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BÖRSE: Beobachter der Aktienmärkte: «Die Fahrt nach oben geht weiter»

Fredi Herbert verfolgt das Geschehen an den Aktienmärkten seit 1953. Trotz der Rekordstände sieht er ­Aktien weiterhin als die bevorzugte Anlagekategorie. Er rät, vermehrt «selektiv zu investieren».
Ernst Meier
Fredi Herbert (80) im Garten seines Hauses in Rapperswil-Jona. Der frühere Ringhändler verfolgt täglich das Geschehen an den Börsen. (Bild: Nadia Schärli (23. Juli 2014))

Fredi Herbert (80) im Garten seines Hauses in Rapperswil-Jona. Der frühere Ringhändler verfolgt täglich das Geschehen an den Börsen. (Bild: Nadia Schärli (23. Juli 2014))

Interview: Ernst Meier

Alfred Herbert, die Börsen boomen seit nunmehr neun Jahren. Wie geht es weiter an den Aktienmärkten?

Ich bin zuversichtlich, dass die Fahrt nach oben noch einige Zeit weitergeht. Die Zinsen sind tief, es gibt zu viel billiges Geld. Die Leute wissen gar nicht, was sie mit ihrem Vermögen machen sollen. Gerade im Fernen Osten wurde in den letzten Jahren viel Geld verdient. Das will angelegt sein. So lange Aktien besser rentieren als Obligationen, ist klar, wohin all das vagabundierende billige Geld hingeht.

Auch an der Schweizer Börse läuft es nach einem Unterbruch wegen der Frankenstärke im Jahr 2015 sehr gut. Der Aktienindex SMI hat seit Januar 10 Prozent zugelegt. Lohnt es sich, jetzt noch einzusteigen?

Schweizer Aktien bleiben der Grundpfeiler eines jeden Port­folios. Aktuell kommen täglich Halbjahreszahlen von hiesigen Firmen, die bezeugen, wie stark sie unterwegs sind. Wer heute noch einsteigen will, sollte etwas vorsichtiger, sprich selektiver vorgehen. Grundsätzlich gilt aber, im langjährigen Vergleich sind Schweizer Aktien nur am Kauftag teuer. Hinzu kommt, dass die meisten Firmen attraktive Dividenden zahlen.

Bevorzugen Sie grosse Firmen, sogenannte Large Caps wie Nestlé und Roche oder eher Nebenwerte wie Bossard oder Autoneum? Wo sehen Sie aktuell mehr Potenzial?

Ich würde beide kaufen. Auf beiden Füssen zu stehen, gibt mehr Halt. Als Hauptinvestition machen Nebenwerte aufgrund der höheren Schwankungsgefahr keinen Sinn; sie sind aber eine gute Beimischung. Nestlé ist in den letzten Jahren etwas träge geworden. Jetzt setzt der neue CEO Mark Schneider alles daran, die Ertragskraft zu stärken. Ich bin überzeugt, Nestlé ist in ein bis zwei Jahren viel dynamischer unterwegs. Sehen Sie sich Roche an. Der Pharmamulti wurde vor wenigen Monaten noch verflucht, heute ist das Unternehmen dank prall gefüllter Pipeline bestens unterwegs.

In den USA steigen die Zinsen, in Europa wird es wohl auch nicht mehr lange dauern, bis die Zentralbank EZB den Leitzins erhöht. Das Ende der Aktienhausse?

Nein, so schnell geht es nicht. So langsam werden nun wieder Obligationen interessant. Man sieht bereits erste Anleger, die sich für Anleihen zu interessieren beginnen, nur weil sie etwas mehr Zins erhalten. Die Zinsschritte der US-Notenbank sind aber noch zu bescheiden und erfolgen auf einem zu tiefen Niveau, als dass es zu einem Umdenken bei den Anlegern kommen könnte. Letzte Woche haben die US-Indizes Dow Jones, S & P und Nasdaq auf Höchstständen geschlossen. Sie sehen, Aktien bleiben erste Wahl.

Besteht aktuell nicht die Gefahr, dass die Aktienmärkte zu heiss laufen?

Die Märkte, sei es in den USA oder der Schweiz, sind auf guter Betriebstemperatur, aber noch nicht überhitzt. Wir befinden uns eine oder zwei Stufen darunter. Erst wenn Coiffeure und Taxifahrer wieder mit Aktien spekulieren, ist die Zeit da, auszusteigen, wie man so schön sagt.

Die grossen Aktiencrashs von 1987, 2000 oder 2007 kamen für die Mehrheit der Anleger überraschend. Erst im Nachhinein war man klüger. Ist die jetzige «beste aller Welten» nicht auch trügerisch?

