts für jeden 4200 Franken – rechnet sich da die Lehre noch?

Ob mit oder ohne Ausbildung: Bei Aldi Suisse gibts für jeden 4200 Franken – rechnet sich da die Lehre noch?

Braucht es für alles eine Lehre?

Die Erfahrungsberichte von der Front zeigen, wie stark die Berufslehre in der Schweizer Gesellschaft verankert ist. Auch eine Umfrage bei Gewerkschaften, Firmen und Wissenschaftern zeigt: Alle sind vom dualen Berufsbildungssystem überzeugt. Die tiefe Jugendarbeitslosigkeit und der wirtschaftliche Erfolg der Schweiz gibt den Fürsprechern recht.

Dennoch muss die Frage erlaubt sein: Ist eine Lehre wirklich in jeder Branche sinnvoll? Aldi Suisse zahlt Ungelernten den gleichen Mindestlohn wie Angestellten mit einer abgeschlossenen Lehre – bedeutet das nicht, dass Leute ohne Ausbildung auch gleich viel leisten können?

Aldi Suisse sagt dazu: «Durch eine gründliche Einarbeitung ins Tätigkeitsgebiet und mit fortdauernder Berufserfahrung kann ein ungelernter Mitarbeiter das Leistungsniveau eines gelernten Mitarbeiters erreichen.» Im Klartext: Für gewisse Arbeiten braucht es keine Lehre.

Auch für Bildungsökonom Stefan Wolter ist klar: «Wenn die Löhne eng beieinanderliegen, dann scheinen unqualifizierte Mitarbeitende praktisch den gleichen Job zu machen wie ausgebildete Personen.» Er hält die Lehre aber trotzdem für wichtig, nicht zuletzt für die Unternehmen: «Die Betriebe müssen die jungen Leute ausbilden, um genügend Kaderleute rekrutieren zu können.»

Mit einem ganz anderen Argument spricht sich Jürg Schneider, Leiter betriebliche Ausbildung beim Kanton Basel-Landschaft, für die Lehre aus: «Die berufliche Grundbildung hat besonders in Tieflohnbranchen auch eine gesellschaftliche Aufgabe.» Die Lehre fördere die Allgemeinbildung und steigere bei einem erfolgreichen Abschluss das Selbstwertgefühl.

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