BÖRSENWEISHEIT: Die Angst vor dem Sommerloch

Im Monat Mai haben die Aktienhändler den Finger nahe am Verkaufsknopf. Doch die Börsenweisheit «Sell in May and go away» trifft nicht immer zu.

Roman Schenkel
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Nicht nur die Schweizer Börse fällt in gewissen Jahren in ein «Sommerloch», weltweit ist zwischen Frühling und Herbst weniger los, auch an der New Yorker Börse. (Bild: EPA/Keith Bedford)

Nicht nur die Schweizer Börse fällt in gewissen Jahren in ein «Sommerloch», weltweit ist zwischen Frühling und Herbst weniger los, auch an der New Yorker Börse. (Bild: EPA/Keith Bedford)

Der Wonnemonat Mai hat an den Aktienmärkten keinen guten Ruf. «Sell in May and go away» ist die wohl bekannteste Börsenweisheit überhaupt. Sie rät dem Anleger, im Mai seine Aktien abzustossen, um schlechteren Marktphasen aus dem Weg zu gehen. Bis zum Herbst, so die Weisheit weiter («But remember to be back in September»), solle er seine Finger erst einmal von der Börse lassen. So wenig sich diese Regel erklären lässt, von der Hand weisen lässt sie sich gleichwohl nicht (ganz).

«Sell in May and go away» sei nicht einfach eine Phrase, sagt denn auch Arno Endres, Leiter Finanzanalyse der Luzerner Kantonalbank (LUKB). Die Börsenwahrheit habe durchaus Gehalt. «Während die Aktienmärkte üblicherweise zu Jahresbeginn sehr gut laufen, beginnt es in der Periode von Mai bis September zu harzen», sagt Endres. Man könne diese saisonalen Effekte langfristig deutlich erkennen, so der erfahrene Finanzmarktexperte.

Starker Start und Schlussspurt

Die Statistik der Börsenzyklen spricht tatsächlich eine deutliche Sprache. Zu Jahresbeginn steigen die Kurse jeweils meist stark an. «Im Januar wird viel investiert, man deckt sich mit Titeln ein», erklärt Endres. In den Folgemonaten werden zahlreiche Wirtschaftsdaten – vor allem aus den USA – publiziert, und die Unternehmen legen ihre Zahlen vor. «In dieser Zeit klärt sich das Bild», sagt Endres.

Im Mai jedoch findet dies keine Fortsetzung – es fehlen die Impulse für die Märkte. Eine Zusammenstellung der durchschnittlichen Renditen über die letzten 20 Jahre zeigt zwar auch für den Monat Mai noch ein ansprechendes Ergebnis (siehe Grafik). Danach flaut das Geschäft aber deutlich erkennbar ab – wobei die Monate August und September über zwanzig Jahre gesehen besonders schlecht abschneiden. Die Durchschnittswerte dieser beiden Monate werden allerdings von den starken Kurskorrekturen in den Jahren 1990 und 1998 stark nach unten gezogen.

Wenn die Händler in den Ferien sind

Alles in allem sind die Sommermonate aber traditionell schwache Börsenmonate. «Viele Leute vor allem in Amerika und England sind dann in den Ferien», sagt Endres. Das gehandelte Volumen sei deshalb tiefer, und es brauche nur wenig, um den Gesamtmarkt zu bewegen.

Im September ziehen die Börsen hingegen oft wieder an. «Die Jahresendrally hat in den letzten Jahren bereits im September begonnen», sagt Endres. Viele, die zu wenig stark investiert haben, würden dann Versäumtes nachholen. «Window Dressing» heisst dieses Phänomen. «Als Vermögensverwalter will man zeigen, dass man in seinem Portfolio die Aktien hält, die übers Jahr gut gelaufen sind», sagt Endres.

Weisheiten nicht blind folgen

Allen Statistiken zum Trotz: «Man darf einer Börsenwahrheit aber auf keinen Fall blind folgen, sondern muss immer auch das wirtschaftliche Umfeld beachten», betont Endres. Wer zum Beispiel im letzten Jahr seine Schweizer Titel im Mai abgestossen hatte, der dürfte sich geärgert haben. Der wichtigste Schweizer Aktienindex SMI verlor zwar im Mai einige Prozent, erhielt im Juni aber einen starken Aufwärtstrend und gewann bis im September um über 10 Prozent hinzu.

Auch für dieses Jahr geht Endres nicht von einem Einbruch der Aktienmärkte aus. «Zurzeit ist die Situation ziemlich paradox: Wir haben eigentlich schlechte Wirtschaftsprognosen, diese werden von den Märkten aber positiv beurteilt», sagt Endres. So sei das Wachstum der USA tiefer ausgefallen als erwartet, auch die EU hat schlechtere Konjunkturzahlen vorgelegt – die Kurse zeigen weiter nach oben. Der Grund liege darin, dass die Marktteilnehmer wegen der an sich schlechten Nachrichten davon ausgehen, dass die Notenbanken ihre unkonventionellen Massnahmen länger aufrechterhalten. So kann der Markt nach wie vor von der hohen Liquidität zehren, welche die Notenbanken weiterhin in die Märkte pumpen.

Kurzfristig Schocks möglich

Auch Marc Possa, Partner der Zuger VV Vorsorge Vermögensverwaltung AG und Portfoliomanager des Aktienfonds SaraSelect, geht nicht davon aus, dass es sich nun lohnt, die Aktien gemäss Börsenweisheit «Sell in May» zu verkaufen. «Kurzfristig sind gewisse Schocks jederzeit möglich, aber in der Tendenz dürften die Kurse weiter steigen», sagt Possa überzeugt.

Dafür, dass sich der Aufwärtstrend fortsetzt, sprechen auch die niedrigen Zinsen. Diese würden viele Anleger zum Kauf von Aktien bewegen. Denn: «Aktien versprechen eine deutlich höhere Rendite in Form von Dividenden als eine Anlage in Staatsanleihen», sagt Possa. Laut Arno Endres lassen sich mit Aktien in Form von Dividenden rund 3 Prozent Rendite erzielen, ein 10-jähriger Eidgenosse hingegen gibt gerade mal 0,53 Prozent Zinsen.