Interview

Buchhandel kehrt in die Gewinnzone zurück, Orell-Füssli-Vertriebsleiterin: «Wir konnten viel von Amazon lernen»

Der Buchhandel von Orell Füssli prosperiert auf neuen, kleineren Flächen. Vertriebsleiterin Simona Pfister spricht in Basel über den Buchhandel in der historischen Druckerstadt, jugendliche Leser und die Rückkehr in die Gewinnzone.

Andreas Schwald
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«Die Jugendbuchabteilung wächst extrem»: Simona Pfister in der Freien Strasse in Basel.

«Die Jugendbuchabteilung wächst extrem»: Simona Pfister in der Freien Strasse in Basel.

bz

Adventszeit ist Bücherzeit. Für den Buchhandel geht es rechtzeitig aufwärts – zumindest beim grössten Schweizer Buchhändler Orell Füssli. Das liege am klaren Fokus auf den Kunden und den Einbezug der digitalen Kanäle, wie Vertriebsleiterin Simona Pfister sagt. Sie ist Mitglied der Geschäftsleitung der Kette mit Sitz in Zürich.

Frau Pfister, vom Buchhandel heisst es seit über einem Jahrzehnt, er stecke in der Krise. Wie läuft das Geschäft zurzeit in Basel?

Simona Pfister: Gut! Wir konnten gegenüber dem Vorjahr zulegen und verzeichnen zurzeit ein Wachstum, wenn auch im einstelligen Bereich. Wir sind sehr zufrieden und gespannt auf das Ergebnis des Weihnachtsgeschäfts im Dezember.

Vor zwei Jahren verzeichnete Orell Füssli Verluste im Buchhandel, die mit dem Strukturwandel der Branche begründet wurden. Jetzt geht es aufwärts. Warum?

Entscheidend war die Verknüpfung von stationärem Handel und Online-Geschäft. Diese so genannte Omnichannel-Strategie tut uns gut. Die Digitalisierung sehen wir als Chance: Der Kunde kann sich beraten lassen, Bücher bei uns abholen, er hat aber auch Millionen von Titeln zur Verfügung, die er sich innert Kürze nach Hause oder auf ein Tablet liefern lassen kann.

Dafür haben Sie 2018 von den Räumen des einst grössten Buchladens der Schweiz in eine kleinere Filiale in der Freien Strasse gewechselt...

Am Anfang mussten wir uns schon umgewöhnen. Man muss aber auch sehen, dass sich auf so einer grossen Fläche sehr viele Titel befinden, die man gar nicht verkaufen kann. Wir fokussieren uns jetzt vielmehr darauf, was der Kunde sucht und was er will. Dazu gehört auch, mit dem Angebot zu inspirieren und nicht allein mit der Masse. Wir haben in Basel aber immer noch rund 200000 Buchtitel an Lager. Dazu können wir online innert kürzester Zeit über 11 Millionen Titel verfügen.

Wenn der Kunde im Zentrum steht: Was lesen die Baslerinnen und Basler?

Das schwankt saisonal, auf die Weihnachtszeit hin sind natürlich Kinder- und Jugendbücher elementar, dazu Geschenke für Gotti, Götti, Oma und Opa. Die Jugendbuchabteilung zum Beispiel wächst extrem, obwohl es heisst, die Jugendlichen würden kaum mehr Bücher lesen. Es gibt also einen Gegentrend. Das Jugendbuch ist zudem ein Bereich, das in Basel sehr geschätzt wird. Aber wir sind ja schliesslich auch eine Familienbuchhandlung.

Unterscheiden wir uns da von Zürich?

Das kommt sehr auf den Standort an. Lokal können die Unterschiede gross sein. An der Zürcher Europaallee zum Beispiel verkaufen wir kaum Jugendbücher, dafür sind fremdsprachige Titel sehr gefragt. Das hängt stets von den Kunden und der Zielgruppe ab.

Ihre Zukunftsformel heisst also: Gezielte Bewirtschaftung einzelner Verkaufsstandorte, der Zielgruppensegmente sowie des Online-Shops?

Absolut. Das Tüpfelchen auf dem i ist aber unser Personal, das wirklich lokal ist, die Bedürfnisse der Kunden kennt, das Sortiment selbst aufbaut und pflegt. Damit können wir tatsächlich stets anbieten, was der Kunde nachfragt. Die meisten Titel sind innert 24 Stunden verfügbar, das heisst, wir können ein Sortiment sehr schnell anpassen oder ausbauen.

Als Jeff Bezos 1994 Amazon gründete, entschied er sich für Bücher, weil sie am einfachsten zu handeln waren und hohe Nachfrage bestand. Seither hat amazon.com den ganzen Handel umgepflügt. Was spüren Sie davon 25 Jahre später noch?

Die grossen Online-Händler wird man immer spüren. Wir können unheimlich viel davon lernen: Was Amazon aus dem ursprünglichen Buchversand mit innovativen Geschäftsmodellen gemacht hat, ist beeindruckend und bewundernswert, besonders, was Services und Dienstleistungen angeht.

Wie konsumieren Sie selbst mittlerweile Lektüre?

Ich muss gestehen, dass ich Nachrichten und Zeitungen digital lese, da habe ich auch meine Abos. Bücherlesen ist für mich aber Entspannung. Am liebsten auf dem Sofa und gerne querbeet: Mal ein Krimi, mal ein Thriller, aber auch ein etwas schnulziger Roman oder Historisches, Empfehlungen von unseren Buchhändlern. Mein Buchvorrat steigt und steigt aber zurzeit, ich habe sicher gerade etwa 40 Bücher daheim, die ich dringend lesen sollte.

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Orell Füssli hat mit Daniel Link eine Nachfolge für den im September 2019 ausscheidenden Firmenchef Martin Buyle gefunden. Link wird seine Tätigkeit als CEO spätestens am 1. Januar 2020 aufnehmen.