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BÜROKRATIE: Ausser Spesen nichts gewesen

Der KMU-Unternehmer Karl Bucher findet Gesamtarbeitsverträge eine gute Sache. Doch mit ihrer Kontrolle hat er groteske Erfahrungen gemacht.
Rainer Rickenbach
Karl Bucher (links) bespricht mit seinem Möbelschreiner Felix Bürgler einen Auftrag in der Werkstatt in Goldau. Eine Kontrolle im Rahmen des Gesamtarbeitsvertrags verursachte Bucher viel Bürokratie. (Bild Pius Amrein)

Karl Bucher (links) bespricht mit seinem Möbelschreiner Felix Bürgler einen Auftrag in der Werkstatt in Goldau. Eine Kontrolle im Rahmen des Gesamtarbeitsvertrags verursachte Bucher viel Bürokratie. (Bild Pius Amrein)

Rainer Rickenbach

Am Schluss ging es um 1097.24 Franken. Das war die Summe, die im Zeitraum von zwei Jahren auf den Lohnkonti von 5 der 60 Mitarbeiter der Schreinerei Karl Bucher in Goldau fehlte. Um das herauszufinden, zog sich zuvor über ganze 14 Monate lang eine externe Prüfung der Buchhaltung des Familien-KMU hin. Zuständig dafür: die Regionale Paritätische Kommission des kantonalen Schwyzer Schreinergewerbes.

Mal mehr, mal weniger

Die Kontrolle des Gesamtarbeitsvertrages kam nicht auf eine Anzeige hin ins Rollen. Sie war eine Routineüberprüfung und zog Kosten von knapp 8500 Franken nach sich. Für einen Drittel davon musste der Betrieb aufkommen, hinzu kamen 400 Franken Verfahrenskosten (siehe Grafik). Und die Mitarbeitenden in der Lohnbuchhaltung bei Bucher mühten sich obendrein mindestens 40 bis 50 Stunden mit Detailabklärungen und rund 100 000 Einzelbuchungen ab.

Mit diesem beträchtlichen Aufwand hatte ein Berg eine Maus geboren: Es ging bei den 1097.24 Franken nämlich um fünf fehlende Einzelbeträge in der Höhe von 15.60 bis 503.12 Franken. Dies bei einer gesamten Lohnsumme von rund 7 Millionen Franken im geprüften Zeitraum. Die Kontrolleure stiessen zudem auch auf Abweichungen, bei denen die Mitarbeiter besser wegkamen, als es im Gesamtarbeitsvertrag vorgesehen ist. Diese auszuweisen, sei aber «nicht unsere Aufgabe», beschied die Kommission dem Unternehmer.

Der war auch so bedient. «Ich halte Gesamtarbeitsverträge grundsätzlich für eine gute Sache. Klar, sie müssen auch überprüft werden. Doch in unserem Fall artete die Kontrolle in eine Groteske aus», sagt Firmenchef Karl Bucher (54). Seine Schreinerei für Innenausbau und Einrichtungen im gehobenen Segment beschäftigt – Teilzeitangestellte mitgerechnet – 51 Fachleute, 8 Lehrlinge, einen ungelernten Mitarbeiter. Das Unternehmen steht für eine Firmentradition von 55 Jahren.

Viel Aufwand für 15.60 Franken

Da derjenige Mitarbeiter, dem 15.60 Franken entgingen, seit über drei Jahren nicht mehr bei Bucher arbeitet, musste die Personalabteilung zuerst einmal ihn und seine neue Bankverbindung ausfindig machen. Dann die Abzüge für AHV/IV, Pensionskasse und weitere Lohnnebenkosten in Rechnung stellen und den kümmerlichen Rest überweisen. Eine Barauszahlung ist ausdrücklich verboten.