Die heutige Situation kann man nicht mit den früheren Zeiten vergleichen. Damals wurde wild spekuliert, zum Teil mit viel Fremdkapital. Die Hypothekarbestände in den USA waren auf dem Rekordhoch. Diese Missstände sind heute korrigiert. Die Banken sind viel stärker reguliert und müssen über deutlich mehr Eigenkapital verfügen. Ich schlies­se nicht aus, dass es zu einer Stagnation oder gar einer Korrektur an den Börsen von gegen 10 Prozent kommen kann, aber ein Einbruch, wie wir ihn vor zehn Jahren erlebt haben, scheint nicht zu drohen. Damals stand der Börsenboom auf einem Pfahlbauergerüst, heute ist es das stabile Fundament eines Hauses.

Welchen Einfluss hat die Präsidentschaft von Donald Trump auf die Börse?

Die Börsen laufen trotz Trump gut. Die Anleger ignorieren ihn ganz einfach, denn nichts, was Präsident Trump bisher gemacht hat, ist gut. So eine Pfeife wie Trump habe ich in all den Jahren noch nie erlebt. Er verkündet viel und verspricht allerhand. Doch ob nun das Ende von Obamacare, die Mauer zu Mexiko oder eine Steuerreform, überall ist Trump gescheitert. Er ist ein Narzisst, Grossmaul, ja ein Lügenbaron.

Trump ist erst etwas mehr als ein halbes Jahr im Amt. Es bleibt ihm noch Zeit, seine Wahlversprechen einzulösen.

Ach was, dummes Zeug! Was will Trump mit einer Mauer zu Mexiko, welche dieses noch bezahlen soll? Mexiko ist der wichtigste ­Zulieferer der US-Autoindustrie. Auch viele Lebensmittel werden von Mexiko in die USA eingeführt. Anfänglich sprach Trump davon, das Nordamerikanische Freihandelsabkommen Nafta zu kündigen, nun will er es plötzlich nur noch neu verhandeln. Dieser «Twitter-Heini» ist eine einzige politische Katastrophe.

Der Euro hat sich gegenüber dem Schweizer Franken deutlich erholt. Was treibt die Einheitswährung an?

Die Wirtschaft in der Eurozone kommt langsam in Fahrt. Deutschland läuft schon lange gut. Und die Erholung in Ländern wie Irland, Spanien oder Portugal ist deutlich spürbar. Sogar in Frankreich verzeichnet man bessere Zahlen. Die Amerikaner gingen in den vergangenen Monaten etwas aus dem Dollar raus und in den Euro rein. Die europäischen Aktienmärkte bieten aktuell viel Aufholpotenzial. Hier lohnt es sich zu investieren.

Das würde auch weiteren Druck vom Schweizer Franken und der hiesigen Exportindustrie nehmen.

Die Schweizer Exportfirmen ­haben sich super geschlagen. Schnell haben sie sich an die Währungssituation angepasst, auch wenn das Stellen in der ­Industrie gekostet hat. Sehr geschickt agierte auch die Schweizerische Nationalbank SNB. Das sieht man jetzt, wo sich der Euro auf 1.14 Franken erholt hat. Die SNB ist der grosse Profiteur. All die Euro- und Aktienkäufe entwickeln sich zum Milliardengeschäft für die SNB. Das cleverste monetäre Zentralbankenmanagement auf der ganzen Welt machte die SNB. Gratulation an deren Präsident Thomas Jordan und seine Jungs im Hintergrund.

UBS und CS kommen seit zehn Jahre nicht vorwärts. Lohnt es sich jetzt, wo die Zinsen steigen, die Titel zu kaufen?

Langsam sieht man einen Silberstreifen am Horizont der Grossbanken. Für mich ist das aber noch lange kein Grund, um euphorisch zu werden. Die Banken sind noch nicht über den Berg. Der Branche steht mit der Digitalisierung eine neue grosse Herausforderung bevor. Bei der Credit Suisse hat man nun zwei Jahre lang, um die Bilanz zu beschönigen, Familiensilber, sprich Immobilien, verkauft. Mit den steigenden Zinsen werden die Sorgen der Banker etwas kleiner, viele Pro­bleme bleiben. Ich rechne mit weiteren Entlassungen in der Schweiz. Die Zeiten, wo der Bonus «Swiss Banking» im Ausland alle Türen öffnete, sind vorbei.

Auch die deutsche Autoindustrie steht unter Druck – Stichworte Diesel- und Kartell-Gate. VW oder BMW haben deutlich an Börsenwert eingebüsst. Soll man einsteigen?

Nein, die Krise ist noch lange nicht ausgestanden. Wenn Sie sehen, wie jetzt Porsche wegen des Beschisses bei den Abgaswerten gehämmert wird, sage ich: Hände weg. Daimler hat sich sogar selber angezeigt, in der Hoffnung, weniger Busse bezahlen zu müssen. Jetzt mischt sich auch die Politik ein. Das ist nie ein gutes Zeichen. Der deutschen Autoindustrie steht ein heisser Sommer und Herbst bevor. Die Kellerkurse der Autoaktien werden erst danach wieder anlagefähig. Die Umstellung der Industrie auf Elektroantrieb läuft auf vollen Touren.

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