Kommentar

Böse Glencore? Die Schwarz-Weiss-Szenarios rund um die KVI verkennen die Realität

Kurz vor der Abstimmung um die Konzernverantwortungsinitiative wird auf Befürworter- wie Gegnerseite manipuliert und gelogen. Das zeigt sich am Beispiel von Glencore.

Gregory Remez
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Gregory Remez, Stv. Ressortleiter Wirtschaft

Gregory Remez, Stv. Ressortleiter Wirtschaft

Verantwortung ist das Schlagwort der Stunde. Es reicht, um sofort die Assoziation zu jener Wirtschaftsinitiative mit dem sperrigen Namen herzustellen, über die wir am 29. November abstimmen. Es genügt auch, um sogleich die Wogen hochgehen zu lassen – und den Graben freizulegen, der aktuell quer durch die Schweizer Unternehmenslandschaft geht. Gerade noch haben wir mit ungläubiger Miene den hochemotionalen US-Wahlkampf verfolgt und uns angesichts der schieren Masse an Desinformation verwundert die Augen gerieben. Dabei wird bei der Konzernverantwortungsinitiative, kurz KVI oder Kovi, in diesen entscheidenden Wochen nicht minder verzerrt, gebogen, zugespitzt oder schlicht: gelogen.

Bestes Beispiel: Das Plakat mit dem leicht verschnupften, traurig dreinblickenden Mädchen, das ikonisch für die landesweite Kampagne der Initianten verwendet wird, hat sich als gezielte Manipulation herausgestellt. Wie die NZZ jüngst aufdeckte, hatten die Werber das Antlitz des Mädchens auf die Glencore-Mine im Hintergrund montiert. Auch die Argumentation des Initiativkomitees, der Baarer Rohstoffkonzern trage im peruanischen Cerro de Pasco, dem Heimatort des Mädchens, die «volle und alleinige Verantwortung» für die hohe Schwermetallbelastung im Trinkwasser, verfängt bei näherer Betrachtung nur zum Teil.

Die Geschichte von Cerro de Pasco ist so verzweigt wie bei allen Städten, die nur wegen der Rohstoffe im darunterliegenden Boden existieren. Die Probleme des auf 4300 Metern über Meer gelegenen Ortes, an dem heute vor allem Zink und Blei abgebaut werden, begannen also lange, bevor Glencore dort in den Tagebau einstieg.

So verschleiert die Kampagne etwa, dass die Zinkmine, die das peruanische Mädchen angeblich krank macht, seit 2012 weitgehend stillgelegt ist, Glencore diese aber erst 2017 übernommen hat (nach einer Minderheitsbeteiligung im Jahr 2004). Auch wird verschwiegen, dass die viel grössere Schadstoffbelastung in Cerro de Pasco von Schutthalden ausgeht, die nicht auf Glencores Tätigkeit, sondern das jahrzehntelange Laissez faire des peruanischen Staates in der planlos gewachsenen Stadt zurückzuführen sind.

Im peruanischen Cerro de Pasco wird Glencore vorgeworfen, die Böden zu vergiften

Im peruanischen Cerro de Pasco wird Glencore vorgeworfen, die Böden zu vergiften

Bild: Javier Arcenillas (21. Juli 2017)

Nun sind das nicht unbedingt Gründe, die Initiative abzulehnen, und schon gar nicht, mit der Mistgabel auf die Initianten loszugehen. Dennoch darf die Frage erlaubt sein, wieso sich die Befürworter derartige Ungenauigkeiten erlauben, während sie von anderen minutiöse Sorgfalt einfordern. Auch zeigt sich am Beispiel der peruanischen Kleinstadt mit ihren historischen Altlasten, dass sich die Welt so gut wie nie in Gut und Böse teilen lässt und sich die so gerne kolportierten Schwarz-Weiss-Szenarios bei genauerem Hinsehen rasch in ein Flimmern von Grautönen verwandeln. Zweifellos sind Schwermetalle aus dem Bergbau ein Problem, vor allem, wenn sie ins Trinkwasser gelangen. Und Glencore ist mitnichten die Unschuld vom Lande, die keinerlei Mitschuld an den seit der Jahrtausendwende steigenden Zink- und Bleibelastungen in Cerro de Pasco trägt.

Doch muss dabei fairerweise auch gesagt werden, dass der Konzern seit der Übernahme der Zinkmine zehn Millionen Dollar in ein Umwelt- und Sozialprogramm vor Ort gesteckt hat, zum Beispiel, um das Giftwasser zu reinigen. Zudem befindet sich Cerro de Pasco auch ohne Glencore in einem Dilemma: Verschwinden die Minen, stirbt die Stadt. Viele andere Einnahmequellen gibt es für die rund 70000 Einwohner nicht. Es drängt sich also die Frage auf, ob die Stadt vom Engagement Glencores nicht vielmehr profitiert hat.

Dabei stehen die schwierigen Verhältnisse in Cerro de Pasco sinnbildlich für viele andere Standorte, an denen Glencore tätig ist. 150 sind es weltweit, bei insgesamt 160000 Beschäftigten – viele davon in Entwicklungsländern. Probleme sind da programmiert. Und die Liste der Negativbeispiele ist lang. Sie reicht von Korruptionsskandalen in Kongo-Kinshasa, Nigeria und Venezuela bis zu gerichtlich erzwungenen Entschädigungszahlungen für ein Abgasopfer in Sambia, um nur ein paar aktuelle zu nennen. Nichts ist also einfacher, als Glencore den schwarzen Peter zuzuschieben, und in manchen Fällen ist dies auch durchaus gerechtfertigt.

Doch vergessen wir nicht: Mit dem Finger, den wir so gerne gegen andere richten, wischen wir bald wieder über die Bildschirme unserer Smartphones, in denen ein nicht zu verachtender Teil Glencore drinsteckt. Als einer der weltweit grössten Bergbaukonzerne wird es auch in Zukunft eine wichtige Rolle in unserem Alltag spielen, wichtiger, als manchen lieb ist. Mit solchen Dissonanzen gilt es umzugehen. Das heisst natürlich nicht, dass Missstände nicht angeprangert werden sollen – ebendies versucht die Kampagne hinter der KVI. Auch ist es nicht so, dass auf der anderen Seite des Grabens derzeit nicht weniger gelogen würde; Stichwort: Beweislastumkehr. Doch auch der hehre Zweck heiligt die Mittel nicht.

Denn bald kommt die Zeit nach der Initiative. Und auch wenn sie angenommen wird, werden sich gewisse Probleme nicht in Luft auflösen. Den Unternehmen wird man weiterhin auf die Finger schauen müssen. Rückblickend fragt sich ohnehin, ob es richtig war, Glencore so in den Fokus zu rücken. In der NZZ liess CEO Ivan Glasenberg – ein klarer KVI-Gegner – durchblicken, dass er auch mit einer Annahme gut leben könnte. «Wir müssen wohl mehr Anwälte anstellen. Es würde sich aber nichts daran ändern, wie wir unsere Minen betreiben.»