Interview

Caran d'Ache-Chef: «Wir stossen oft auf Kopien in China»

Der Chef des Genfer Schreibwaren-Herstellers Caran d’Ache, Jean-François de Saussure, über VIP-Kunden, Amazon-Verkäufe und eine neue Holz-Strategie.

Benjamin Weinmann
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Jean-François de Saussure (52) ist seit 2013 Chef von Caran d'Ache. Er ist verheiratet und Vater von vier Kindern.

Jean-François de Saussure (52) ist seit 2013 Chef von Caran d'Ache. Er ist verheiratet und Vater von vier Kindern.

Frankreich ist nicht mal hundert Meter entfernt, doch Caran d’Ache ist urschweizerisch: In vierter Generation produziert die Familienfirma in Thônex, am Rande von Genf, Kugelschreiber, Farb- und Bleistifte für das In- und Ausland. Konzernchef Jean-François de Saussure, der nicht Teil der Inhaberfamilie ist, empfängt CH Media zum Gespräch am unscheinbaren Hauptsitz, inmitten einer lauschigen Nachbarschaft. Doch die Ruhe trügt: Das Traditionsunternehmen ist gefordert.

Herr de Saussure, unser Alltag ist vermehrt von digitalen Geräten geprägt. Wann werden Kugelschreiber und Bleistifte obsolet?

Nie! Es gibt nichts Dauerhafteres als ein Bleistiftstrich auf Papier. Wir alle haben das Bedürfnis, persönliche Spuren zu hinterlassen.

Wer schreibt denn heute noch täglich mit Bleistiften?

Viele. Einer unserer Bestseller ist der grosse, flache Bleistift für Schreiner und Förster, mit denen sie Holzpaletten und Bäume markieren. Der klassische rote «341» ist beliebt bei Notaren und Anwälten, die viele Notizen in Dokumenten machen müssen. Und dann natürlich Künstler. Es ist ein kleines Werkzeug, hinter dem viel Arbeit steckt. Die Herstellung eines Bleistiftes benötigt 36 Produktionsschritte und 54 Stunden.

Trotzdem sind Sprachassistenten wie Alexa auf dem Vormarsch.

Solche Programme kommen und gehen. Wir alle kennen den regelmässigen Frust, wenn wir unsere Computer oder Handys updaten müssen. Bei einem Bleistift oder einem Kugelschreiber braucht es kein Update, keine Batterie und kein Virenschutzprogramm. Ich will die Digitalisierung aber nicht kleinreden. Wir haben zum Beispiel Kugelschreiber produziert, die man auch fürs Tablet verwenden kann.

Was ist mit Farbstiften? Wird in den Schulen noch immer viel gemalt, trotz Youtube und iPads?

Absolut. Gerade in Zeiten der Digitalisierung ist die Kreativität bei den jüngeren Generationen als sogenannte Soft Skill zunehmend gefragt. Das Malen und Zeichnen hilft, die Kreativität zu entfalten. Auch weil die Schulen immer mehr Schüler zählen steigen unsere Umsatzzahlen in diesem Bereich leicht an.

Es gab jedoch Schulen, die günstigere Stifte im Ausland eingekauften.

Zum Glück sind das Einzelfälle, die meisten Schulen sind Stammkunden von uns. Aber es ist ein freier Markt und die Aufträge werden öffentlich ausgeschrieben.

Vor einigen Jahren boomten Erwachsenen-Malbücher. Hält dieser Trend an?

Dieser Trend kam aus den USA und war in den Jahren 2015 und 2016 am stärksten. Auch die Kalligraphie ist beliebter als auch schon. Inzwischen hat der Boom zwar etwas nachgelassen. Aber er hat dafür gesorgt, dass viele Erwachsene das Malen für sich wiederentdeckt haben. Für viele ist es eine Art Entspannungstherapie. Es ist ein Anlass in dieser stressigen Welt, um sich Zeit für sich selbst zu nehmen, sich hinzusetzen und in Ruhe kreativ zu sein. Etwas, was heute viel zu kurz kommt.

Der Detailhandel kommt seit einigen Jahren nicht zur Ruhe. Der Einkaufsstourismus und die Onlinekonkurrenz macht den Geschäften das Leben schwer - mit welchen Folgen für Caran d’Ache?

