BRAUEREI EICHHOF: «Luzern aufzugeben, ist nicht mein Plan»

Abgang um Abgang in der Chefetage der Brauerei Eichhof: Das nährt Befürchtungen, dass es in Luzern bald zum Lichterlöschen kommt. Jetzt nimmt der neue CEO von Heineken Schweiz, Stefano Borghi, erstmals Stellung.

Interview Max Fischer
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«Ich möchte mich so schnell wie möglich auf Schweizerdeutsch mit den Menschen in der Innerschweiz unterhalten»: Stefano Borghi in seinem Büro in Luzern. (Bild Pius Amrein)

«Ich möchte mich so schnell wie möglich auf Schweizerdeutsch mit den Menschen in der Innerschweiz unterhalten»: Stefano Borghi in seinem Büro in Luzern. (Bild Pius Amrein)

Stefano Borghi, bei der Brauerei Eichhof in Luzern gärt es.

Stefano Borghi: Das gehört zu unserem Geschäft.

Im Klartext: Nach nur zwei Jahren an der Spitze verliess Ihr Vorgänger Roger Basler Heineken Schweiz, zu der die Brauerei Eichhof gehört.

Borghi: Das ist richtig. Er suchte eine neue Herausforderung.

Aber auch Verkaufsdirektor René Koller ging nach 15 Jahren bei Eichhof/Heineken. Was läuft schief?

Borghi: Ich bedauere den Weggang von René Koller sehr. Ich habe ihn persönlich kennen gelernt und geschätzt. Andererseits sind Managementwechsel in einem grossen Konzern auch üblich.

Aber es gibt weitere Ungereimtheiten. Gebraut wird zurzeit noch in Luzern, aber jetzt schon wird das Eichhof-Bier in Chur bei Calanda abgefüllt. Insider befürchten den nächsten Schritt: die Schliessung der Brauerei Eichhof in Luzern. Geben Sie den Standort Luzern bald auf?

Borghi: Nein, nein, das ist sicher nicht mein Plan.

Also versprechen Sie, auch künftig in Luzern Eichhof-Bier zu brauen?

Borghi: Nochmals, es ist nicht mein Plan, die Brauerei in Luzern aufzugeben.

Aber Hand aufs Herz: Es macht doch weder wirtschaftlich noch ökologisch Sinn, in Luzern Bier zu brauen und dieses in Chur abzufüllen.

Borghi: Hier geht es um einen Kompromiss. Auf der einen Seite haben Sie das Herzstück, sozusagen die Magie des Bieres, das Brauen. Auf der andern Seite die Effizienz. Es ist die Balance, gleichzeitig wirtschaftlich zu sein, dabei aber die Verwurzelung zum Bier, zum Brauen, beizubehalten.

Das Biergeschäft ist ein lokales Geschäft. In der Schweiz gar ein regionales. Es gibt nicht einfach ein Schweizer Bier.

Borghi: Genau. Im Biergeschäft können Sie nicht allein mit einer internationalen Marke bestehen. Der Markt ist sehr stark vom lokalen Geschäft geprägt. Eichhof und Calanda sind unsere starken Schweizer Marken. Und diese Marken haben eine Geschichte. Sie sind tief in der Bevölkerung verwurzelt. Wir müssen diese Biere und die Beziehung der Konsumenten zu ihren Marken sorgfältig pflegen.

Kritiker sagen, dass Heineken in der Schweiz mit Eichhof und Calanda nur Geld verliert.

Borghi: Ich kann Ihnen keine Zahlen nennen. Nur so viel: Wir müssen profitabel sein, um investieren zu können. Und das ist nötig, um die lokalen Marken zu stärken und im harten Wettbewerb zu bestehen. Lokale Marken – wie Eichhof und Calanda in der Schweiz – sind in allen Ländern für Heineken strategisch sehr wertvoll. Der Mix zwischen internationalen und lokal-regionalen Brands ist im Biergeschäft das Entscheidende.

Wie bei Wein, Whisky und Grappa wird nun auch die Bierkultur stark gefördert.

Borghi: Es ist eine faszinierende Welt. Bevor ich im Biergeschäft tätig war, war für mich ein Bier einfach ein Bier, ein Lagerbier.

Und jetzt?

Borghi: Die Möglichkeiten in der Welt der Biere sind riesig. Sie können mit Bier kochen. Es gibt Bier als Begleiter zum Essen. Biersommeliers werden wie beim Wein ihre Empfehlungen geben. Wir müssen den Konsumenten die Bierkultur weitergeben, sie begeistern und schulen.

Dank der Züchtung von neuen Hopfensorten gibt es inzwischen über 200 verschiedene Spezialitäten von Pfefferminz über Basilikum bis zu Schokolade.

Borghi: Wie gesagt, die Biervielfalt ist riesig. Wir haben viele Spezialitätenbiere. Darunter auch das Radler mit Lemon­geschmack und weniger Alkohol (2 Volumenprozent). Wir konnten zudem beobachten, dass das Radler auch bei Frauen beliebt ist.

Bier ist aber immer noch ein typisches Männergetränk.

