Abzockerinitiative
Börsenchef: «Die Minder-Initiative schadet dem Wirtschaftsplatz»

Der Chef der Schweizer Börse, Christian Katz, erklärt, wieso die Abzockerinitiative der Schweiz schaden würde. Er befindet die MInder-Vorschläge als extrem rigid - und fürchtet indirekt den Abzug von grossen Unternehmen ins Ausland.

Marc Fischer
Merken
Drucken
Teilen
Bekommt die regulatorische Verschärfung zu spüren: Christian Katz, Chef der Schweizer Börse. HO

Bekommt die regulatorische Verschärfung zu spüren: Christian Katz, Chef der Schweizer Börse. HO

Herr Katz, der SVP-Politiker Roberto Martullo hielt am letzten Freitag in Ihrem Haus eine Pressekonferenz ab. Der Schwiegersohn von Nationalrat Christoph Blocher machte sich für die Abzockerinitiative von Thomas Minder stark. Sein Argument: Die Initiative werte den Wirtschaftsstandort Schweiz auf. Stimmen Sie zu?

Christian Katz: Nein, ich sehe das anders. Die Initiative schadet dem Wirtschaftsplatz Schweiz. Aber es stört mich nicht, dass Menschen, die anderer Meinung sind, unsere Räumlichkeiten für ihre Konferenzen nutzen. Die Börse war schon immer ein Marktplatz der Meinungen.

«Mister Börse»

Christian Katz ist seit 2009 Chef der Schweizer Börse SIX Swiss Exchange, einem Geschäftsbereich der Finanzgruppe SIX. Zuvor war der 45-jährige Zürcher unter anderem bei Goldman Sachs Schweiz und JP Morgan Chase in London tätig. Er studierte an der Universität St. Gallen Betriebswirtschaftslehre mit Vertiefung Finance und verfasste eine Dissertation über die Rolle internationaler Banken im Wandel des chinesischen Finanzsystems. Katz ist verheiratet und Vater von vier Kindern. (FHM)

Wieso schadet die Minder-Initiative der Schweiz?

Mit der Annahme der Initiative würden Unternehmen abgeschreckt, sich in der Schweiz kotieren zu lassen, viele Firmen würden abwandern oder sich von der Schweizer Börse dekotieren lassen. Die Initiative geht zu weit, weil sie fehlbare Verantwortungsträger der Firmen kriminalisiert. Zudem sind die Minder-Vorschläge extrem rigid. Sie nehmen keine Rücksicht auf die Art der Firma oder in welchem wirtschaftlichen Umfeld sie sich befindet. Verschiedene Chefs grosser Unternehmen haben schon öffentlich gesagt, dass sie bei einer Annahme der Initiative den Sitz ins Ausland verlagern wollen.

Eine Dekotierungs- und Abwanderungswelle bei einer Annahme der Initiative?

Das ist für mich eindeutig. Firmen werden ausserhalb der Schweiz eine neue Lösung suchen oder in einem neuen Rechtskleid – etwa der Holdingstruktur. In der heutigen globalisierten Wirtschaftsordnung können Unternehmen schlechte Rahmenbedingungen in einem einzelnen Land einfach umgehen. Das Ausland würde über die Schweiz lachen, wenn die Minder-Initiative angenommen wird. Kein anderes Land würde sich selbst einen vergleichbaren Wettbewerbsnachteil auferlegen.

Sie schützen die Lohnexzesse?

Nein, überhaupt nicht. Es stimmt, dass es in der Vergangenheit zu Lohnexzessen gekommen ist. Ich finde den Geist der Initiative richtig, und man muss etwas unternehmen. Aber nicht mittels eines Verfassungsartikels, der nur auf die rund 300 börsenkotierten Firmen in der Schweiz zielt. Vergessen Sie nicht, wir haben in unserem Land mehr als 300000 Unternehmen, davon rund 190000 Aktiengesellschaften. Die fallen nicht in den Geltungsbereich der Initiative, obwohl dort zum Teil viel grössere Lohnexzesse zu beobachten sind.

Haben Sie Beispiele?

Konkrete Firmen will ich nicht nennen. Denken Sie an die Immobilien-, Handels- oder Investmentbranche.

Die 70 Millionen von Credit-Suisse-Boss Brady Dougan waren aber auch nicht schlecht, oder?

Den Vergütungsexzess kann man nicht in absoluten Zahlen ausdrücken. Es ist auch immer zu berücksichtigen, was geleistet worden ist. Nochmals: In nicht kotierten Unternehmen haben zum Teil vergleichbare Exzesse stattgefunden.

Offenbar sind aber neue Gesetze notwendig. Die Selbstregulierung, welche die Finanz- und Börsenwelt in weiten Teil prägt, hat bisher nichts gebracht.

Das stimmt nicht. Viele Unternehmen haben sich im Bereich der Corporate Governance, also den Regeln, wie ein Unternehmen geführt werden soll, in den letzten Jahren weiterentwickelt und erfüllen mittlerweile hohe Transparenzstandards – auch in Lohnfragen. Um eine weitere Verbesserung zu erreichen, darf man aber nicht nur auf die Lohnfrage fokussieren. Der indirekte Gegenvorschlag zur Minder-Initiative bringt auf breiterer Basis Verbesserungen bei der Corporate Governance. (...)