Wer war es? Trump sucht den Schuldigen für den Börsencrash von dieser Woche

Die Erklärung für den viertgrössten Tagesverlust der Geschichte ist komplizierter, als sie US-Präsident Donald Trump gern hätte.

Niklaus Vontobel
Drucken
Teilen
Ärgert sich über den Crash von dieser Woche: US-Präsident Donald Trump

Ärgert sich über den Crash von dieser Woche: US-Präsident Donald Trump

Alex Brandon / AP

Einen grossen Schritt in unserem Comeback», hat Donald Trump noch letzte Woche bejubelt. Die Arbeitslosigkeit ist überraschend gesunken, nicht gestiegen. Die Börse startet durch, für kurze Zeit sind alle virusbedingten Verluste wettgemacht. Sechs Tage später hat die Börse einen schwarzen Tag. Der amerikanische Leitindex Dow Jones bricht um 6,9 Prozent ein. Es ist der vierthöchste Tagesverlust seiner Geschichte. Analysten unken: «Die schlimmsten Albträume werden Realität.»

Doch am Tag darauf zeigt sich die Börse wiederum entkoppelt von der Coronakrise. In der Schweiz fällt der Leitindex SMI nur leicht. Der Dow Jones schliesst im Plus. Am Tag des viertgrössten Tagescrashs hatte ein Analyst noch geschrieben: «Wenigstens für einen Tag triumphierte an der Wall Street die Realität über die Hoffnung.» Es blieb tatsächlich bei dem einen Tag. Danach machten die Börsen weiter wie zuvor.

Streit über die Aussichten für die US-Wirtschaft

Was ist in diesen sieben verrückten Börsentagen passiert? Über die richtige Deutung lässt sich womöglich so endlos streiten, wie bei einem Stück des englischen Nationalbarden William Shakespeare. Trump hat den Schuldigen für den viertgrössten Tagesverlust rasch ausgemacht, und zwar nur 20 Gehminuten vom Weissen Haus entfernt.

Die Notenbank liege wie so oft falsch mit ihrer ernüchternden Einschätzung, twitterte Trump. Er verstehe die Kennzahlen zur Wirtschaft viel besser. Und daraus entnehme er: «Wir werden 2021 eines unserer besten Jahre überhaupt haben.»

Eine Erholung sei so weit entfernt, dass er keinen Gedanken an eine baldige Zinserhöhung verschwende. Das hatte der Vorsitzende der Notenbank gesagt. Jerome Powell fügte gar an: «Wir denken nicht einmal darüber nach, über eine Zinserhöhung nachzudenken.» Mit anderen Worten: die US-Wirtschaft wird auf absehbare Zeit schwach bleiben. Sie mit höheren Zinsen zu bremsen, ist noch sehr lange nicht nötig.

Der Vergleich mit der Grossen Depression hinkt

Trump war nicht allein. Die Rede von Powell wurde weitherum ausgemacht als Ursache für den viertgrössten Tagesverlust. Doch die Deutung ist löcherig. Powell hat viel gesagt. Unter anderem auch, die aktuelle Krise sei nicht mit der Grossen Depression zu vergleichen.

Die Wirtschaft sei vor Krisenausbruch gesund gewesen. Die Regierungen hätten schnell und machtvoll reagiert. Man erwarte mit der Zeit eine volle Erholung und signifikantes Jobwachstum in den nächsten Monaten. Und: Wenn Powells Worte so ernüchternd waren, warum erholt sich die Börse danach wieder?

Der Wechsel der Extreme könnte sich mit dem Streit um die richtige Deutung der Coronakrise erklären. Es gibt zwei Denkschulen. Laut einer Schule ist das Virus bald unter Kontrolle. Ein rasches Comeback ist möglich.

Denn anders als vor der Finanzkrise kam es nicht zu einem irrationalen Investitionsboom. Banken, Industriebetriebe und Privatpersonen müssen sich nicht erst gesund sparen, ehe der Aufschwung beginnt. Laut der anderen Schule dauert der Kampf gegen das Virus zu lang. Die Wirtschaft nimmt ernsthaften Schaden. Die Erholung lässt lang auf sich warten.

Welche Schule hat Recht? Je nachdem sind die Aussichten gut oder miserabel. Entsprechend gross ist die Nervosität.

Mehr zum Thema