«Das ist ein bürokratischer Leerlauf, für den es keinen erkennbaren Anlass gab. Es soll mir jemand einen Betrieb zeigen, bei dem die Buchhaltung während zweier Jahre auf jede Minute genau bis auf den letzten Rappen stimmt», ärgert sich der Schreinermeister. Er verdeutlicht es mit dem Umfeld, in dem sich die Untersuchung der Prüfkommission vollzog: Die Karl Bucher AG zahlt monatlich rund 250 000 Franken Nettolöhne, hat keine Betreibungen am Hals und keinen Ärger mit unzufriedenen Mitarbeitenden. Kurz: ein vorzeigbares KMU, wie es sie in der Schweiz zu Zehntausenden gibt.

Für die, ist Bucher überzeugt, würde ein Vorgespräch reichen. «Wenn vernünftig denkende Vertreter des Verbandes und der Gewerkschaft fünf Stunden lang die Lohnbuchhaltung eines Betriebes studieren und auf keine systematische Verletzung des Gesamtarbeitsvertrages stossen, braucht es keine langwierigen Abklärungen mehr. Die so eingesparten Kosten wären für die Aus- und Weiterbildung der Mitarbeitenden besser investiert.»

Die schwarzen Schafe in der KMU-Landschaft indes seien sehr wohl zu erkennen, wenn sich die Paritätische Kommission die Mühe mache, genau hinzuschauen, so Bucher. «Etwa Firmen, die mit permanenter Preisbrecherei an Aufträge heranzukommen versuchen. Solche, die es mit den Lohnnebenkosten nicht so genau nehmen oder entgegen ihren Offerten mit günstigen ungelernten Arbeitskräften aus dem Ausland arbeiten, die als Subunternehmen getarnt sind. Um solchen Missständen zu begegnen, dafür sind Gesamtarbeitsverträge und ihre Überwachung eigentlich auch gedacht.»

Bucher denkt über Austritt nach

Bucher hat seinen Anteil an den externen Kontrollkosten und die Verfahrenskosten in der Höhe von 3233 Franken im Frühling bezahlt und den internen Aufwand, den die Untersuchung mit sich brachte, abgebucht. Doch gegessen ist die Sache für ihn noch nicht. «Ich kämpfe dafür, dass der Verband sich für den eigentlichen Sinn des Gesamtarbeitsvertrages und der Kontrollen einsetzt: nämlich die Verhinderung von Wettbewerbsverzerrung auf dem Buckel der Mitarbeiter», sagt Bucher.

Er überlegt sich, aus dem Verband der schweizerischen Schreinermeister und Möbelfabrikanten auszutreten, sollte der nicht in der Lage sein, «solch unsinnige bürokratische Übungen» zu unterbinden.

Verband: «Bedauerlicher Einzelfall»

Der Verband ist zusammen mit den Gewerkschaften für die Einhaltung des Gesamtarbeitsvertrages verantwortlich (siehe Kasten). Seinem Direktor Daniel Borner ist die aus dem Ruder gelaufene Überprüfung der Goldauer Schreinerei peinlich. «Es handelt sich um einen bedauerlichen Einzelfall. Aus Sicht des Verbandes ist die Kontrolle völlig unverhältnismässig ausgefallen», so Borner. Das habe der Verband der dafür verantwortlichen Kontrollkommission auch «deutlich zum Ausdruck gebracht».

Damit die Kontrollen in der Schreinerbranche künftig effizienter und verhältnismässiger ausfallen, sind gemäss Borner Massnahmen in die Wege geleitet worden, die bereits erste Wirkungen entfalteten.

Die Kommission überwacht GAV

rr. Die Gesamtarbeitsverträge (GAV) regeln Löhne, Ferien und weitere Arbeitsbedingungen in den verschiedenen Berufssparten. Sie werden zwischen den Arbeitgebern – in diesem Fall dem Verband der schweizerischen Schreinermeister und Möbelfabrikanten – und der zuständigen Gewerkschaft abgeschlossen und sind für die ganze Branche verbindlich. Ob die Verträge auch eingehalten werden, überwachen regionale paritätische Berufskommissionen. Diese setzen sich je zur Hälfte aus Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertretern zusammen. Die Kontrollen geschehen stichprobemässig oder auf Anzeige gegen Verstösse hin.

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