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BEZIEHUNGEN: Die Liebe im Netz - schwieriger als gedacht

Dating-Plattformen zocken ihre Nutzer ab, und Singles täuschen sich gegenseitig mit geschönter Information. Alles funktioniert im Internet, nur die Liebe nicht. Warum eigentlich?
Alexandra Fitz und Raffael Schuppisser
Aus der Traum: Das Netz ist kein Garant für ein Liebesleben auf Abruf.Bild: Getty

Aus der Traum: Das Netz ist kein Garant für ein Liebesleben auf Abruf.Bild: Getty

Das Netz hat alles und bietet alles: Hier kaufen wir unsere Kleider, unsere Bücher, finden unsere neue Wohnung, einen Gebrauchtwagen und das passende Hotel für die nächsten Ferien. Also ist es doch logisch, dass wir online auch die Liebe suchen. Oder den nächsten One-Night-Stand. Plakate und Werbe­slogans von Partnervermittlungen und Flirt-Apps gaukeln uns ebenfalls vor, die Liebe sei nur einen Klick entfernt.

Und so setzen immer mehr Singles auf Tinder, Lovoo, Par- ship und wie die Sites und Apps alle heissen. Doch mit der Nachfrage steigt auch der Frust. Keine Frage, es kann klappen. Es gibt sie, die Tinder-Paare. Jede vierte Beziehung beginnt heute online. Das heisst aber auch, dass immer noch vier von fünf ihren Partner am Arbeitsplatz, über Freunde oder während Freizeitaktivitäten finden. Und: In der Mehrzahl sind nicht jene, die dank Tinder und Co. die Liebe gefunden haben, sondern die Alleingebliebenen, die verbissen, aber vergebens in den digitalen Flirtwelten nach dem Glück suchen.

Julia etwa jammert, dass sie soeben den zwölften Mann getroffen habe, den sie auf Tinder kennen gelernt hat. Doch auch der war es nicht. Thomas hingegen beklagt sich, dass Frauen tagelang hin und her chatten und dann plötzlich weg sind. Komme es doch einmal zu einem Treffen, wollen sie etwas Ernstes, er aber bloss eine Affäre. «Dabei habe ich gedacht, mit Tinder komm ich schnell zum Ziel», sagt der 28-Jährige resigniert.

«In vielerlei Hinsicht eine verdorbene Branche»

Und vom Internet erwartet man das ja auch: schnell zum Ziel zu kommen. Das Netz bringt Angebot und Nachfrage zusammen – und das über alle Grenzen hinweg und in Echtzeit. Egal, was für eine antike Ständerlampe man verkaufen will, auf Ricardo gibt es sicher einen, der genau diese sucht. Egal, welchen kuriosen literarischen Geschmack man hat, Amazon erkennt ihn und schlägt Bücher vor, die man lesen will. Warum geht das mit der Liebe nicht?

Ein Grund dafür ist, dass Anbieter wie Parship, bei denen man monatliche Gebühren zahlen muss, gar kein Interesse haben, dass die Kunden fündig werden und die Plattform verlassen. Ein Online-Dating-Portal wirbt zwar mit dem Slogan «Alle elf Minuten verliebt sich ein Single über Parship». In Wahrheit sehe das ganz anders aus, sagt Storm van’s Gravesande, Chef der Verbraucherschutz-Plattform Aboalarm. Vielmehr sei es so, dass alle zehn ­Minuten ein Parship-Mitglied kündige. Aboalarm machte eine Umfrage unter 340 ehemaligen Kunden. Fazit: Den meisten ist es zu teuer, es gab keine passenden Profilvorschläge, und viele klagten über zu wenige Kontakt­anfragen. Nur 4 Prozent wurden fündig.

«Die Partnerbörsen arbeiten nicht sauber. Es ist in vielerlei Hinsicht eine verdorbene Branche», sagt van’s Gravesande. Ein weit verbreiteter Trick sind sogenannte Bots oder Fake-Profile. Als vor einem Jahr das Fremdgehportal Ashley Madison gehackt wurde, zeigte sich, dass die Plattform Hunderte falsche Frauenprofile angelegt hat. Roboter, getarnt als verführerische Frauen, schrieben Männern, um sie bei der Stange zu halten. Viele der willigen Fremdgänger haben wohl nie mit einer Frau Kontakt gehabt, sondern bloss mit einem Roboter gechattet, ohne es zu merken. Ein weit verbreiteter Trick: Die Bots melden sich kurz vor Ablauf der monatlichen Gebühr, damit der Mann für eine weitere Periode bezahlt.

