BEWERBUNG: Die Kleidung ist Marketing

Wer im Trainingsanzug zum Vorstellungsgespräch geht, hat schon verloren. Ein Massanzug ist auch nicht Pflicht, denn das Äussere muss zum Bewerber passen.

Rainer Rickenbach
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Der erste Eindruck zählt. Entsprechend ist die Kleidung beim Vorstellungsgespräch wichtig. (Bild: Getty)

Der erste Eindruck zählt. Entsprechend ist die Kleidung beim Vorstellungsgespräch wichtig. (Bild: Getty)

Rainer Rickenbach

Gerade mal eine Zehntelsekunde benötigt das menschliche Gehirn, um sich ein Urteil über eine unbekannte Person zu bilden. Was diese sagt, trägt bloss 7 Prozent zum ersten Eindruck bei. Einen viel grösseren Effekt hinterlassen Körpersprache, Kleidung, Stimme und der Parfüm- oder Rasierwassergeruch, den die Person verbreitet. Das fand der amerikanische Psychologe Albert Mehrabian schon in den 1970er-Jahren heraus. So ist es nur folgerichtig, wenn Claudius Bachmann von der Genossenschaft Migros Luzern sagt: «Der erste Eindruck ist bei einem Vorstellungs­gespräch wichtig.» Die Genossenschaft zählt zu den grössten Arbeitgebern der Zentralschweiz. Sie stellt pro Jahr rund 800 Frauen und Männer an.

Auf ihre/seine Körpersprache oder Stimme hat eine Bewerberin oder ein Bewerber keinen Einfluss. Es macht auch keinen Sinn, vor einem Bewerbungsgespräch daran zu feilen. Denn mit einer Show wecken die Stellensuchenden höchstens das Misstrauen der Personalverantwortlichen. Geht die Inszenierung in die Hosen und der Bewerber stösst etwa mit gekünstelter, übertriebener Gestik die Kaffeetasse auf dem Tisch schwungvoll um, weil er mehr Temperament darstellen will, als er hat, wirkt es im besten Fall linkisch. Die Personalchefs erwarten von den Bewerbenden vielmehr einen authentischen Auftritt. Sie wollen die Person kennen lernen, nicht eine Rolle, die diese spielt. Der Auftritt muss also ehrlich sein. Aber er soll mit einer gepflegten Erscheinung und guten Umgangsformen einhergehen.

Marketing in eigener Sache

Darauf hingegen können die Stellensuchenden sehr wohl Einfluss nehmen. «Mit den schriftlichen Bewerbungsunterlagen erhält das Unternehmen vom Bewerbenden einen ersten Eindruck. Dieser kann am Vorstellungsgespräch mit einem positiven Erscheinungsbild zusätzlich verstärkt werden», sagt Bachmann von der Migros. Die Bekleidung sei Bestandteil der nonverbalen Kommunikation und somit ein Teil des wichtigen Marketings in eigener Sache. Der erste Eindruck sei «nicht unerheblich» vom Outfit abhängig, findet auch Corinne Staub, Expertin für Auftreten in der modernen Arbeitswelt und Inhaberin der Zürcher Firma One. «Sich dem Anlass gerecht zu kleiden, zeigt die Wertschätzung und den Respekt gegenüber den Gastgebern», sagt Staub. Bei einem Vorstellungsgespräch müsse der Bewerbende den Personalverantwortlichen das Engagement und die Ernsthaftigkeit deutlich machen.

«Ich weiss von einem Fall, als ein Gärtner mit Jogging-Anzug zum Vorstellungsgespräch erschien. Das Gespräch war nach einer Minute beendet, weil die Personalchefin die Bekleidung als Respektlosigkeit gegenüber dem Unternehmen und sich selbst empfand.»

Von Beruf zu Beruf unterschiedlich

Bachmann von der Migros rät, sich vor einem Bewerbungsgespräch über das Unternehmen und die Gepflogenheiten dort schlauzumachen. Denn ans Erscheinungsbild werden in einer Metzgerei andere Ansprüche gestellt als in der Marketingabteilung.

Für die Stilexpertin Staub stellen sich vor dem Anstellungs­gespräch drei zentrale Fragen: «Wo gehe ich hin, und auf wen treffe ich? Wie muss und will ich wirken? Für welchen Job bewerbe ich mich?» Ihr Tipp: «Kleiden Sie sich am besten so, wie Sie auch später zu einem wichtigen Geschäftstermin erscheinen und das Unternehmen repräsentieren würden. Also auf keinen Fall verkleiden.»

Ausnahmen bilden die Überkleider für Produktionsjobs oder Uniformen, etwa für die Sicherheitsbranche. «Bewerbende sollen für ein Vorstellungsgespräch Kleider wählen, in denen sie sich wohl fühlen und die ihrem Typ sowie dem Unternehmen entsprechen», ergänzt Migros-Sprecher Bachmann.

Dezente Schminke

Armani-Anzüge mögen in den höchsten Sphären der Berufswelt angebracht sein. Für den grossen Rest genügen saubere, gebügelte Kleider. Wer in Banken oder Versicherungen anzudocken gedenkt, sollte sich freilich vor dem Vorstellungsgespräch schon in einen Anzug stürzen und die Krawatte stilgerecht umbinden. Frauen sind mit Kostüm, Hosenanzug oder einer entsprechenden Kombination gut beraten. Für Produktionsjobs wie Mechaniker oder Lageristen ist ein adretter Freizeit-Look angebracht. Dann gibt es noch die beruflichen Spezialfälle. Bei einer Coiffeuse zum Beispiel spielt das äussere Erscheinungsbild eine wichtige Rolle. Eine dezente Schminke ist für sie beim Bewerbungsgespräch bestimmt nicht falsch. Allzu viel davon wirkt indes grell und abstossend. Das gilt nicht nur für Friseusen. «Dezentes Make-up, diskreter Nagellack sowie ausgewählte Schmuckstücke sind im Bewerbungsgespräch angemessen. Besonders stilvoll wirken farblich aufeinander abgestimmte ­Accessoires», rät Robert Half, der Zürcher Personalberater für Fach- und Führungskräfte im Finanz- und Rechnungswesen, auf seiner Webpage.

No-Go: Sportschuhe und Piercings

Wichtig: Die Schuhe müssen sauber sein und dürfen nicht abgetragen wirken. «Sie sind ein Blickpunkt, und ihr Zustand verrät viel über den Charakter der Träger», sagt Corinne Staub von One. Sneakers und Frauenschuhe mit riesigen Absätzen gelten als No-Go. Ebenfalls unangebracht sind Piercings (abnehmen von dem Gespräch) und offen zur Schau gestellte, grossflächige Tattoos (mit Kleidern überdecken), kurze Hosen oder Kappen.

Mit geschickten Kleiderkombinationen lässt sich einiges herausholen: So rät Staub, auf wilde Musterungen zu verzichten, Uni wirke seriöser. Dunkle Farben sind nach ihrer Einschätzung für Röcke und Hosen in Ordnung, für den Oberkörper schlägt sie hellere Farben vor. «Das lenkt den Blick ins Gesicht und unterstreicht das gesprochene Wort», so die Beraterin. Sie empfiehlt, die Kleider für das Vorstellungsgespräch schon vor dem Termin Probe zu tragen, um sicherzugehen, dass man sich darin wohl fühlt.