Diese Entwicklungen bereiten mir grosse Sorgen. Wir sehen, dass einige Detailhandelspartner zurzeit Schwierigkeiten haben. Ich habe Mühe zu verstehen, wie man ein Produkt online bestellen kann, das man täglich in der Hand hat und benutzt, ohne es vorher ausprobiert zu haben. Wir haben deshalb in vielen Boutiquen kleine «Art Center» installiert, wo wir den Kunden unsere Produkte demonstrieren und wo sie ausprobiert werden können. Mit ein bisschen Beratung merkt jeder rasch, dass er oder sie ein Künstler sein kann. Doch online zählt leider oftmals nur der Preis.

Sie können aber nicht in jeder Coop- und Migros-Filiale einen Caran d’Ache-Experten platzieren, der Ihre Stifte vermarktet.

Nein, aber wir führen vermehrt solche Atelier-Events in den Geschäften durch, nicht unbedingt bei den grossen Detailhändlern, aber in kleineren Boutiquen und Papeterien, die sich über unsere Ideen freuen. Und wir schulen das Verkaufspersonal der grossen Detailhändler.

Wie viele Ihrer Partnergeschäfte mussten in den vergangenen Jahren ihre Türen schliessen?

Da gab es leider einige. Hauptgrund ist aber nicht die Onlinekonkurrenz, sondern die fehlende Nachfolge. Die meisten Papeterien sind familiengeführt, und die jüngere Generation hat nicht immer Lust, das Geschäft zu übernehmen.

Viele Schweizer Marken, auch bekannte Uhrenfirmen, verkaufen ihre Produkte vermehrt auf ausländischen Plattformen wie Amazon, Tmall oder Alibaba. Ist das ein Thema für Sie?

Nein, wir selber verkaufen darauf keine Caran-d’Ache-Produkte. Aber unsere Zwischenhändler hingegen schon.

Sie könnten das unterbinden.

Das machen wir auch, indem wir sicherstellen, dass das Sortiment beschränkt ist und das Preisniveau eingehalten wird. Wir wollen nicht, dass die Kunden im Geschäft mehr für ihren Stift bezahlen müssen.

Sie betreiben selber 25 Caran-d’Ache-Boutiquen, drei davon in der Schweiz. Wie viele sind es in fünf Jahren?

Ich kann mir vorstellen, dass wir bis zu 15 weitere Shops eröffnen werden, davon vier bis fünf in der Schweiz. Wir möchten die Geschäfte vermehrt auch mit unseren «Art Centern» ausrüsten, wo die Kunden Workshops besuchen können. Das ist eine Idee, die wir mit Erfolg in China und Südkorea getestet haben, vor allem in Shoppingcentern in grösseren Städten. Gerade in Asien spüren wir, wie stark das Schweizer Qualitätsimage wahrgenommen wird.

Viele Schweizer Marken haben in China mit Kopien zu kämpfen. Victorinox investiert viel Geld für Anwälte, die gegen illegale Produkte vorgehen. Sie auch?

Wir stossen regelmässig auf Caran-d’Ache-Kopien in China, das ist in der Tat so. In solchen Fällen werden wir ebenfalls juristisch aktiv. Momentan ist so ein Fall gerade hängig.

International gibt es einige Herausforderungen mit dem Brexit und den Handelskriegen. Hat dies Folgen für Ihr Geschäft?

Ich war vor einigen Tagen in England und wurde darin bestätigt, dass Bundesrat Parmelin einen guten bilateralen Vertrag mit Grossbritannien abgeschlossen hat, der die Handelsbeziehungen mit der Schweiz aufrechterhalten wird, ohne allzu grossen Komplikationen. Wir spüren aber natürlich, dass die Geschäfte aus Unsicherheit ihre Lager aufstocken.

Neulich haben Sie für den Hollywood-Superhelden-Film «Justice League» edle Kugelschreiber im Batman- und Wonder-Woman-Look produziert. Ist das eine Strategie, die Sie von der Uhrenbranche abgeschaut haben?

Nein, die Stifte waren ja nicht im Film selber zu sehen, es war kein Product Placement.

