BILANZ: Der Detailhandel leidet weiter

Der Schweizer Detailhandel musste auch 2016 tiefere Umsätze verbuchen. Für das laufende Jahr erwarten die Ökonomen der Credit Suisse eine Stagnation.

Stefan A. Schmid
Drucken
Teilen
Einkaufen im benachbarten Ausland bleibt wegen des tiefen Euro beliebt. (Bild: Ennio Leanza/Keystone (Konstanz, 17. Januar 2015))

Einkaufen im benachbarten Ausland bleibt wegen des tiefen Euro beliebt. (Bild: Ennio Leanza/Keystone (Konstanz, 17. Januar 2015))

Stefan A. Schmid

wirtschaft@luzernerzeitung.ch

Wahrnehmung und Wirklichkeit. Wer sich vor zwei, drei Wochen auf der Suche nach den passenden Weihnachtsgeschenken in den Einkaufszentren durch die Menschenmassen gezwängt und die Schlangen vor den Kassen gesehen hat, dürfte sich wundern. Das Geschäft der Schweizer Detailhändler ist 2016 nämlich deutlich weniger gut gelaufen, als man unter diesen Eindrücken annehmen könnte. Das untermauern auch die Zahlen, welche die Grossbank Credit Suisse zusammen mit dem Beratungsunternehmen Fuhrer & Hotz gestern in ihrem neusten «Retail Outlook» veröffentlichte.

Die Umsätze gingen demnach im vergangenen Jahr um 1 Prozent zurück, womit in den Kassen der Detailhändler rund 1 Milliarde Franken «fehlte». Und dies, nachdem die Verkäufe bereits 2015 nach der Aufhebung des Euro-Mindestkurses im Januar um mehr als 2 Milliarden auf 95,4 Milliarden Franken eingebrochen waren. «2016 war ein historisch schlechtes Jahr», bilanzierte Detailhandelsexperte Martin Hotz vor den Medien in Zürich. Über 50 Prozent der befragten Händler hätten ihre Budgets nicht erreicht, 16 Prozent hätten sogar «deutlich unter dem Budget» abgeschlossen.

Zwar liefen die Effekte des Frankenschocks langsam aus, wie CS-Ökonom Sascha Jucker sagte, doch fehlten 2016 die Wachstumsimpulse. So blieb zum einen die Konsumentenstimmung getrübt; zum andern verharrte der Einkaufstourismus auf hohem Niveau. Wobei insbesondere der grenzüberschreitende Onlinehandel (Amazon, Zalando, Aliexpress usw.) weiter stark zulegen konnte, während die Einkäufe vor Ort leicht rückläufig waren. Jucker geht davon aus, dass insgesamt jeder zehnte Detailhandels-Franken im Ausland ausgegeben wurde, womit der Einkaufstourismus rund 10 Milliarden Franken betragen dürfte.

Modehändler unter Druck

Das Bild im Schweizer Detailhandel präsentiert sich allerdings nicht einheitlich. Während der Food-Bereich 2016 sogar minim zulegen konnte (+0,2 Prozent), leiden die Detailhändler ausserhalb des Lebensmittelbereichs nach wie vor stark. Vor allem die Bekleidungs- und Schuhhändler verbuchen durch den Einkaufstourismus und die Konkurrenz aus den Onlinekanälen Einbussen. Hier stieg das Umsatzminus – auch aufgrund von Wetterpech – auf 7 Prozent, nachdem die Verkäufe bereits 2015 um 4 Prozent eingebrochen waren. Kein Wunder also, mussten zahlreiche Händler in den letzten Monaten Federn lassen. So machten bekannte Marken wie Switcher, Companys und Bernie’s Pleite. Oder sie dünnten wie Blackout, Bata und Pasito-Fricker ihr Filialnetz aus. Oder sie wurden wie Charles Vögele ins Ausland verkauft.

Der Verdrängungskampf führt auch dazu, dass gerade im Segment Bekleidung und Schuhe eine eigentliche Rabattschlacht im Gang ist. War früher zweimal im Jahr Ausverkauf, befindet sich die Branche laut Hotz heute im «Dauer-Sale». Es stelle sich die Frage, ob sich der Handel damit nicht sein eigenes Grab schaufle. Hotz sprach von einer noch nie da gewesenen Verunsicherung in der Branche. Es seien Lösungen gefragt, wie der traditionelle stationäre Handel und der boomende Onlinehandel intelligent verschmolzen werden können. Denn klar ist: Die Kunden wandern ins Internet. Unter anderem, da die Generation der «Digital Natives» ins kaufkräftige Alter kommt. Heute liegt der Online-Anteil im Schweizer Detailhandel bei 6 Prozent, im Jahr 2022 dürften es laut CS-Prognose 11 Prozent sein. Auch hier gibt es aber grosse Unterschiede: Im Food-Bereich dürfte der Online-Anteil dannzumal bei 3,5 Prozent liegen, für Bekleidung/Schuhe bei knapp 28 Prozent und für Heimelektronik sogar bei fast 40 Prozent.

Einen Lichtblick für die Branche gibt es immerhin: Für 2017 gehen die CS-Ökonomen nicht mehr von rückläufigen Umsätzen aus: Sie erwarten eine Stagnation. Rund 60 Prozent der Händler rechnen laut einer Branchenumfrage sogar mit einem Umsatzplus. Trotzdem bleibt die Situation angespannt: Was sich gemäss Hotz auch daran zeigt, dass die Pläne für die Vergrösserung der Verkaufsflächen so defensiv ausgefallen sind wie seit 2009 nicht mehr.