BIG DATA: «Die Computer beeinflussen immer mehr unser Handeln»

Yvonne Hofstetter analysiert für Staat und Industrie Daten. Selber schreibt sie aber kaum Mails und fordert, dass Internetgiganten an die engere Leine genommen werden. Wie dies gehen soll? Das erläutert sie in ihrem Buch.

Interview Dominik Buholzer
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Rund um den Globus werden zunehmend ausgeklügelte Systeme und Computer eingesetzt. Diese würden menschliches Handeln enorm beeinflussen, sagt Yvonne Hofstetter. (Symbolbild Manuela Jans / Neue LZ (Archiv))

Rund um den Globus werden zunehmend ausgeklügelte Systeme und Computer eingesetzt. Diese würden menschliches Handeln enorm beeinflussen, sagt Yvonne Hofstetter. (Symbolbild Manuela Jans / Neue LZ (Archiv))

Yvonne Hofstetter, haben Sie eigentlich einen Facebook-Account?

Yvonne Hofstetter: Nein, das habe ich nicht. Ich bin weder auf Facebook noch sonst auf einem dieser sozialen Netzwerke anzutreffen. Ich benutze auch Goo­gle nur sehr sparsam. Onlinebanking gön­ne ich mir aber als Luxus.

Millionen von Menschen hingegen sind tagtäglich auf Facebook, pos­ten Fotos und Videos oder kommentieren, was sie bewegt. Geben wir zu viel preis von uns?

Hofstetter: Wir gehen viel zu sorglos mit unseren Informationen um, ja, wir geben viel zu viel preis.

Weshalb ist dies nicht gut?

Hofstetter: Wir brauchen die Privatsphäre, um uns entwickeln zu können. Ist diese Rückzugsmöglichkeit nicht mehr oder zu wenig vorhanden, werden wir zu konform.

Es gibt immer wieder warnende Stimmen. Doch weshalb ändern wir unser Verhalten nicht?

Hofstetter: Die Möglichkeiten, die uns all die Systeme wie Facebook oder Google bieten, blenden uns, versperren uns den Blick auf das, was sich hinter dem Bildschirm abspielt. Dort steckt ein ganzes Ökosystem an künstlicher Intelligenz und hat nichts anderes zum Ziel, als sich ein umfassendes Bild von uns zu machen. Wir sind längst über das Stadium des eigentlichen Datensammelns hinaus. Heute versuchen die Systeme immer mehr abzuleiten, was wir wollen, sprich: Sie beeinflussen unser Handeln.

Inwiefern?

Hofstetter: Zugegeben: All diese Computerprogramme und -systeme machen uns die Arbeit leichter. Nun ist dies ja nichts Negatives. Das Problem ist, dass wir uns zu sehr auf diese Maschinen verlassen. Ein Extrembeispiel ist die Finanzbranche. Hier werden kaum noch Entscheide selber getroffen. Die Maschinen determi­nieren immer mehr unser Handeln, dabei können wir in den meisten Fällen gar nicht mehr beurteilen, wie gut beziehungsweise verlässlich die Entscheide einer Maschine sind.

Nochmals: Woran liegt es, dass wir dies nicht wahrhaben wollen?

Hofstetter: Wir haben ganz einfach nicht das Wissen darüber. Führen wir uns doch mal vor Augen, wer all diese Systeme entwickelt: Das sind Mathematiker und Physiker. Deren Sprache beherrscht nicht jeder. Und es bringt auch nichts, wenn wir unseren Kindern in der Schule das Programmieren beibringen. Denn selbst für einen Programmierer ist es kaum verständlich, welche Berechnungen da im Hintergrund laufen. Die Mathematik ist eine unglaubliche Macht.

In Ihrem Buch «Sie wissen alles» zeichnen Sie diesbezüglich ein ziemlich düsteres Bild. Malen Sie nicht zu schwarz?

Hofstetter: Das war so eigentlich gar nicht beabsichtigt. Ich lehne die digitale Welt ja auch nicht ab. Im Gegenteil. Ich finde es faszinierend, diese Maschinen und Prozesse zu beobachten. Das ist genauso faszinierend, wie einem Haustier beim Spielen zuzusehen. Der Punkt ist aber: Diese Computersysteme können heute sehr viel mehr, als wir glauben. Wenn man sieht, welche Möglichkeiten Google heute hätte, dann läuft es einem eiskalt den Rücken runter. Was wir fälschlicherweise noch als Science-Fiction abtun, ist längst Realität.

