BÖRSE: Bankentitel sausen in die Tiefe

Die Aktienkurse sind auch gestern in den Keller gerasselt. Besonders die Bankentitel sind unter Druck. Ein Grund dafür ist der starke Zerfall des Erdölpreises.

Roman Schenkel
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Auf einem Feld im US-Bundesstaat North Dakota fördern Pumpen Erdöl, während im Vordergrund Gas abgefackelt wird. (Bild: AP/Eric Gay)

Auf einem Feld im US-Bundesstaat North Dakota fördern Pumpen Erdöl, während im Vordergrund Gas abgefackelt wird. (Bild: AP/Eric Gay)

Die rasante Talfahrt der Börsen weltweit geht weiter. Nachdem der Schweizer Leitindex bereits zum Wochenstart 2,5 Prozent verloren hatte, verlor der SMI gestern nochmals 2,27 Prozent. Mit Ausnahme des Pharmaunternehmens Actelion (siehe Text unten rechts) waren sämtliche Aktien des SMI im negativen Bereich. Das Abwärtstempo am Schweizer Aktienmarkt hat sich mit Beginn des Monats Februar sogar noch beschleunigt. Stand der SMI Ende Januar bereits knapp 6 Prozent im Minus, resultiert aktuell ein Verlust von über 14 Prozent seit Jahresbeginn. Die Anleger sorgen sich zunehmend um den Zustand der Weltwirtschaft und werden immer nervöser. Das «Angstbarometer», der sogenannte Volatilitätsindex, stieg auf ein Jahreshoch.

Besonders von den Kursverlusten betroffen waren die Aktien der beiden Schweizer Grossbanken UBS und Credit Suisse. Letztere verlor 8,38 Prozent und notiert so tief wie seit 1991 nicht mehr. Seit Wochenstart verlor die CS-Aktie damit über 13 Prozent oder umgerechnet über 4 Milliarden Franken an Marktkapitalisierung. Auch Konkurrentin UBS musste Federn lassen. Ihre Papiere verloren gestern bis Börsenschluss 5,64 Prozent. Auch die Aktien der dritten Bank im SMI – Julius Bär – verloren gestern 2,74 Prozent.

Angst vor Kreditkrise steigt

Arno Endres, Leiter Finanzanalyse bei der Luzerner Kantonalbank (LUKB), ortet die jüngsten Kursverluste in der veränderten Wahrnehmung der Kreditrisiken. «Der dramatische Zerfall beim Ölpreis setzt zahlreiche Unternehmen und auch Schwellenländer, die von Ölexporten abhängig sind, stark unter Druck», sagt er. Besonders Ölförderer, Vermieter von Ölplattformen, aber auch kleinere Unternehmen, die im Gas- und Ölgeschäft tätig sind, hätten zunehmend Mühe, ihre Kreditfähigkeit aufrechtzuerhalten. So sorgte am Montag die Nachricht, dass der zweitgrösste amerikanische Erdgas-Produzent Chesa­peake Energy kurz vor einer Insolvenz stehe, für grosse Nervosität. Das Unternehmen muss insgesamt Schulden in Höhe von mehr als 10 Milliarden Dollar schultern.

«Wenn Kreditrisiken Sorgen bereiten, kommen automatisch die Banken unter Druck», erklärt Endres. Die Banken haben viele Kredite an die Ölbranche vergeben und könnten deswegen selbst Schwierigkeiten bekommen. Die möglicherweise bevorstehende Zahlungs­unfähigkeit von Unternehmen aus dem Energiesektor ist ein schlechtes Vorzeichen für die Bankenbranche. «Diese Angst zeigt sich nun an den Finanzmärkten», sagt Endres. In den USA habe der Risikoaufschlag für hochverzinsliche Unternehmensanleihen gegenüber Staatsanleihen mittlerweile wieder die Marke von 8 Prozent überschritten und liege damit ähnlich hoch wie zuletzt im Jahr 2011, sagt er.

Banken stabiler als vor Finanzkrise

Endres geht aber nicht davon aus, dass es zu einer eigentlichen Kreditkrise kommen wird. «Die Bilanzen der Banken sind heute deutlich stabiler als vor Ausbruch der Finanzkrise im Jahr 2008», sagt er. Zudem hat sich eine Mehrheit der Unternehmungen ausserhalb des Öl-, Telekom- und Versorgersektors in den letzen Jahren tendenziell entschuldet. Das sieht auch Anastassios Frangulidis, Chefökonom bei der Zürcher Kantonalbank (ZKB), so. Sollte es zu einer Flut von Unternehmenspleiten kommen, werde zwar die Stabilität der Bankenbranche in Frage gestellt, sagt Frangulidis. Die Angst vor einer Finanzkrise wie 2008 hält er allerdings für übertrieben. «Damals waren die Banken das Epizentrum der Krise. Heute sind sie besser aufgestellt und liquider», sagt er.

Mit einer schnellen Entspannung an den Finanzmärkten rechnet Arno Endres von der Luzerner Kantonalbank aber nicht. «Die Situation an den Aktienmärkten dürfte vorderhand volatil bleiben.» Zur Stabilisierung könnte derzeit vor allem eine Erholung beim Ölpreis beitragen. «Der vorübergehende Anstieg des Ölpreises vergangene Woche hat die Märkte sofort wieder beruhigt», so der Analyst Endres.

Ölpreis dürfte noch lange tief bleiben

Nach einem Anstieg des Ölpreises sieht es derzeit allerdings nicht aus. Die Internationale Energieagentur (IEA) bezweifelt, dass der eingebrochene Rohölpreis in nächster Zeit wieder deutlich steigt. Eine koordinierte Kürzung der Förderung in den wichtigsten Produktionsländern halten die Experten laut einem gestern veröffentlichten Marktbericht für wenig wahrscheinlich. «Anhaltende Spekulation über einen Deal zwischen (dem Ölkartell) Opec und führenden Nicht-Opec-Produzenten scheint genau das zu sein: Spekulation», heisst es im gestern veröffentlichten monatlichen Marktbericht.