Borghi: Für Männer und Frauen gibt es rund ums Bier noch viel zu entdecken. Bier ist nicht einfach ein Durstlöscher: Es ist eine Passion wie ein gutes Glas Wein. Etwas für Geniesser.

Sie sind Italiener – und sprechen kein Deutsch: Wie wollen da gerade Sie die heikle lokale Kundschaft in der Schweiz, speziell in der Zentralschweiz, überzeugen?

Borghi: (Lacht, holt ein Buch aus seiner Mappe) Ich habe gerade die erste Deutschlektion hinter mir, ich bin jetzt seit drei Wochen in Luzern. Bei meiner Vorstellungs-Tour-de-Suisse habe ich die Begrüssung auf Deutsch gehalten: Drei Sätze habe ich in phonetischer Sprache aufgeschrieben.

Aber zur Schweiz haben Sie keine Beziehung?

Borghi: Ich komme aus Mailand, das ist schon mal nahe an der Grenze zum Tessin. Dann habe ich vor Heineken 15 Jahre für Nestlé gearbeitet – anderthalb Jahre habe ich in Vevey gewohnt. Ich kenne also das Land und die Gewohnheiten. Nur habe ich dort Französisch gelernt. So schnell wie möglich möchte ich mich nun aber auch in Deutsch und Schweizerdeutsch mit den Menschen in der Innerschweiz unterhalten.

Führen Sie das Schweizer Geschäft vom Konzernsitz in Amsterdam oder von Ihrer Heimat Mailand aus?

Borghi: Mein Büro ist hier in Luzern, und ich wohne auch hier. Ich muss spüren, wie die Leute leben und denken. Die Sprache ist nur ein Mittel der Kommunikation: Wichtig ist auch, was ein Mensch mit seiner Körpersprache aussagt. Ob er seinem Gegenüber bei einem Gespräch in die Augen schaut zum Beispiel.

Welches Eichhof-Bier schmeckt Ihnen am besten?

Borghi: Das Braugold. Ich bin aber auch ein grosser Weinliebhaber.

Wo tanken Sie auf, holen Energie für neue Ideen?

Borghi: Ich bin ein Familienmensch, habe eine Frau und zwei schulpflichtige Kinder und verbringe gerne Zeit mit ihnen. Und beim Sport kann ich mich gut erholen. Bis zu einem Unfall hat mir Basketball alles bedeutet: Jede freie Minute habe ich auf dem Sportplatz verbracht und in der 2. Liga gespielt. Ich habe auch das Skifahren geliebt. Doch seither habe ich den Sport komplett vernachlässigt, das möchte ich jetzt in Luzern wieder ändern. Sonst sitze ich nur noch im Büro.

Was heisst das?

Borghi: Vorher war ich für Heineken von Amsterdam aus für die weltweiten Grosskunden zuständig – und ständig auf Achse. Im Schnitt kam ich auf 100 Flüge im Jahr. Da war ich automatisch in Bewegung.

Bleibt überhaupt noch Zeit für Hobbys?

Borghi: Ich lese gern, und zwar Biografien. Seit meiner Jugend faszinieren mich drei Persönlichkeiten aus ganz unterschiedlichen Bereichen.

Jetzt sind wir gespannt.

Borghi: Der frühere amerikanische Präsident John F. Kennedy, der italienische Radfahrer-Star der Nachkriegszeit, Fausto Coppi, und Papst Johannes XXIII.

Sie lesen seit Jahren alles, was Ihnen über diese drei in die Hände kommt?

Borghi: Meist handelt es sich bei 80 Prozent des Geschriebenen um Bekanntes. Aber interessant sind für mich die übrigen 20 Prozent, in denen ich immer wieder Neues entdecke.

Was möchten Sie gern noch machen in Ihrem Leben?

Borghi: Ich beschäftige mich mit etwas ganz Speziellem.

Nur zu.

Borghi: Ich finde die Konklave, also die Versammlung der Kardinäle für die Papstwahl, ungemein interessant. Ich setze mich seit längerem intensiv damit auseinander und bin schon fast ein Experte geworden. Die Abläufe, die Dynamik, das Mystische – das ist schon faszinierend. Gern würde ich einmal dabei sein – und nur zuhören und beobachten.

Der neue Chef für die Schweiz

Heineken mf. Stefano Borghi ist 47 Jahre alt, verheiratet und Vater zweier Mädchen. Er hat an der Universität von Mailand Politikwissenschaft studiert. Nach ein paar Jahren in den Bereichen Marketing und Verkauf bei Nestlé in Italien und international wechselte er 2006 zu Heineken. Zuerst war er Commercial Director in Italien, dann Senior Director Global Customer am Hauptsitz in Amsterdam. Im August wurde er zum neuen Schweiz-Chef ernannt. Heineken ist weltweit die Nummer drei und hat 85 000 Mitarbeiter. Im Schweizer Biermarkt ist das Unternehmen mit Marken wie Eichhof, Calanda, Ittinger Amber, Haldengut, Ziegelhof und Heineken die Nummer zwei hinter Carlsberg (Feldschlösschen). Rund 900 Mitarbeiter sind an 19 Standorten für Heineken und deren Schweizer Tochtergesellschaften tätig.