Zypern-Krise
Börsen und Märkte blieben cool. War das nur die Ruhe vor dem Sturm?

Der Plan B mit einer Fonds-Lösung für Zypern gilt als gescheitert. Jetzt droht die Pleite der Insel. Dennoch blieben die Märkte sehr ruhig. Analysten haben unterschiedliche Auffassungen über die Ansteckungsgefahren.

Matthias Niklowitz
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Sicherheitshalber gleich auch noch auf russisch und englisch: Zypriotische Sparer protestierten gestern gleich dreisprachig.

Sicherheitshalber gleich auch noch auf russisch und englisch: Zypriotische Sparer protestierten gestern gleich dreisprachig.

KEYSTONE

Nachdem griechische Medien am Freitag Mittag gemeldet hatten, dass die Troika den Plan eines Fonds abgelehnt hat, ist die Situation wieder völlig offen. Es droht in den nächsten Tagen der unkontrollierte Staatsbankrott.

Cool haben bisher die Märkte reagiert. Der EuroStoxx-50-Index ist in dieser Woche lediglich um 2 Prozent gefallen, nachdem der Index zuvor den höchsten Stand seit Sommer 2011 erreicht hatte. Am Freitagnachmittag stand der Index 0,2 Prozent im Plus. Zwar kam es bei einigen Bankaktien aus der südlichen Eurozone zu Kursverlusten. Die wurden aber mehr als aufgewogen durch Versorgeraktien, die ebenfalls aus den südlichen Ländern der Eurozone kommen. Die Aktie des italienischen Versicherungskonzerns Generali gewann 4 Prozent.

Kurz vor dem Wochenende stand auch der SMI, der Index der grosskapitalisierten Werte, praktisch auf dem Vortagesstand. Der VSMI, der die Volatilität der SMI-Optionen erfasst und als sehr gutes Barometer für die Nervosität von Anlegern gilt, stieg zwar am Freitag wieder leicht. Aber mit 13 Prozent bewegt sich dieser Index wieder in der Nähe den historischen Tiefstände. Zum Vergleich: Während der Finanzkrise Ende 2008 war der VSMI während einigen Tagen auf 90 Prozent emporgeschossen. Und als sich die Schuldenkrise im Spätsommer 2011 beschleunigt hatte, kletterte der VSMI wieder kurz auf über 40 Prozent.

Der Euro stieg am Freitag gegenüber dem US-Dollar um 0,6 Prozent. Damit hat sich der Wochenverlust auf ein halbes Prozent reduziert, trotz der Wirren um die Rettungspläne für Zypern. Und auch der Goldpreis bröckelte wieder leicht ab. Die Spotpreise fielen am Freitag drei Dollar. Silber fiel gleich um 1,2 Prozent.

Laut den Analysten von Natixis, einer französischen Investmentbank, gibt es mehrere Gründe für die Ruhe: So ist die Wirtschaftsleistung klein. Sie beträgt lediglich 0,2 Prozent der Wirtschaftsleistung Europas. Dann weiss inzwischen der letzte Anleger, dass die zyprischen Staatsanleihen unsicher sind. S%P hatte das Land erst im Dezember auf CCC+ herab gesetzt. Das war lediglich der letzte Schritt einer langen Kette von Abstufungen. Weiter geht es hier nur um eine Finanzierungslücke von 5,8 Milliarden Euro. Die, so vertrauen Investoren, liesse sich irgendwie zusammenkratzen, und wenn man an die Russen eine Marinebasis verpachtet oder die Gasförderrechte verscherbelt. Schliesslich ist Zypern mit dem überdimensionierten Bankensystem das letzte Land in der Eurozone mit diesem Problem. Noch (wesentlich) grösser ist indes das Bankensystem in Luxemburg im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung. Aber im Herzogtum ist das Umfeld höchstsolide.

Die Analysten gehen deshalb davon aus, dass sich die Folgen eines Schocks nach einem Zusammenbruch in Grenzen halten würden, wenn man nur auf diese Fakten abstellt und den Bankkunden in anderen europäischen Ländern einen kühlen Kopf unterstellt.

Allerdings warnen die Analysten vor einer vereinfachten Sichtweise: bei Griechenland hatte man auch immer mit der Grösse bzw. fehlenden Grösse des Landes argumentiert. Dennoch führte die Entwicklung zu einer ernsthaften Krise in der Währungsunion. Das aufgeblähte Bankensystem ist ebenso wenig einzigartig - siehe Irland. Und die Krise um Zypern demonstriert die nicht gemachten Hausaufgaben der Eurozone: Es fehlen laut den Analysten sowohl eine Bankenunion als auch eine gemeinsame Einlagensicherung.

Zypern hätte vielmehr aufgrund der Grösse der ideale Test für solche Einrichtungen sein können, argumentieren die Analysten weiter. Denn wenn sich gezeigt hätte, dass die Einlagenversicherung funktioniert, wäre das ein enorm starkes Signal des Vertrauens für alle anderen Länder gewesen. So gesehen, scheint Zypern eine weitere verpasste Chance zu sein.

Laut den Analysten der Citigroup, einer grossen US-Bank, ist mit dem absehbaren Scheitern der Rettungspläne auch die Chance auf Bank-Runs in anderen Ländern am Mittelmeer gestiegen. Denn: Wenn es die grosse Eurozone nicht schafft, ein so kleines Land wie Zypern zu retten, wie sollte das mit Spanien oder gar Italien funktionieren? «Die meisten Warnungen vor den Risiken einer Ansteckung kommen von Gläubigern, die einiges zu verlieren haben», kommentieren die Analysten nüchtern. «Würde Geld nach einem Schnitt in Zypern von den peripheren Euro-Ländern abgezogen werden? Wahrscheinlich ja. Wird das zu einem systemgefährdenden Problem? Wahrscheinlich nicht», folgern die Analysten.

Denn ob es zu einem Sturm auf weitere Banken in anderen Ländern kommt, hängt laut den Analysten von einer Reihe von weiteren Faktoren ab: Wie sicher sind die Einlagen? Hat die Bank schon zuvor Probleme mit der Liquidität signalisiert?

Die EZB schliesslich hat mit den lokalen Notenbanken nach der Finanzkrise spezielle Liquiditäts-Nothilfen installiert. Diese Hilfen sind in der Lage, auch höhere Mittelabflüsse bei Banken auszugleichen. Wenn es überhaupt zu Schuldenschnitten in anderen Ländern kommt, würden sich diese auf nachrangige Obligationen beschränken.

Auch in dieser Hinsicht sind die Banken auf Zypern in Europa einmalig. Denn die Sparer sind gleichzeitig auch die wichtigsten Besitzer nicht besicherter nachrangiger Forderungen.