Dies suggeriert, dass die Unternehmen uns im Grunde genommen schaden wollen. Aber ist es nicht letztlich so, dass die Internetgiganten ganz einfach viel Geld verdienen wollen?

Hofstetter: Das ist richtig. Vielen Internetgiganten geht es derzeit vor allem ums Gewinnmaximieren. Aber daneben gibt es klare Anzeichen, dass es diesen Unternehmen auch noch um etwas anderes geht: Sie halten die Demokratie für ein veraltetes System und sind der Ansicht, dass es Zeit für etwas Neues ist. Das muss uns beun­ruhigen.

Sie fordern, dass wir von den Internetgiganten wie Google oder Facebook dafür entschädigt werden, dass wir ihnen unsere Daten zur Verfügung stellen. Das tönt nicht schlecht. Aber Hand aufs Herz: Lässt sich das Rad wirklich noch zurückdrehen?

Hofstetter: Ich bin überzeugt davon, dass es nicht zu spät ist, dass die Diskussion, die gerade in Europa sehr intensiv ist, langsam Früchte trägt.

Was macht Sie so zuversichtlich?

Hofstetter: Es sind so Meldungen wie jene, dass sich auch Facebook Gedanken darüber macht, ob es das Recht auf das Löschen von Daten einräumen soll. Wir stehen erst am Anfang, diese Dinge zu regulieren. Und nur mit analogen Mitteln und über neue Datenschutzgesetze werden wir das Ziel auch nicht erreichen.

Aber indem wir die Internetriesen zur Kasse beten?

Hofstetter: Das ist ein Mittel. Das andere führt über ein digitales Wettrüsten. Wir müssen die Systeme über ihre eigene Technologie steuern. In Deutschland ist zumindest die politische Diskussion darüber sehr weit fortgeschritten.

Verfügen wir denn über die nötigen Fachkräfte?

Hofstetter: Das ist gerade das grosse Problem. Wir in Europa haben in den vergangenen Jahren viele Schlüsseltechnologien aus der Hand gegeben. In Deutschland betrifft dies beispielsweise die Radar- oder die Halbleitertechnologie.

Wieso?

Hofstetter: Es wurde dem Shareholder-Value-Gedanken gehuldigt, der Maximierung des Aktionärswertes, und dabei hat man das technolo­gische Tafelsilber verscherbelt. Europa hat seine digitale Unabhängigkeit längst verloren.

Und die Fachkräfte vergrault?

Hofstetter: Richtig. Aber die Leute wären noch da. Man müsste sie nur wieder auf ihren Gebieten arbeiten lassen.

Letzte Frage: Verschlüsseln Sie eigentlich Ihre Mails?

Hofstetter: Ja, aber ich verwende nicht die klassischen Verschlüsselungsprogramme, weil die viel zu umständlich sind. Ich versuche ganz generell, so wenig wie möglich per Mail zu versenden. Was ich in Mails schreibe, könnte genauso gut auf einer Postkarte stehen. Sensible Informationen verschicke ich wieder weitgehend wie früher per Post. Das funktioniert. Meine Geschäftskunden ­machen da mit.

Hinweis

Yvonne Hofstetter (48) begann nach dem Studium der Rechtswissenschaften ihre berufliche Laufbahn im Bereich Informationstechnologie. Sie arbeitete im Stab eines amerikanischen Unternehmens für das algorithmische Supply Chain Management, dann in der Finanztechnologie. Seit 2009 führt sie das deutsche Technologieunternehmen Teramark Technologies. Ihr Arbeitsschwerpunkt sind Fusion und Analyse grosser Datenmengen für Staat und Industrie auf der Basis wis­sen­schaftlichen Programmierens und künst­licher Intelligenz.

Von Yvonne Hofstetter ist vor wenigen Tagen im C. Bertelsmann Verlag das Buch erschienen: «Sie wissen alles. Wie intelligente Maschinen in unser Leben eindringen und warum wir für unsere Freiheit kämpfen müssen.»