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BLOCKBUSTER: Novartis feiert Fest der Chemie

Das neue Medikament zur Behandlung von Herzinsuffizienz von Novartis ist kein Biotech-Präparat. Dennoch begeistert es bereits jetzt die Investoren.
Die Herstellung von Entresto könnte sich für Novartis finanziell auszahlen. Hier ein Bild aus der Produktionsstätte des Basler Pharmakonzerns. (Bild: PD)

Die Herstellung von Entresto könnte sich für Novartis finanziell auszahlen. Hier ein Bild aus der Produktionsstätte des Basler Pharmakonzerns. (Bild: PD)

LCZ 696, so hiess die neue «Wunderpille» aus dem Haus Novartis, als sie noch das alleinige Objekt ihrer Erfinder war. Seit wenigen Tagen trägt das Medikament den offiziellen Namen Entresto und wird unter dieser Marke demnächst in amerikanischen Apotheken erhältlich sein. In der Produktbezeichnung schwingt ein Hauch von Esperanto mit, und das ist von den Marketingfachleuten des Basler Pharmakonzerns wohl gewollt. Einer chemischen Formel ähnlich, vermischt das Kunstwort verschiedene Idiome, und mindestens in den Ohren englischsprachiger Personen klingt der beruhigende Ausdruck «entrusted» für «anvertraut» an.

Ein Milliardengeschäft

Entresto sei «die bisher aufregendste» Neuentwicklung seit der Gründung von Novartis, schwärmte Forschungschef David Epstein schon lange vor der Produktlancierung. Die Investoren scheinen ihm Recht zu geben. Seitdem die US-Medikamentenzulassungsbehörde FDA am letzten Mittwoch grünes Licht für den Verkauf der Pille erteilt hat, gibt es für die Novarits-Aktien kein Halten mehr. Die Titel sind innerhalb von fünf Handelstagen um mehr als 7 Prozent im Wert gestiegen. Die Börseneuphorie liess die Markt­kapitalisierung des Konzerns um mehr als 15 Milliarden Franken anschwellen und die Kursmarke von 100 Franken übersteigen.

Die kommerziellen Aussichten von Entresto beeindrucken die Anleger offensichtlich schwer. Das Präparat zur Behandlung chronischer Herzinsuffizienz könnte nach Schätzungen von Finanzanalysten dereinst einen jährlichen Umsatz von um die 6 Milliarden Dollar einspielen und dabei erst noch die Kosten der öffentlichen Gesundheitssysteme schonen. Novartis selber beziffert das Marktpotenzial im Höhepunkt auf über 5 Milliarden Dollar pro Jahr.

Weniger Spitalaufenthalte

Ein gesundheitskostenschonender Blockbuster – das wäre in der Tat ein höchst bemerkenswerter Erfolg, zumal eine Behandlung mit Entresto im Vergleich zu manchen besonders aufwendigen Krebstherapien mit Medikationskosten allein von bis zu 100 000 Franken im Jahr geradezu billig erscheint. Novartis will den Grosshandelspreis für eine Behandlung mit dem Medikament bei 12.50 Dollar pro Tag beziehungsweise bei rund 4500 Dollar im Jahr festlegen. Das ist nach Aussagen von Branchenkennern kaum mehr als das, was eine medikamentöse Therapie chronischer Herzschwäche heute schon kostet.

Im Vergleich zum bisherigen therapeutischen «Goldstandard» können die Patienten dank Entresto aber auf eine deutlich längere Lebensdauer und weniger Spitalaufenthalte hoffen. So lautete jedenfalls der Befund einer klinischen Studie mit 8442 Patienten, mit der Novartis das FDA von den Vorteilen ihrer Innovation überzeugen konnte. Entresto kündigt sich auch für Otmar Pfister, Herzspezialist und Leiter der Herzinsuffizienz am Universitätsspital Basel, als «Durchbruch» an – vorausgesetzt, das Medikament bewähre sich nun auch in der breiten Praxis.

Molekül mit grosser Solokarriere

Neu sei das Novartis-Präparat nur dahingehend, als es bestehendes Wissen anders und wirkungsvoller kombiniere, erklärt Pfister. Das Medikament besteht aus der chemischen Verbindung zweier verschiedener Moleküle. Sie besitzen die Eigenschaft, körpereigene Reaktionen zu unterdrücken beziehungsweise zu unterstützen. Das eine dieser Moleküle (Valsartan) hat unter dem Namen Diovan seine grosse Solokarriere als Bluthochdrucksenker und bisher umsatzstärkstes Medikament von Novartis soeben hinter sich gebracht. Das andere Molekül trägt den Namen Sacubitril und ist ein sogenannter NEP-Inhibitor.

NEP-Inhibitoren standen schon vor 15 Jahren vor dem Sprung auf die Weltbühne der Pharmakologie. Die Forscher des amerikanischen Konzerns Bristol-Myers Squibb (BMS) waren damals haarscharf an der Erfindung von Entresto dran. Sie vermählten einen NEP-Inhibitor mit einem in Schlangengift gefundenen und chemisch nachgebildeten (und modifizierten) Wirkstoff aus der Substanzklasse der ACE-Inhibitoren. ACE-Inhibitoren gelten noch heute als Goldstandard in der Behandlung der Herzinsuffizienz.

Der in den BMS-Labors entwickelte Ansatz ist demjenigen der Novartis-Forscher technisch sehr ähnlich, mit dem entscheidenden Unterschied allerdings, dass die Basler statt einen ACE-Inhibitor ihr bewährtes Valsartan, einen Angiotensin-Rezeptor-Blocker (ARB), in die Verbindung mit Sacubitril einbrachten. Die daraus resultierenden Differenzen schlagen sich vor allem bei den Nebenwirkungen nieder. Das BMS-Projekt namens Vanlev wurde 2002 durch das FDA beerdigt, weil es bei den Patienten einen chronischen Hustenreiz und teilweise sogar eine gefährliche Schwellung der Schleimhäute bewirkte. Im Fall von Entresto beschränken sich die bisher bekannten Nebenwirkungen im Wesentlichen auf einen zu geringen Blutdruck.

Bittere Pille für US-Firma

Der Rezeptor-Blocker Vanlev war einer von mehreren Forschungsrückschlägen von BMS in jener Zeit. Das Unternehmen geriet in Schwierigkeiten und musste eine tiefgehende Transformation über sich ergehen lassen. Demgegenüber kann Novartis nun hoffen, dass der erwar­tete Verkaufserfolg von Entresto einen grossen Betrag dazu leisten kann, die als Folge der bereits eingetretenen beziehungsweise im Jahr 2016 anstehenden Patentabläufe von Diovan und Glivec (chronische Leukämie) auszugleichen.

Interessant ist die Geschichte von Entresto nicht nur deshalb, weil sie zeigt, wie nahe Erfolg und Misserfolg in der Pharmaforschung beieinanderliegen. Entresto ist auch ein Beispiel dafür, dass die molekulare Pharmakologie auch in den Zeiten der aufstrebenden Biotechnologie immer noch grosse Stricke zerreissen kann. Auch Glivec und dessen Nachfolgepräparat Tasigna basieren auf chemischen Wirkstoffen und verdeutlichen damit einen wesentlichen Unterschied in der Forschungsausrichtung zwischen Novartis und dem Lokalrivalen Roche.

Während die Roche-Forschung seit dem Einstieg beim amerikanischen Biotech-Pionier Genentech vor 25 Jahren eine starke Orientierung in Richtung Biotechnologie genommen hat, geniesst die klassische Chemie bei Novartis nach wie vor einen hohen Stellenwert.

Daniel Zulauf

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