BETRUG: «Die Gier lockt uns in die Falle»

In seinem neuen Buch erklärt Strafverteidiger Valentin Landmann, warum Akademiker am ehesten Opfer von Betrügern werden. Er selbst blieb nicht verschont.

Interview Lukas Scharpf
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Valentin Landmann sammelt Uhren und Schädel. Sie erinnern ihn an die eigene Vergänglichkeit. (Bild: Archiv Neue LZ)

Valentin Landmann sammelt Uhren und Schädel. Sie erinnern ihn an die eigene Vergänglichkeit. (Bild: Archiv Neue LZ)

In Schwyz wurde in den vergangenen Wochen der grösste Fall von Wirtschaftskriminalität in der Kantonsgeschichte verhandelt. Haben Betrüger Aufwind?

Landmann: Ich bin überzeugt, dass Verbrechen ökonomisch funktioniert. Wirtschaftskriminelle reagieren auf Anreize. Und die erhalten sie.

Ist die Schweizer Gesetzgebung zu lasch?

Landmann: Nicht unbedingt. Betrug ist strafbar. Zwar muss man in der Schweiz im Gegensatz zum Ausland dem Täter eine besondere Arglist nachweisen, dafür gibt es aber eine relativ strenge Gerichtspraxis. Die Durchsetzung des Rechts ist das Problem. Die Aufklärungsquote ist gering, und es kommt zu wenig Verurteilungen. Das schreckt nicht ab – im Gegenteil.

Was meinen Sie damit?

Landmann: Das erste Problem ist, dass Fälle von Wirtschaftskriminalität nur sehr selten angezeigt werden. Agieren die Täter von innen – es sind fast ausschliesslich Männer, beispielsweise ein Finanzchef, der Geld unterschlägt –, haben sie oft ihrerseits etwas gegen die Firma in der Hand. Es sind Profis, die wissen, in welchen Schränken die Skelette versteckt sind. Agieren die Täter von aussen, beispielsweise ein Anlagebetrüger, ist oft die Scham der Opfer das Hindernis für eine Anzeige. Es ist peinlich, zuzugeben, gerade wenn man selbst erfolgreicher Geschäftsmann ist, dass man übers Ohr gehauen wurde. Manchmal scheint es auch aussichtslos, überhaupt an die Täter oder an das verlorene Geld zu kommen.

Werden in der Schweiz Wirtschaftskriminelle sanfter angefasst als beispielsweise Gewaltverbrecher?

Landmann: Wirtschaftskriminalität wurde sehr lange äusserst milde bestraft. Gewaltdelikte sind greifbarer. Aber Betrüger töten wirtschaftlich. Wir reden hier von Schwerstkriminellen. Bei einem Fall werden teils 100 oder 1000 Opfer um ihre Existenz gebracht. Ich erlebe auch als Vertreter von Geschädigten sehr tragische Schicksale. Wirtschaftskriminalität verursacht einen viel höheren Schaden als Drogendelikte oder Einbruchdiebstähle.

Wie fällt Ihr Urteil zu den Staatsanwaltschaften aus?

Landmann: Leider lassen sie sich von den Verschleierungen der Täter ablenken. Wenn Verfahren so lange dauern, dass Taten verjähren, schreckt das Kriminelle nicht ab. Die wichtigste Fähigkeit eines Staatsanwalts bei Wirtschaftsdelikten ist, den roten Faden in einem Fall zu finden und sich nicht vom Brimborium darum herum ablenken zu lassen. Wirtschaftsverbrechen sind nicht an sich komplizierte Fälle. Aber sie werden verkleidet.

Sie haben schon viele Täter vor Gericht verteidigt. Wie erleben Sie die Kriminellen, die Reiche um einen Teil ihres Vermögen oder Arme um ihre Existenz gebracht haben?

Landmann: Ganz unterschiedlich. Viele weisen anfangs jegliche Schuld von sich. Andere zeigen Einsicht. Hier sehe ich keinen grossen Unterschied zu anderen Straftaten. Oft treffe ich auf Täter, die nicht kriminell angefangen haben, sondern in die falsche Richtung straucheln.

Zum Beispiel?

Landmann: Ein Anlageberater verschätzt sich bei riskanten Geschäften. Wenn der Erfolg fehlt, dann will er das Gesicht wahren und bezahlt die fälligen Renditen mit 5 Prozent der ihm anvertrauten Vermögen. Er denkt sich, dass er mit noch riskanteren Geschäften den Verlust ausgleichen kann. So gerät er in einen Strudel.

Es gibt auch die Profis.

Landmann: Oft werden hoch qualifizierte Leute kriminell. Sie haben das Know-how dazu. Darum brauchen Staatsanwälte auch Spezialisten, um mitzuhalten.

