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BILDUNG: Kostenlose Onlinekurse: Harvard für alle?

Lernplattformen wie Coursera bieten kostenlose Onlinekurse von Top-Universitäten. Doch das Bildungsangebot hat einen Preis.
Adrian Lobe
Eine Kamera nimmt den Videoblog eines Lehrers in einem Schulzimmer auf. (Bild: Getty)

Eine Kamera nimmt den Videoblog eines Lehrers in einem Schulzimmer auf. (Bild: Getty)

Adrian Lobe

Was macht ein Unternehmen, wenn es zu wenige Nachwuchskräfte auf dem Markt gibt? Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder man wirbt High Potenzials von der Konkurrenz ab. Oder man bildet selbst Fachkräfte aus.

Das dachte sich auch der Computerwissenschafter Andrew Ng. Im Jahre 2012 gründete der damalige Leiter von Googles KI-Abteilung Brain das Start-up Coursera. Das Konzept: Onlinekurse von Elite-Universitäten kostenlos zur Verfügung stellen.

Im Silicon Valley, wo Geschäftsideen gern mit idealistischen Motiven bemäntelt werden, fiel das Konzept auf fruchtbaren Boden. Coursera spielte sofort 16 Millionen Dollar Risikokapital ein. Zupass kam dem Start-up, dass Ng als ehemaliger Stanford-Professor über Erfahrung im Bildungswesen verfügt und unter Wagniskapitalgebern gut vernetzt ist. Mitgründerin Daphne Koller hat die Vision, Unterprivilegierten in aller Welt Zugang zu Bildungsangeboten zu bieten. Man braucht keinen Kredit und auch kein Einser-Abitur, um sich für Universitätskurse einzuschreiben. «Harvard für alle!», lautet das Motto.

In über 2000 Kurse kann man sich einschreiben

Coursera ist heute der weltweit grösste Anbieter sogenannter Massive Open Online Courses (Moocs), Lehrveranstaltungen, an denen Menschen an jedem Ort ohne formale Zugangsvoraussetzungen teilnehmen können. Die Lernplattform kooperiert mit einer Reihe von Elite-Universitäten auf der ganzen Welt, darunter der französischen Kaderschmiede ENS (Ecole normale supérieure), Sciences Po, der Stanford University, Yale University oder der Universität Zürich. Im Vorlesungsverzeichnis der Lernplattform kann man sich in über 2000 Kurse aus den verschiedensten akademischen Disziplinen wie Kunst oder Computerwissenschaft einschreiben – und das völlig kostenlos. Die Onlinekurse dauern im Durchschnitt sechs bis acht Wochen und bestehen aus mehreren Vorlesungsvideos.

Die Hochschule stellt zudem Vorlesungsskripte, Übungen, Vorbereitungsmaterialien sowie weiterführende Literatur zur Verfügung. Ähnlich wie bei einer Fernuniversität erarbeitet man die Inhalte im Selbststudium, wobei die Curricula flexibler gestaltet sind und in die einzelnen Module auch interaktive Elemente wie wöchentliche Interviews, Gruppendiskussionen und Quizze integriert sind. Erfolgreiche Teilnehmer erhalten nach absolvierter Prüfung in manchen Kursen ein Zertifikat. 30 Millionen Internetnutzer haben sich bereits in die Onlinekurse eingeschrieben. Gründer Ng bietet nach seinem Weggang als Chef-Wissenschafter des chinesischen Suchmaschinenanbieters Baidu selbst einen Kurs zu maschinellem Lernen an, für den zum Teil Studiengebühren erhoben werden.

Auch andere Bildungsplattformen wie die Onlineuniversität Udacity, das Projekt des deutschen Robotikspezialisten Sebastian Thrun, bieten kostenlose oder stark verbilligte Kurse an. Dass man ein Harvard-Studium, wofür sich Studenten ohne Stipendium zum Teil hoch verschulden, nicht zum Nulltarif bekommt, müsste jedem klar sein. Die Nutzer zahlen Bildung mit ihren Daten. Coursera sammelt jede Menge Daten über seine Kursteilnehmer und gibt das auf seiner Webseite auch unumwunden zu. Neben einem Webseitentracking setzt Coursera auch sogenannte Drittanbieter-Cookies: Das heisst, die Lernplattform kann sehen, welche Seiten die Nutzer aufrufen, während sie in dem Onlinekurs eingeloggt sind. Auf der Webseite heisst es: «Wir können persönlich identifizierbare Informationen erhalten, wenn Sie auf eine Drittanbieterseite wie zum Beispiel Facebook ­zugreifen.» Dies könne Text und/oder Bilder umfassen. Die Online-Universität kann also sehen, ob man konzentriert den Ausführungen von Andrew Ng zu neuronalen Netzen lauscht oder nebenher auf Facebook in Fotoalben stöbert.

Big Brother schaut auch im virtuellen Hörsaal zu. Ng sagte in einem Interview mit dem Fachmagazin «Technology Review»: «Coursera hat eine Tonne von Bildungsdaten. Wir wissen, welche Videos Studenten anschauen. Wir wissen, welche Fragen missverstanden werden. Coursera hat die Fähigkeit, sich diese Daten anzuschauen.»

Diese Datensammelpraxis sorgte in der Vergangenheit häufiger für Konflikte mit Lehrenden. Der Stanford-Dozent Jonathan Mayer machte auf einem Blog einige Sicherheitslücken publik. So könne jeder Lehrende auf die Nutzerdatenbank mit sensiblen Informationen über Gesundheit und Religion zugreifen.

Das Bildungsangebot ist aber noch aus einem weiteren Grund zweifelhaft: Auf der Lernplattform werden vor allem diejenigen Bildungsangebote gepusht, die von Wagniskapitalgebern und Konzernen wie Google oder Facebook nachgefragt werden: Algorithmen, maschinelles Lernen, Programmieren.

Weiterbildungsakademie der Tech-Lobby?

Google hat erst kürzlich einen Kurs aufgelegt, der IT-Nachwuchskräfte in acht bis zwölf Monaten ausbilden soll und auf der Seite prominent platziert wird. Über 18'000 Nutzer haben sich bereits in den Kurs eingeschrieben. Die Frage ist, ob Coursera eine Onlineuniversität ist oder bloss eine Weiterbildungsakademie der Tech-Lobby. Jonathan Poritz und Jonathan Rees schreiben in ihrem Buch «Education Is Not an App», dass sich Lernplattformen wie Coursera letztlich nur mit ein paar Starprofessoren schmücken und private Interessen bedienen. «Harvard für alle» ist kein Bildungsversprechen, sondern lediglich ein Werbeköder der Tech-Konzerne.

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