Aber das wäre es doch, wenn «007» im neusten Bond-Film einen Caran-d’Ache-Füllfeder mit integriertem Laser zücken würde!

Ja, das wäre nicht schlecht. Ich frag mal Miss Moneypenny, was das kosten würde. (lacht)

Was war eigentlich der teuerste Kugelschreiber, den Sie je verkauften?

Das war Anfang der 2000er-Jahre, da verkauften wir einen Kugelschreiber, der voll mit Diamanten besetzt war, für mehr als eine Million Franken. Der schaffte es ins Guinness-Buch. Kürzlich hatte ich persönlich das Vergnügen, einen Kugelschreiber für 150 000 Franken verkaufen zu können. Aber so was geschieht nur ein paar Mal pro Jahr. Oft sind es wohlhabende Kunden aus dem Nahen Osten. Eine arabische Prinzessin kam neulich von einem Trip in Kenia zurück und wünschte sich einen personalisierten Kugelschreiber mit Safari-Sujets und afrikanischen Edelsteinen.

Und?

Ihr Wunsch war uns Befehl.

Was viele Kunden wohl nicht wissen: Das Holz in Ihren Farb- und Bleistiften stammt überwiegend aus Kalifornien und wird per Schiff in die Schweiz transportiert. Weshalb setzen Sie nicht auf Schweizer Holz?

Wir haben vor vier Jahren damit begonnen, Stifte aus Schweizer Holz zu produzieren. Das war für uns ein Lernprozess. Denn Schweizer Holz hat völlig andere Eigenschaften als das kalifornische Zeder, das wir für unsere Stifte verwenden. Das US-Holz hat weniger Knoten, ist weicher und somit kundenfreundlicher, da sich der Stift einfacher spitzen lässt. Das Schweizer Holz ist so stark, dass es anfangs unsere Sägen zerstörte.

Es gäbe bestimmt stärkere Sägen…

Deshalb haben wir einen Teil unserer Maschinen angepasst. Und es kommt noch etwas hinzu. Heute ist die Verarbeitung des Schweizer Holzes zu kleinen Brettern, welche wir für die Produktion benötigen, um ein Vielfaches teurer als in den USA, drei bis vier Mal so viel. Dennoch haben wir uns nun zum Ziel gesetzt, dass in zehn Jahren 20 Prozent unserer Stifte aus Schweizer Holz hergestellt sind, aus Wäldern im Jura und im Wallis.

Weshalb erst in zehn Jahren?

Dieser Wandel braucht Zeit. 2024 werden wir unsere neue Manufaktur eröffnen, ebenfalls in Genf, in der wir mit effizienteren und stärkeren Maschinen arbeiten können. Zudem müssen wir unsere Kunden davon überzeugen, Schweizer Holzstifte zu kaufen, die zwar etwas teurer sind, dafür die bessere CO2-Bilanz aufweisen.

Die Frage stellt sich jedoch: Weshalb haben Sie nicht schon früher probiert, mehr Schweizer Holz zu verarbeiten? Brauchte es die aktuelle Klimadebatte für einen Sinneswandel?

Wir waren schon immer eine nachhaltige Firma. Vor 15 Jahren waren wir eines der ersten Unternehmen, das all sein Stifte von der FSC-Stiftung als nachhaltig zertifizieren liess. Wir haben nicht auf die Proteste von Jugendlichen gewartet. Seit vielen Jahren rezyklieren wir mehr als 20 Prozent unseres Industriewassers, vor zehn Jahren haben wir Solarzellen installiert, und die Holzreste, die bei der Verarbeitung entstehen, benutzen wir seit den 50er-Jahren, um die Manufaktur im Winter zu beheizen. Wir wurden aktiv, lange bevor Greta kam.

Caran d’Ache gehört drei Familien, die im Verwaltungsrat vertreten sind. Momentan ist die vierte Generation am Werk. Und die fünfte?

Die Absicht ist klar, dass das Unternehmen auch in Zukunft in Familienhand und in der Schweiz bleibt. Aber die fünfte Generation ist noch sehr jung, sie muss das Malen und Schreiben erst noch perfektionieren.