BÖRSE: Der grosse Crash bleibt aus

Der erste Börsen-Schreck ist ausgestanden, aber nur für den Moment. Der Aufwärtstrend der vergangenen Jahre ist gebrochen.
Daniel Zulauf
Der Kurseinbruch an der Wall Street hat gestern auch an asiatischen Börsen für gewaltige Verluste gesorgt. (Bild: Noriko Hayashi/Bloomberg (Tokio, 6. Februar 2018))

Der Kurseinbruch an der Wall Street hat gestern auch an asiatischen Börsen für gewaltige Verluste gesorgt. (Bild: Noriko Hayashi/Bloomberg (Tokio, 6. Februar 2018))

Daniel Zulauf

Nach dem Kurstaucher der Wall Street vom Montag sind die Kurse an den Aktienmärkte am Dienstag weltweit ins Rutschen geraten. Der Swiss Market Index verlor nahezu 3 Prozent.

Die Gründe für die plötzliche Eskalation bleiben unklar. Viele Marktbeobachter verweisen auf die grosse Verbreitung von Schönwetter-Anlagestrategien, unter denen einschlägige Investmentfonds am Montag gezwungen gewesen seien, Risikopositionen unvermittelt zu liquidieren. Diese erzwungenen Verkäufe mögen die Kurskorrektur zwar verstärkt haben. Auslöser waren aber die steigenden Ängste der Investoren vor einer stärkeren Inflation in den USA. Diese Befürchtungen haben sich während mehrerer Wochen in einem Anstieg der langfristigen Zinsen angekündigt und nähren inzwischen Bedenken, dass der neue US-Notenbankchef Jerome Powell den Kurs seiner Vorgängerin Janet Yellen beschleunigen könnte. Aktienanlagen sind in diesem Klima riskanter als vorher.

Szenario 1: Weiter abwärts

Die Wall Street scheint mindestens für den Moment wieder Tritt gefasst zu haben. Jedenfalls haben sich die US-Aktien am Dienstag nach einem erneut nervösen Handelsbeginn wieder etwas nach oben bewegt. Das anfängliche Angst-Szenario einer anhaltenden und sich möglicherweise sogar beschleunigenden Korrektur ist damit zwar kurzfristig weniger wahrscheinlich geworden. Aber das Risiko ist natürlich noch lange nicht vom Tisch. Vieles hängt davon ab, wie sich die Konjunktur entwickelt. Die Gefahr besteht, dass die US-Steuerreform für die Börse zum Bumerang mutiert, wenn sie zu einer Überhitzung der weltgrössten Volkswirtschaft führen sollte. Solche Befürchtungen sind latent schon lange vorhanden und wurden jüngst durch den überraschenden Anstieg der Löhne in gewissen Sektoren genährt. Die Investoren befürchten, dass ein breiter Anstieg der Löhne auch die Teuerung anheizen könnte, was die Notenbank zu einem stärkeren Bremsmanöver, das heisst zu einer rascheren Erhöhung des Leitzinses, zwingen würde. Weil höhere Zinsen attraktiver sind für die Investoren, müssen die vergleichsweise riskanteren Aktien billiger werden. Das ist die Mechanik, die sich letztlich hinter jeder länger anhaltenden Börsenkorrektur verbirgt. Noch gibt es aber nicht genügend Anzeichen dafür, dass dieser Prozess deutlich schneller ablaufen könnte als bisher angenommen.

Szenario 2: Seitwärts

Die meisten Börsenauguren scheinen im Moment damit zu rechnen, dass die Kurse seitwärts verlaufen, wenn auch unter grösseren Schwankungen. Dieses Szenario hat tatsächlich eine hohe Wahrscheinlichkeit. Während es noch zu wenige offensichtliche Zeichen gibt, die für einen rasanten Anstieg der Zinsen sprechen würden, entwickeln sich die Unternehmensgewinne ausgezeichnet. Nach einem neunjährigen Kursanstieg mit wenigen Unterbrechungen sind Aktien gemessen an den gängigen Bewertungsschemata zwar teuer geworden. Doch ­solange die Gewinne im erwarteten Ausmass oder sogar darüber hinaus steigen können, bleiben Aktien eine Option. Das gilt insbesondere auch für Europa und die Schweiz. Der Alte Kontinent liegt im Wirtschaftszyklus weit hinter den USA zurück. Während amerikanische Schatzanleihen immerhin schon Renditen von knapp 3 Prozent abwerfen, rentiert eine zehnjährige Eidgenössische Referenzanleihe des Bundes auch unter dem unlängst erreichten Dreijahreshoch noch weniger als 0,2 Prozent.

Szenario 3: Aufwärts

Eine weitere Aufwärtsbewegung ist das am wenigsten wahrscheinliche Szenario. Der jüngste Kursschock hat sich in den Köpfen der Anleger festgesetzt und das Risikobewusstsein zurückgebracht. Ganz gleich, wie schnell die US-Notenbank die Zinsen auf Normalzustand bringt; der Prozess ist in Gang gekommen. Auch die Europäische Zentralbank wird sich nach und nach als Akteurin von den Finanzmärkten zurückziehen und die Preisfindung wieder den Investoren überlassen müssen. Am Ende stehen höhere Zinsen, die sich dämpfend auf den Preisanstieg in den Aktienmärkten, aber auch an den Immobilienmärkten auswirken werden. Der allmähliche Rückzug der Notenbanken wird auch die durch die Flut an billigem Geld zum grossen Teil überlagerten Risiken zwischen und innerhalb der einzelnen Anlageklassen wieder sichtbarer zu Tage treten lassen und für teilweise hektische Anpassungen sorgen.

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