Wie geht ein Betrüger vor?

Landmann: Sie suchen gezielt nach Opfern: im Golfclub oder in der VIP-Lounge bei einem Fussballspiel.

Und dann?

Landmann: Entscheidend ist es, das Vertrauen der Opfer zu erlangen. Das Erscheinungsbild muss perfekt abgestimmt sein: die Uhr, das Auto, der Anzug. Die Büroräume müssen an Prestigeadressen sein oder sehr professionell eingerichtet. Ist der Täter «auf der Durchreise», trifft man sich in Luxushotels. Mit scheinbaren Bekanntschaften mit Insidern oder Prominenten verschaffen sie sich eine Aura der Exklusivität. Sie geben vor, den Zugang zu rentablen Geschäften zu haben, die auf dem Markt nicht zu finden sind.

Fallen die Leute so einfach darauf herein?

Landmann: Die Gier lockt uns in die Falle. Wichtig ist für den Betrüger, dass er zurückhaltend ist. Er muss vorgeben, dass er gar kein Interesse hat, dass sein Opfer ihm Geld gibt. Es ist ein ganzes Mosaik von Verhaltensmustern, das zum Erfolg führt. Letztlich muss sich das Opfer darum reissen, betrogen zu werden.

Ist ein Wirtschaftskrimineller schwieriger oder einfacher zu verteidigen?

Landmann: Nun, er ist verteidigungstechnisch nicht schlauer. Aber er hat Erfahrung, in seinem Feld zu agieren. Somit hat er oft einen Wissensvorsprung zur Staatsanwaltschaft.

Sie sind von den Tätern fasziniert.

Landmann: Es sind oft hoch spannende Personen.

Die anderen schaden.

Landmann: Ich treffe oft auf fantastische Geschichten. Damit meine ich aber nicht moralisch gut. Ich verteidige nicht Delikte, sondern Menschen. Ich kenne auch die andere Seite sehr gut, wenn ich für Geschädigte versuche, etwas von ihrem verlorenen Geld zurückzuholen.

Sie wurden vor zehn Jahren auch selbst Opfer eines Anlagebetrügers. Wie hat man Sie in die Falle gelockt?

Landmann: Die Anlagen des mutmasslichen Betrügers wurden mir von einer Versicherung empfohlen, die nach eigenen Angaben selbst 5 Millionen Franken investiert hatte. So geht das. Die besten Betrüger brauchen keine falschen Empfehlungen, sie haben echte. Der Schaden war nicht existenziell, aber er tat sehr weh. Meine Erfahrung ist aber nicht der Grund für mein Buch.

Sondern?

Landmann: Ich glaube, dass die Leute besser verstehen müssen, um was sich Wirtschaftskriminalität dreht.

Und wie schützt man sich?

Landmann: Wirtschaftskriminalität gelingt nur, wenn die Opfer den Tätern voll vertrauen. Wenn alles stimmt, läuft höchstwahrscheinlich etwas falsch. Man muss zweifeln. Warum werde ausgerechnet ich für ein exklusives Geschäft ausgewählt? Wie kommt eine Anlage ohne Risiko auf eine so hohe Rendite? Darum werden oft auch ausgewiesene Profis selbst zu Opfern. Sie sind eitel und zweifeln nicht an sich. Ich habe unter den Opfern viele Akademiker getroffen. Ist ihre Gier geweckt, braucht der Täter oft nur zu sagen: Ich habe hier ein Geschäft, dass nur du verstehst. Dann hat er sein Opfer im Sack.

Der berühmteste Strafverteidiger

ZUR PERSON slu. Der in St. Gallen aufgewachsene Valentin Landmann (62) gilt als ein brillanter Strafverteidiger und ist in der Schweiz der wohl bekannteste Vertreter seiner Zunft. Seit dem Herbstsemester 2011 doziert er an der Universität Luzern. Die Unterwelt und das Verbrechen faszinieren ihn, seit er als 30-Jähriger in Hamburg die Reeperbahn kennen lernte. Er brach seine steile akademische Karriere ab, warf seine 500-seitige Habilitation in den Schredder. Im Hamburger Rotlichtviertel begegnet er auch dem Rockerclub Hells Angels, den Schweizer Ableger vertritt und berät er bis heute als Nichtmitglied. Grosse Bekanntheit erlangte er daher in den Untersuchungen der Bundesanwaltschaft gegen die Hells Angels. Zuletzt war der «Milieu-Anwalt» als Berater von Christoph Mörgeli in den Medien.
Das Buch «Jetzt wirds kriminell – trust me» über seine Erfahrungen und Überlegungen zur Wirtschaftskriminalität ist sein sechstes Buch. Erschienen ist es im Stämpfli Verlag.