Besseres Gewissen für Shopper: Das Zalando-Subunternehmen MS Direct schliesst GAV ab

Mindestlohn und Weiterbildungsmöglichkeiten: Das Zalando-Subunternehmen MS Direct schliesst einen Gesamtarbeitsvertrag ab.

Roman Schenkel
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Pakete von Zalando in einem Korb im Paketzentrum der Schweizerischen Post. Bild: Peter Klaunzer/Keystone (Härkingen, 3. Juni 2019)

Pakete von Zalando in einem Korb im Paketzentrum der Schweizerischen Post. Bild: Peter Klaunzer/Keystone (Härkingen, 3. Juni 2019)

Seit Jahren legen die Zahlen im Onlinehandel im zweistelligen Prozentbereich zu. Im Schweizer Markt wurden 2018 9,5 Milliarden Franken umgesetzt. Besonders stark wächst das grenzüberschreitende Geschäft. Der Treiber des Wachstums: Onlineriese Zalando. Über 13 Millionen Pakete des deutschen Konzerns hat die Schweizerische Post 2018 gemäss dem Online-Spezialisten Carpathia in die Haushalte geliefert. 8 Millionen Pakete wurden wieder retourniert – weil die Hose zu eng oder die Schuhe zu klein waren.

So praktisch und bequem der Online-Einkauf ist, die Angestellten, die diese Pakete verarbeiten, tun dies meist zu tiefen Löhnen und schlechten Arbeitsbedingungen. Die sogenannte «Fulfillment-Branche» wurde in der Vergangenheit von den Gewerkschaften deshalb stark kritisiert. Gesamtarbeitsverträge sollen die Situation ändern. Am Donnerstag haben die Gewerkschaft Syndicom und das private St. Galler Logistikunternehmen MS Direct dafür einen ersten Pflock eingeschlagen. Sie haben einen Gesamtarbeitsvertrag vereinbart.

Dieser sichert den Angestellten von MS Direct beim Einstieg einen Stundenlohn von 19,65 Franken zu, nach sechs Monaten steigt er auf 20,52 Franken an. «Damit liegen wir über dem vom Bundesrat festgelegten Mindestlohn von 18,25 Franken pro Stunde, das war eine unserer Kernforderungen», sagt Giorgio Pardini. Er leitet den Informatik-Sektor bei der Gewerkschaft. Der Vertrag, über den drei Jahre lang verhandelt wurde, tritt per 1. Januar 2020 in Kraft.

10 Millionen Pakete pro Jahr

Im Logistikzentrum von MS Direct in Arbon TG verarbeiten 400 Angestellte pro Jahr über 10 Millionen Pakete. Gut die Hälfte der Mitarbeitenden sind gemäss MS-Direct-Chef Milo Stössel allein damit beschäftigt, die Retouren-Pakete von Zalando abzufertigen. Daneben hat das Unternehmen zahlreiche andere Kunden, unter anderem Betty Bossi. Die Angestellten bei MS Direct arbeiten von Hand und in Schichten. Tempo und Präzision sind entscheidend. Pro Stunde müssen sie je nach Ware zwischen 15 und 25 Paketen abfertigen.

Die Angestellten sind mehrheitlich Frauen, die meisten haben einen Migrationshintergrund, ein Grossteil ist ohne Bildungsabschluss. «Im Gesamtarbeitsvertrag sind deshalb auch Weiterbildungsmöglichkeiten verankert», betont Stössel. In erster Linie seien Deutschkurse gefragt. Stössel leitet die von seinem Vater gegründete Firma seit dem Jahr 2008. Neben dem Onlinehandel betreibt MS Direct auch Call Center und beschäftigt insgesamt etwas mehr als 1000 Angestellte. Der Umsatz des Unternehmens belief sich im vergangenen Jahr auf rund 100 Millionen Franken.

Bereits in der Callcenter-Branche hat die Firma mit Syndicom einen Gesamtarbeitsvertrag (GAV) ausgearbeitet. Dieser wurde 2018 vom Bundesrat für allgemeinverbindlich erklärt. Das erhoffen sich Stössel und Pardini auch für die Fulfillment-Branche. «Der vorliegende GAV soll eine Signalwirkung für den ganzen noch unreglementierten Geschäftsbereich haben», sagt Pardini.

Für die Unia ist der vereinbarte Lohn zu tief

Nicht zufrieden mit dem ausgehandelten Lohn zeigt sich die Gewerkschaft Unia. Sie hatte via Petition von MS Direct und andern Subunternehmen von Zalando einen Mindestlohn von 22 Franken pro Stunde verlangt. Der nun vereinbarte Lohn sei zu tief für eine Branche, die stark am Wachsen ist. Giorgio Pardini kann mit dieser Kritik wenig anfangen. «Gewerkschaftsarbeit darf sich nicht abseits der wirtschaftlichen Realität abspielen», sagt er. Mit Extremforderungen könne man keinen Gesamtarbeitsvertrag erreichen.

Für ihn gilt es nun, die Akteure der Fulfillment-Branche zusammenzubringen und sie von einem Branchen-GAV zu überzeugen. Gerade bei Geschäftszweigen, die im Soge der Digitalisierung entstehen sei dies schwierig. «Selten haben wir es, wie im vorliegenden Fall, mit einem Familienunternehmen zu tun», sagt er.