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Ausbeutungsvorwürfe gegen Calida und Otto's

Der Surseer Kleiderhersteller Calida tue nichts, um Hungerlöhne von Näherinnen zu verbessern, folgert eine aktuelle Untersuchung. Auch Surseer Detaillist Otto’s kommt in der Untersuchung schlecht weg.
Gregory Remez
Die Lohnsituation vieler Arbeiterinnen, die für grosse Modeketten Kleider nähen, bleibt prekär. (Symbolbild: Kiyoshi Ota/Bloomberg)

Die Lohnsituation vieler Arbeiterinnen, die für grosse Modeketten Kleider nähen, bleibt prekär. (Symbolbild: Kiyoshi Ota/Bloomberg)

Das Fazit klingt vernichtend. In einer aktuellen Untersuchung zur Lohnsituation in der Modebranche kommt die Schweizer Nichtregierungsorganisation Public Eye zum Schluss, dass in den vergangenen Jahren kaum nennenswerte Fortschritte für die Näherinnen in den Produktionsländern erreicht worden seien. Keine der untersuchten Firmen könne «einen existenzsichernden Lohn für alle Arbeiterinnen in ihrer Lieferkette nachweisen», heisst es im Bericht zur Studie.

Insgesamt 45 Textilkonzerne nahm Public Eye unter die Lupe, darunter 19 aus der Schweiz. ­Lediglich zwei davon konnten glaubhafte Hinweise dafür liefern, überhaupt einen Existenzlohn zu bezahlen: Beim italienischen Modekonzern Gucci liegt der Anteil der Arbeiterinnen, die einen existenzsichernden Lohn erhalten, derzeit bei rund 25 Prozent; bei der am Bielersee domizilierten Firma Nile zumindest bei 50 Prozent. Hinter allen anderen Marken – darunter Migros, Coop, Manor, Chicorée, Zebra, C&A, H&M, Zalando, Sherpa Outdoor oder Calida – prangt eine Null.

«Keine Strategie und kein klarer Zeitplan»

Ein Existenzlohn muss gemäss der Vereinigung «Kampagne für saubere Kleidung», die ebenfalls an der Studie beteiligt war, die Grundbedürfnisse der Angestellten und deren Familie abdecken und darüber hinaus ein frei verfügbares Einkommen übrig lassen. Er ist demzufolge nicht mit dem Mindestlohn gleichzusetzen, da es in vielen Produktionsländern eine grosse Diskrepanz zwischen dem Existenzlohn und dem gesetzlichen Mindestlohn gibt. In Bangladesch etwa – nach China das zweitgrösste Textilexportland der Welt – beträgt der Mindestlohn für ungelernte Näherinnen weniger als die Hälfte des existenzsichernden Lohnes. Von bestimmten Unternehmen wird aber selbst dieser ignoriert.

«Das Problem ist, dass es nach wie vor keine einheitliche Definition eines Existenzlohnes gibt»: Pressestelle von Calida

Public Eye fordert deshalb von den Textilkonzernen, mehr Verantwortung für die Arbeitsbedingungen ihrer Arbeiterinnen in den Produktionsländern zu übernehmen. Zumal es nicht die erste Untersuchung der Organisation dieser Art ist: Bereits im sogenannten Firmencheck von 2014 hatten Calida, Chicorée, Manor, Migros und Zebra die Note «ungenügend» erhalten. In der Zwischenzeit haben sich zwar 27 der 45 untersuchten Unternehmen ganz oder teilweise zu einem Existenzlohn verpflichtet. Passiert ist allerdings, wie sich nun zeigt, wenig.

«Fünf Jahre nach dem letzten Firmencheck hatten wir gehofft, über mehr Fortschritte berichten zu können», resümiert Public Eye im aktuellen Bericht, und lädt im gleichen Zug alle Kleiderkonsumenten dazu ein, den in der Schweiz ansässigen oder stark präsenten Modemarken ins Gewissen zu reden. An die Adresse der Surseer Calida-­Gruppe schreibt die Organisation etwa auf seiner Webseite: «Mit mehreren eigenen Werken und langfristigen Beziehungen zu Lieferanten habt ihr gute Vor­aussetzungen, für Existenzlöhne zu sorgen. Doch was wir vermissen, ist eine konkrete Strategie und ein klarer Zeitplan.»

Noch schlechter weg kommt im Bericht die Marke Sherpa Outdoor, die dem Surseer Detaillisten Otto’s gehört – und damit die zweite untersuchte Firma aus der Zentralschweiz darstellt. Bei Otto’s sei man erst gar nicht auf die Anfrage zur Studienteilnahme eingegangen, schreibt Public Eye. «Dieser Mangel an Transparenz ist aus unserer Sicht stossend. Die Firma muss ihre Verantwortung zur Einhaltung der Arbeits- und Menschenrechte wahrnehmen.» Auch gegenüber unserer Zeitung wollte Otto’s keine Stellung nehmen.

Kontinuierlich aus Asien zurückgezogen

Bei Calida heisst es auf Anfrage: «Dieses Problem betrifft uns aufgrund unserer transparenten Beschaffungskultur wenig. Wir fertigen unsere Produkte fast ausschliesslich über unsere eigene Produktionsplattform in Osteuropa. Diese setzt sich aus unserem Werk in Ungarn und den Partnerbetrieben in den umliegenden Ländern zusammen.»

In der Tat hat sich Calida in den vergangenen Jahren kontinuierlich aus Asien zurückgezogen und produziert aktuell nur noch rund einen Zehntel seiner Waren ausserhalb von Europa. Doch auch in den Hauptproduktionsländern Ungarn, Bulgarien und Rumänien sei das Unternehmen weit davon entfernt, all seinen Arbeiterinnen einen Existenzlohn zu zahlen, moniert Public Eye. «Wie bereits 2014 gibt es keine Hinweise, dass sich die Calida-Gruppe ausreichend für die Verbesserung der Lohnsitua­tion in der eigenen Lieferkette und die Anhebung der Löhne auf ein existenzsicherndes Niveau einsetzt.» Stattdessen verstecke sich das Unternehmen hinter ihrer Mitgliedschaft in der Branchenvereinigung Business Social Compliance Initiative (BSCI), die die Gewährung eines Existenzlohnes zwar als erstrebenswertes Ziel erachtet, jedoch nicht verbindlich festschreibt.

Calida entgegnet darauf, dass es nach wie vor keine einheitliche Definition eines Existenzlohnes gebe. Die Situation der Arbeitgeber in den osteuropäischen Ländern sei darüber hin­aus so angespannt, dass allein der Wettbewerb auf dem Arbeitsmarkt faire landesübliche Löhne garantieren könne.

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