BÖRSE: Kursfeuerwerk an den Aktienmärkten

Die Kursgewinne der letzten Tage könnten ein Signal für Optimismus und wirtschaftlichen Aufschwung sein. Lohnt sich ein Einstieg? Finanzanalyst Arno Endres sieht noch gute Chancen.

Interview Lukas Scharpf
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Anleger haben zurzeit Grund zum Feiern. Das Bild wurde am 1. August in Zürich aufgenommen. (Bild: Keystone)

Anleger haben zurzeit Grund zum Feiern. Das Bild wurde am 1. August in Zürich aufgenommen. (Bild: Keystone)

Wieso schiessen die Aktienkurse immer weiter in die Höhe?

Arno Endres*: Die Erholung der Aktienmärkte hat letzten Sommer eingesetzt mit der Ankündigung der Europäischen Zentralbank, im Notfall unbeschränkt Staatsanleihen der Krisenländer zu kaufen. Die positiven Zeichen wurden vielleicht am Anfang nicht von allen ernst genommen. Inzwischen ist die Stabilisierung aber nicht mehr wegzudiskutieren. Viele, die den Einstieg in den letzten Monaten nicht gewagt haben, wurden nervös und kribbelig. Wenn es einen Schub gibt, wie gestern, dann steigt die Angst, man verpasse den Einstieg und die Anleger drängen vermehrt auf den Markt. So eine Aktienrallye hat auch eine starke psychologische Komponente. Aber die positiven Grundlagen dafür sind real.

Inwiefern hat die anhaltende Geldschwemme der Notenbanken in den USA und Japan den Trend verstärkt?

Endres: Das hat sicher noch einmal Schub gegeben. Insbesondere in den USA sind die kritischen Stimmen innerhalb des Notenbankgremiums vorerst verstummt. Das Risiko, dass der Geldhahn plötzlich abgedreht wird, ist erst mal weg vom Tisch. Bei der Eurozone sind die existenziellen Ängste vor einem Systemkollaps momentan kein Thema mehr. Niemand rechnet mehr damit, dass es kurzfristig zu einem deutlichen Einbruch kommt.

Kann man also von einer nachhaltigen Erholung sprechen?

Endres:Ich glaube schon, dass sich die Spielregeln grundsätzlich verändert haben. Wenn auch Rückschläge wie nach den Wahlen in Italien weiterhin vorkommen können. Aber die Stimmung hat sich verändert. Bewegungen nach unten werden jetzt wieder verstärkt als Gelegenheit für einen Neueinstieg angenommen. Das gibt der Aufwärtsbewegung Stabilität.

Alternativen zu den Aktien haben die mutigen Anleger ja nicht wirklich.

Endres: Ich denke, das ist gerade aus Schweizer Sicht ein wichtiger Punkt. Wenn man die Ausschüttungsrenditen von Aktien und Obligationen vergleicht, hat man ein Verhältnis von 4 zu 1. Das ist im historischen Vergleich extrem. Vorsichtige Anleger haben in den letzten Jahren sehr viel Liquidität gehortet. Wenn sie nun an die Märkte zurückkehren, investieren sie vorwiegend in Aktien. Aber auch der Umstand, dass Aktien im Gegensatz zu Obligationen Realwerte sind, spricht für die Aktien. Sollte irgendwann im Laufe der nächsten Jahre Inflation doch wieder ein Thema werden, ist man in Aktien besser aufgehoben.

Der Dow Jones ist auf Rekordniveau, und auch der deutsche Dax fliegt hoch. Wer noch nicht dabei ist, hat den Einstieg wohl verpasst.

Endres: In den USA hat die Erholung schon wesentlich früher angefangen und ist darum auch weiter fortgeschritten. Die Bewertung der US-Aktien ist nicht mehr so günstig wie in Europa. Aber auch die etablierten Märkte in Mitteleuropa wie Deutschland haben schon ein gutes Stück des Aufstiegs hinter sich. Ich glaube allerdings auch nicht, dass es in Deutschland zu grossen Rückschlägen kommt. Der realwirtschaftliche Ausblick für Deutschland sieht innerhalb Europas vergleichsweise gut aus.

Bei welchen Märkten lohnt sich der Einstieg noch?

Endres: Im Vergleich zu den USA hat Europa sicher noch deutlich mehr Potenzial. Für die Mutigen sind die südeuropäischen Länder interessant. Hier gibt es noch wesentliche Unterbewertungen. Aber die Länder wie Italien und Spanien sind auch riskanter und am anfälligsten für Rückschläge.

Bieten Schwellenländer attraktive Möglichkeiten?

Endres: Ja, einzelne Aktienmärkte der Schwellenländer wie China und Brasilien liegen noch zurück. Hier erwarten wir mittelfristig noch ein Anziehen der Kurse, insbesondere wenn sich die Realwirtschaft stabilisiert. Die Zeichen dafür scheinen sich am Horizont abzuzeichnen.

Welche Sektoren empfehlen Sie den Anlegern?

Endres: Einerseits Hersteller von Gütern des alltäglichen Bedarfs. Sie sind nicht zyklisch und gerade in Südeuropa aufgrund des Gesamtmarktes unterbewertet. Auch die Pharmaindustrie empfiehlt sich. In der Schweiz laufen Roche und Novartis durch eine Übergangsphase. Viele Patente liefen aus und die Umsätze blieben verhalten. Aber die Produktepipelines sind für die kommenden Monate und Jahre wieder besser gefüllt, und für die mittelfristige Zukunft sieht es so aus, als könnten sich die Margen der Pharmariesen wieder verbessern.

Die Erholung am Aktienmarkt dürfte die Nachfrage beim Gold etwas zurücknehmen. Bleibt es eine attraktive Anlagemöglichkeit?

Endres: Wir mögen Gold als stabilisierendes Element im Portfolio und haben in unserer Anlagenpolitik Positionen in Gold vorgesehen. Massive Wertsteigerungen sollte man allerdings kurzfristig nicht erwarten.

Wohin zeigt der Trend beim Goldpreis?

Endres: Durch die gestärkte Risikobereitschaft der Anleger wird Gold bei dieser Aufwärtsbewegung weniger stark mitziehen. Durch steigende Kosten bei den Produzenten könnte aber das Angebot in nächster Zeit leicht zurückgehen. Mittelfristig könnte die Preisentwicklung nach oben beim Gold wieder weitergehen.

Was ist Ihre Prognose für die Börsenmärkte auf Ende Jahr?

Endres: Wir sehen noch ein Potenzial von 5 bis 6 Prozent nach oben. Vor allem in Europa und in der Schweiz. Für die USA bin ich etwas vorsichtiger.

* Arno Endres ist Chefökonom bei der Luzerner Kantonalbank.