Vor kurzem kam es bei der Flirt-App Lovoo zu einer Razzia. Die beiden Geschäftsführer wurden verhaftet: Die Staatsanwaltschaft wirft den beiden vor, knapp 500 falsche Profile angelegt zu haben, mit denen kontaktwillige Männer zur Nutzung kostenpflichtiger Dienste verleitet worden seien. Dabei soll nach DPA-Informationen ein Schaden von 1,2 Millionen Euro entstanden sein. Letzte Woche nun trat einer der beiden Geschäftsführer zurück. «Das Geschäft mit der Liebe im Netz wird nicht mehr lange funktionieren, es geht nicht mehr lange, bis alles zusammenbricht», sagt van’s Gravesande.

Doch dass es mit der Liebe im Netz nicht richtig klappen will, hat nicht nur mit den unsauberen Praktiken der Plattformen zu tun, sondern liegt auch an den Paarungswilligen selbst. Im Kampf um die Aufmerksamkeit inszenieren sie sich mit ihren Profilbildern und Beschreibungen so, wie sie sein möchten, und nicht so, wie sie tatsächlich sind. «Einen habe ich im Café kaum erkannt. Er sah auf dem Foto auf Tinder so anders aus», sagt Julia. Und der Typ, der sich als «spontan und witzig» beschrieben hat, erwies sich als stocksteif und verklemmt.

Wenn sich trotz all dieser Schwierigkeiten doch Paare auf den Dating-Seiten bilden, so ist das vor allem der Ausdauer der Suchenden zu verdanken. Denn einen richtigen Liebesalgorithmus hat bisher noch kein Anbieter gefunden. Wir hinterlassen zwar im Netz viel mehr Spuren, als uns lieb ist; die grossen Internetdienste kennen uns scheinbar besser als wir selbst. Big Data verspricht quasi alle Probleme zu lösen, dennoch gelang es bisher niemandem, die Daten so zu nutzen, dass die Paarungswilligen ohne Suchen zueinanderfinden. Die Liebe ist eben komplexer als ein Schuhkauf.

«Die Nase wird digital nicht ersetzt»

Und so wischen die Liebeshungrigen auf dem Smartphone durch Bilder von fremden Menschen. Die einen gefallen ihnen, die anderen finden sie «bäh». Sie schreiben einander und chatten. Aber sie riechen, sehen und hören sich nicht. Wissen nicht, wie der andere im Umgang mit Menschen ist, wie er ein Bier bestellt, wie seine Gangart ist. «Stimmt», sagt Sexualberaterin und Psychologin Dania Schiftan, «die Nase wird digital nicht ersetzt.» Das Medium habe eben seine Grenzen.

Auch Psychologin und Paartherapeutin Birgit Kollmeyer ist sich sicher, dass wir beim persönlichen Treffen viel mehr Informationen von einem Menschen erfahren: «Wir erhalten ein Gesamtbild, was zum Teil unbewusst und in ganz kurzer Zeit entsteht.» Oftmals sei es sogar schwer, festzumachen, was an einem Menschen einen angezogen oder abgestossen hat. Die Reaktionen des eigenen Körpers sind schneller als die Gedanken.

US-Anthropologin Helen Fischer, eine der bekanntesten Liebesexpertinnen der Welt, sagte einst dem «Spiegel»: «Sie müssen sich klarmachen, dass das Internet nicht der Ort ist, wo man jemanden wirklich kennen lernt, sondern nur der Ort, wo man ihn zum ersten Mal trifft.» Ihr Rat: sich mit interessanten Kandidaten sofort verabreden. Unser Gehirn starte seinen natürlichen Liebes-Algorithmus erst, wenn man jemandem gegenübersitze.

Ein Nachteil des Online-­Datings sei die kognitive Überlastung. Es gibt so viele Dating-Willige auf Tinder, so viel mögliche Partner zur Wahl, dass die Leute immer weiter suchen: Vielleicht kommt noch ein Besserer. Unser Hirn, so die Anthropologin, ist von der Grösse des Angebots überfordert.

Das würde in der Bar nicht passieren. Da fallen gleich zu Beginn die meisten weg. Weil sie seltsam lachen, weil sie komisch riechen, weil sie unfreundlich gegenüber dem Personal, weil sie zu klein, weil sie einfach nicht unser Typ sind. Thomas geht nun wieder offline auf die Pirsch. Er sagt, das sei einfach. Die Konkurrenz weniger gross. Und viele Frauen seien positiv überrascht, wenn sie wieder einmal in der Realität angesprochen werden.

Alexandra Fitz und Raffael Schuppisser

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