BÖRSEN: Die Märkte atmen wieder auf

Nach den heftigen Kursstürzen tritt die chinesische Führung auf die Bremse und senkt den Leitzins und Mindestreservesatz. In Europa sorgte dies gestern für Aufwind an den Börsen.

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Bild: Oliver Marx / Neue LZ

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Felix Lee, Peking/sda

Die europäischen Aktienmärkte haben sich gestern nach den Panikverkäufen vom Montag gefangen und zu einer Gegenbewegung ausgeholt. Auch die Schweizer Börse erholte sich kräftig.

Nachdem der von den Sorgen um die Konjunkturentwicklung in China getriebene Ausverkauf den Leitindex SMI am Montag im Tagestief noch unter das Niveau von 8200 Punkten gedrückt hatte, machte er von da weg bis zum gestrigen Börsenschluss rund 550 Punkte gut. Die Aktienkurse in Schanghai sind zwar am Berichtstag erneut eingebrochen. Doch nachdem die chinesische Börse geschlossen hatte, gab die Zentralbank in Peking eine Leitzinssenkung bekannt, was die Erholung an der hiesigen Börse befeuerte.

China interveniert erneut

Nach dem «Schwarzen Montag» konnte derweil an den chinesischen Aktienmärkten aber auch gestern von einem Aufatmen keine Rede sein. Chinas wichtiger Schanghai Composite Index fiel um weitere 7,6 Prozent und schloss bei 2965 Punkten. Inzwischen liegt das Kursniveau auf dem tiefsten Stand seit mehr als acht Monaten.

Erst am späten Abend entschied sich die chinesische Notenbank in Peking zu handeln. Sie senkte die wichtigsten Leitzinsen sowie den Mindestreservesatz – was einer umfangreichen Geldspritze gleichkommt. Denn auf diese Weise steht mehr Geld für die Kreditvergabe zur Verfügung. Für Chinas Börsen kam diese Ankündigung nach Handelsschluss aber zu spät. An den europäischen Aktienmärkten ging es aber wieder aufwärts.

Automatische Verkäufe

Der Kurssturz auf dem Schanghaier Börsenparkett hatte sich gestern gleich am Morgen beschleunigt, nachdem der Index die Marke von 3000 Punkten streifte. Viele Anleger hatten diese runde Summe als Grenze für automatische Verlustbegrenzungen eingestellt. Wird dieser Grenzwert unterschritten, werden die Papiere automatisch verkauft. Die Börsencomputer mussten innerhalb von wenigen Minuten eine Flut von Verkaufsaufträgen bewältigen. Auch im weiteren Tagesverlauf konnten sich die Kurse nicht erholen.

Am Vortag hatte der Börsenbarometer in Schanghai um fast 8,5 Prozent nachgegeben. Wie eine Pandemie hat Chinas Börsencrash weltweit auch alle anderen Finanzmärkte infiziert. Einem Bericht von Bloomberg zufolge hatten die chinesischen Behörden trotz der heftigen Kursverluste zunächst nicht interveniert. In dem Bericht heisst es, die chinesische Führung sei gespalten. Die eine Fraktion wollte prüfen, was die Eingriffe der vergangenen Wochen wirklich gebracht hätten oder ob sie nicht sogar schädlich waren für Chinas weitere wirtschaftliche Entwicklung.

Ziel der Reformer um den chinesischen Premierminister Li Keqiang war es, mit einer Liberalisierung der heimischen Aktienmärkte vor allem die Staatsunternehmen stärker dem Wettbewerb auszusetzen. Zudem erhoffte sich Li neue Impulse für Chinas seit nunmehr zwei Jahre anhaltende Wachstumsschwäche. Das hatte den Börsenboom des vergangenen Jahres angefeuert, der jedoch mit den Crashs im Juli jäh endete. Mit der massiven Intervention der vergangenen Wochen sind die Liberalisierungspläne quasi wieder zurückgenommen. Und trotzdem gelang es der Regierung nicht, die Talfahrt zu stoppen.

Meinungen gehen auseinander

Umstritten ist unter Finanzexperten auch, wie gross der Einfluss der Kursverluste auf die Realwirtschaft Chinas ist. Die Einschätzungen gehen auseinander. «Panikstimmung dominiert den Markt», sagt Zhou Lin, Analyst bei Huatai Securities. Daher sehe er auch keine Anzeichen für eine sinnvolle Intervention der Regierung. Weitere Geldspritzen würden nur für noch mehr Unruhe sorgen. Er forderte die Regierung auf, Ruhe zu bewahren. Viele Anleger hingegen zeigten sich entsetzt, dass die Regierung am Montag nicht sofort eingegriffen hat. «Das hätte die Panik verhindert», wird ein Börsianer im chinesischen Staatsfernsehen zitiert. Auf die Frage, welche Auswirkungen Chinas schwächelndes Wirtschaftswachstum auf den Rest der Welt haben wird, schreiben die Analysten der Credit Suisse in einer Studie, dass die Investoren mittlerweile zu pessimistisch auf die Weltwirtschaft blicken.

Ernüchterung tritt ein

Am Markt sprachen Händler mit Blick auf den Crash von Montag und den Kursverlusten der vergangenen Woche von Übertreibungen. Nach der am Montag ausgebrochenen Panik sei man nun wieder etwas nüchterner an das Geschehen herangegangen, hiess es. Gleichzeitig warnten Experten, dass das Risiko noch längstens nicht gebannt sei. Bis Börsenschluss legte der SMI um 3,4 Prozent auf 8759 Punkte zu. Der breitere Swiss Performance Index stieg um 3,4 Prozent auf 8915 Punkte.

Grosse Erholungsbewegungen verzeichneten die Aktien des Pharma- und Apothekenkonzerns Galenica mit einem Plus von 6,7 Prozent sowie jene des Ölförderungsunternehmens Transocean mit 6,1 Prozent. Auch die Grossbankentitel der UBS (+4,2 Prozent) und der Credit Suisse (+4,3 Prozent) legten deutlich zu. Diese vier Titel gehörten zu den grössten Verlierern der letzten Handelstage.