BÖRSEN: Verunsicherung erreicht Märkte

Die Konjunktur in Europa stockt – auch die Aktienmärkte zeigen nach unten. Finanzexperten rechnen deshalb mit schwankenden Kursen in den kommenden Monaten.

Ernst Meier
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Die Börsenhändler an der New Yorker Wall Street warten auf die Anhebung der Leitzinsen durch die US-Notenbank Fed. (Bild: Keystone / AP)

Die Börsenhändler an der New Yorker Wall Street warten auf die Anhebung der Leitzinsen durch die US-Notenbank Fed. (Bild: Keystone / AP)

Die Schlagzeilen, welche von einer Verschlechterung der Konjunktur in Europa berichten, mehren sich. Im August gab es erste Anzeichen: So wurden in Deutschland und Frankreich die Wachstumsprognosen für das laufende Jahr und 2015 gesenkt, in Italien sprach man sogar von einem Rückfall in die Rezession. Auch die Schweizer Konjunkturforscher revidierten wegen der starken Abhängigkeit der Wirtschaft vom Export sowie einer Verlangsamung des Baubooms und der Zuwanderung ihre Zahlen nach unten (wir berichteten).

Nun hat sich die Situation für Europas Wirtschaftslokomotive nochmals verschlechtert: Die führenden Konjunkturforschungsinstitute Deutschlands erwarten nur noch ein deutlich abgeschwächtes Wachstum; die Nachfrage aus dem In- und Ausland sei derzeit schwach, heisst es im Herbstgutachten der führenden Wirtschaftsforscher, das gestern in Berlin publiziert wurde. Im dritten Quartal dieses Jahres habe die Wirtschaft sogar stagniert.

Exporte brechen ein

Als Ursachen nennen die Ökonomen die internationalen Krisenherde in der Ukraine und im Nahen Osten, aber auch die Verunsicherung der Konsumenten. Die deutschen Exporteure erlitten im August mit einem Rückgang von 5,8 Prozent gegenüber dem Vormonat den stärksten Rückschlag seit gut fünfeinhalb Jahren. Die Forschungsinstitute rechnen für dieses Jahr nur noch mit 1,3 Prozent mehr Wirtschaftsleistung (2015: +1,2 Prozent). Vor einem halben Jahr hatten sie ein BIP-Wachstum von 1,9 Prozent für 2014 und 2 Prozent für 2015 vorausgesagt. «Das Zusammentreffen gleich mehrerer Krisenherde ist Sand im Getriebe einer prinzipiell auf Wachstum gepolten Weltwirtschaft», erklärte Anton Börner, Präsident des deutschen Aussenhandelsverbands BGA.

Fallende Aktienmärkte

Der deutsche Aktienmarkt hat indes bereits auf den Konjunkturabschwung reagiert: Trotz zwischenzeitlicher Erholung sinkt der deutsche Aktienindex Dax seit dem Jahreshöchst vom 3. Juli dieses Jahres (10 029 Punkte). Die Talfahrt beschleunigte sich im September. Am Mittwoch hat der Dax denn auch erstmals seit Ende Oktober 2013 wieder unter der psychologisch wichtigen Marke von 9000 Punkten geschlossen.

Auch beim Schweizer Aktienindex SMI hat der Trend gedreht: Nach einer Stagnationsphase im September nahm die Verunsicherung in den letzten Wochen zu. Der SMI korrigierte innert wenigen Tagen 5 Prozent nach unten und steht heute wieder dort, wo er im Januar bereits war. «Die Korrekturen an den Aktienmärkten in Deutschland und der Schweiz sind eine Folge der aktuellen Verunsicherung», sagt Christof Strässle, unabhängiger Vermögensberater aus Luzern. Die Börsen würden die schleppende Konjunktur in Europa vorwegnehmen, Anleger agierten zurückhaltend, ist er überzeugt. «Dies führt zu einer längeren volatilen Phase an den Märkten.» Weiter stark sinkende Märkte erwartet Strässle jedoch nicht. «Ich rechne damit, dass sich die Kurse in den nächsten Monaten in einer Bandbreite von Plus/Minus 5 Prozent bewegen», sagt der Finanzspezialist. Grössere Korrekturen oder sogar einen Crash schliesst er derzeit aus. «Dafür müsste sich die Situation durch ein Schockereignis markant verschlechtern.»

US-Konjunktur läuft gut

Anders als in Europa entwickeln sich Konjunktur und Börse in den USA. Dort mehren sich die positiven Wirtschaftsnachrichten: So meldete Washington jüngst sinkende Arbeitslosenzahlen und der Aluminiumkonzern Alcoa überraschte mit einem Umsatz- und Gewinnanstieg im dritten Quartal. Der Dow-Jones-Index verzeichnete am Mittwoch mit 1,64 Prozent das grösste Tagesplus des Jahres. Die positive Grundstimmung widerspiegelt sich im Dollarkurs, der innert drei Monaten von unter 90 Rappen auf 0,97 Franken anstieg. Entsprechend beurteilt Christof Strässle den amerikanischen Markt optimistischer. «Die USA sind konjunkturell gut unterwegs. Das Vertrauen in die grösste Wirtschaft der Welt steigt», sagt er.

Deshalb rechnet er auch nicht mit einem Einbruch der US-Aktienmärkte, sagt aber: «Es kann ebenfalls zu Korrekturen von 5 Prozent kommen.» Weil die US-Konjunktur gut läuft, erwarten die Anleger, dass die Zinsen nächstens angehoben werden. «Eine Erhöhung der Zinsen wirkt sich in einer ersten Phase negativ auf die Börse aus», sagt Strässle. Die Frage sei derzeit, wann die US-Notenbankchefin Janet Yellen die Zinsen anhebt und wie schnell sie diese in der Folge erhöht. Bis zur Klärung dieser Fragen rechnet er auch in den USA mit volatilen Kursen.