BÖRSE: «Zeichen, dass etwas nicht stimmt»

Seit über 60 Jahren beschäftigt sich Fredi Herbert mit den Aktienmärkten. Im Gespräch sagt er, wieso die Kurse trotz Krieg in der Ukraine und in Nahost weiter steigen und weshalb er trotzdem zur Vorsicht rät.

Interview Ernst Meier
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«Ich bin existenziell nicht gefährdet», lautet Fredi Herberts Antwort auf die Frage nach der Höhe seines Vermögens. Der Börsenkenner geniesst den Garten seiner Villa in Rapperswil-Jona. (Bild Nadia Schärli)

«Ich bin existenziell nicht gefährdet», lautet Fredi Herberts Antwort auf die Frage nach der Höhe seines Vermögens. Der Börsenkenner geniesst den Garten seiner Villa in Rapperswil-Jona. (Bild Nadia Schärli)

Fredi Herbert, nach dem Börsencrash von 2008 im Nachgang zur Lehman-Brothers-Pleite erleben wir nun seit fünf Jahren steigende Märkte. Übertreiben die Anleger bereits wieder?

Alfred Herbert: Ja, ich glaube schon, dass die Kurse langsam überschiessen. Der Grund für den starken Anstieg der Börsen hat damit zu tun, dass es derzeit keine Alternativen gibt zu Aktienanlagen. Anleihen rentieren ja nicht mehr, die Zinsen sind im Keller. Wir haben in der Schweiz die hochinteressante Situation, dass ein grosser Teil im Ausland sich in Schweizer Franken engagieren will. Was machen sie also? Sie kaufen Schweizer Aktien. So erhalten sie eine nette Dividendenrendite und haben ihr Geld im stabilen Franken angelegt. Das ist der Grund, dass sich viele Kurse von Schweizer Firmen nahe dem Höchst bewegen.

Grosse Schweizer Werte wie Nestlé, Novartis oder Roche sind ihrem Allzeithoch nahe. Läuten bei Ihnen die Alarmglocken?

Herbert: Nein, die Kurse sind gut abgestützt. Gerade bei den drei genannten SMI-Titeln haben viele ausländische Fonds und grosse Hedge Funds gekauft. Diese dürfen nach ihren internen Anlagebestimmungen nur Index-Titel kaufen. Also engagieren sie sich in sogenannten Schweizer Blue Chips. Deshalb sind Firmen wie Nestlé, Roche und Novartis, die seit Jahren auch sehr gute Gewinnzahlen liefern, kursmässig an der Spitze.

Gleichzeitig legten aber auch kleinkapitalisierte Werte zu. Die Börsenkurse von Firmen wie Dättwiler, EMS oder Bossard haben sich in den letzten vier Jahren mehr als verdoppelt.

Herbert: Diese Firmen sind in einer dynamischen Phase. Sie profitieren von steigenden Exporten und werden sehr gut und weitsichtig geführt. So werden die Titel von den Anlegern zur zweiten Wahl, nachdem man die Blue Chips schon abgegrast hat. Und auch hier locken attraktive Dividenden.

Dann sollte man weiter zukaufen, wenn die Kurse so gut abgestützt sind – auch bei den kleineren Werten?

Herbert: Das weiss ich nicht. Ich betrachte die Firmen und weiss, dass sie äusserst gesund und erfolgreich sind. Die Börsenkurse können jedoch auch durch ganz andere Einflüsse gebildet werden. Der Kauf einer Aktie ist meistens eine Temperamentsache.

Viele Kleinanleger haben die Börsenhausse verpasst. Sollen sie jetzt noch einsteigen?

Herbert: Das muss jeder selber nach seinem Temperament entscheiden. Rückblickend betrachtet ist es immer zu früh oder zu spät gewesen – verstehen Sie? Wenn jemand bis jetzt den Finger noch nicht gerührt hat, zählt er sowieso nicht zu den potenziellen Anlegern.

Ukraine-Krise, Bomben in Israel, Terror im Irak und die chinesische Wirtschaft, die schwächelt – die Börsen zeigen sich bisher wenig beeindruckt. Wie erklären Sie sich das?

Herbert: Das liegt am Anlagedruck oder sagen wir Anlagenotstand – wie bereits erklärt. Die Anleger haben einfach keine andere Alternative, als ihr Geld in den Kauf von Aktien zu investieren. Da sind vielleicht noch Gold und Silber, aber zu viel Geld in Edelmetall anzulegen, lohnt sich nicht. Sie kriegen ja keinen Zins oder eine Dividende. Gross in Edelmetall zu investieren, lohnt sich nur, wenn die Inflation stark anzieht – und das ist momentan nicht der Fall, trotz der Geldschwemme, welche die Nationalbanken verursacht haben.

Und Immobilien-Investments?

Herbert: Immobilien sind heutzutage auch teuer. Früher galt dabei: kein Investment unter einer Rendite von 5 Prozent. Heute werden 3 Prozent in Kauf genommen. Wo will man sonst sein Geld anlegen? Die ganz Reichen kaufen sich noch Kunst. Das wär es dann.

Fünf Jahre Börsenboom. Sehen Sie als «Börsen-Guru» Zeichen, dass der Trend wenden könnte?

Herbert: Die Welt ist zu verrückt, um so etwas frühzeitig zu erkennen. Wissen Sie, heute ist so viel miteinander verbunden. Da kann vieles passieren, das sich global auswirkt. Eins ist aber sicher: Wechsel kündigen sich nie an – weder Hausse noch Baisse. Ich denke, der grosse Wechsel wird kommen, wenn die Inflation wieder ansteigt und die Zinsen wieder nach oben zeigen.

Sie beschäftigen sich seit 61 Jahren mit der Börse, haben sieben Haussen und sieben Baissen erlebt. Da haben Sie doch bestimmt ein besonderes Frühwarnsystem, das Ihnen mehr verrät.

Herbert: Was mir etwas Sorge bereitet und mich derzeit vorsichtig agieren lässt, ist die Feststellung, dass wieder alle Aktien kaufen wollen. Auch diejenigen, die bisher ihr Altersgeld in Obligationen zu 5 bis 6 Prozent investierten und von diesem Zins relativ gut lebten. Sie alle sind heute im Anlagenotstand. Statt im Alter versorgt zu sein, haben sie nun im Alter Sorgen. Gut rentierende Obligationen laufen aus, und neue bringen nur noch 1 bis 2 Prozent Zins. Also kauft man Aktien. So eine Situation hatten wir bisher noch nie. Das ist in meinen Augen ein grosses Problem: Leute, die keine Ahnung von der Börse haben, kaufen Aktien, nur weil sie eine hohe Rendite wollen. Wer Swisscom-Aktien kauft, erhält jährlich eine Dividende von 4 Prozent, bei den Zürich Versicherungen sind es 6 Prozent. Also zieht man die Titel Obligationen vor. Man steigt nicht mit dem Ziel eines langfristigen Engagements in einen Titel ein, sondern lediglich aus Anlagenotstand. Die Anleger gehorchen also in der Not.

Sehen Sie weitere Wolken am Börsenhorizont aufkommen?

Herbert: Was mich derzeit leicht stört – und zwar weltweit, nicht nur in der Schweiz –, ist die Tatsache, dass die Aktien von starken Leuten in schwächere Hände wechseln. Die ganz Grossen haben genug gekauft, die sichern sich heute eher etwas ab. Die kleineren Anleger kaufen aber fleissig weiter. Man sieht das auch an der Börse, die praktisch an Ort stehen bleibt. Seit Wochen bewegt sich der SMI in einer engen Bandbreite seitwärts. Das ist ungewohnt – und in der Börsenhistorie eigentlich ein Zeichen, das etwas nicht mehr stimmt.