Mobilfunkriese
Chairman: «Nokia war die beste Firma der Welt – das führte zu ihrem Niedergang»

Der Vorstandsvorsitzende Risto Siilasmaa hat den Abstieg und Wiederaufstieg des finnischen Mobilfunkriesen Nokia aus nächster Nähe erlebt. Er spricht über seine Einsichten.

Daniel Zulauf
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Risto Siilasmaa, Nokia-Chairman.

Risto Siilasmaa, Nokia-Chairman.

Ilmari Fabritius;

«Loosing touch?» Die Bodenhaftung verlieren? Den Teilnehmern des Forums der Schweizerischen Management-Gesellschaft erschliesst sich nicht spontan, weshalb das diesjährige Tagungsmotto als Frage formuliert ist. Man schwebt oder man schwebt nicht. Oder gibt es da noch etwas dazwischen? Risto Siilasmaa nickt und gibt damit schon eine der ersten Erkenntnisse weiter, die er vor zehn Jahren als junges Mitglied der Nokia-Führung zu sammeln anfing. «Wenn Firmen die Bodenhaftung verlieren, dann tun sie alles, um dies zu verbergen», weiss der 52-Jährige aus eigener Erfahrung. «Aber das macht die Sache nur noch schlimmer.» Darum habe er ein Buch über Nokia geschrieben. «Ich will, dass unsere Mitarbeiter Bescheid wissen über die Fehler, die da gemacht wurden.»

Nokia war ein Gigant, als der Jungunternehmer und Technologiefan Siilasmaa 2008 den Board-Room erstmals betreten durfte. Die Firma verantwortete gegen 5 Prozent der finnischen Wirtschaftsleistung. 25 Prozent aller Exporte kamen aus ihren Fabriken. Um zehn Jahre Erfahrung reicher, sagt der Manager heute: «Nokia war die beste Firma der Welt. Das führte zu ihrem Niedergang.» In der nüchternen Art, wie der Ingenieur fast ohne grosse Gesten und Mimik die Geschichte erzählt, gewinnt sie immer weiter an Glaubwürdigkeit – und an Dramatik. «Transforming Nokia», sein Buch, das im Oktober in den Handel kommt, lese sich wie ein «Thriller», hört man.

Vom Erfolg geblendet

Der immense Erfolg und der Glamour des Weltkonzerns hätten zunächst auch ihn als Aussenseiter im Board geblendet, räumt der Finne im Gespräch ein. Das Vertrauen im Unternehmen in die eigenen Möglichkeiten war schier grenzenlos. Niemand in der Führungsetage hielt es für nötig, etwas zu unternehmen, auch als die Realität in Form der ersten schlechten Nachrichten Einzug hielt. Die aufklappbaren Telefone der Konkurrenz verkauften sich in vielen Märkten ausgezeichnet. «Kein Problem», hiess es in der Zentrale in Helsinki: «Wenn wir als Marktführer nicht einsteigen, wird das Produkt quasi von selber aussterben.» Doch die Konkurrenz liess nicht locker. Sie lancierte Multi-SIM-Geräte. Die waren besonders beliebt bei den indischen Konsumenten, aber nicht bei Nokia. Siilasmaa war irritiert. Die Irritation mutierte zu Misstrauen – die schlechten Nachrichten häuften sich.

Die Smartphones von Samsung und Apple setzten zum Höhenflug an. «Lumia», die heillos verspätete Antwort aus dem Hause Nokia, kam kaum vom Fleck. Angst machte sich breit. Im Mai 2012 ernannte man den nicht mehr ganz so unerfahrenen Siilasmaa zum Chairman, dem Vorstandsvorsitzenden. Zu diesem Zeitpunkt war Nokia schon fast im freien Fall. Was danach geschah, steht in den Geschichtsbüchern. 2013 verkaufte Nokia das Telefongeschäft an Microsoft – für läppische 5,4 Milliarden Euro. Von den 56 000 Mitarbeitenden, die der Konzern in seinem einstigen Kerngeschäft noch beschäftigte, wechselten 32 000 zum US-Computerriesen. Ein kleiner Rest von 7000 Leuten blieb bei Nokia. Tausende mussten entlassen werden.

Ein ruhiger Niedergang

Viele wählten den Weg in die Selbstständigkeit. 50 000 Euro Startkapital gab Nokia jedem mit, der bereit war, diesen Schritt zu wagen. 1000 Firmen entstanden daraus. Wie viele davon heute noch existieren, weiss Siilismaa nicht. Doch zwei Jahre später zeigten sich 85 Prozent der Betroffenen glücklich oder sogar sehr glücklich mit ihrer neuen Situation, zitiert er eine damalige Befragung. Zwei Drittel der weich Gelandeten hätten schon gewusst, was sie nach der Zeit bei Nokia tun würden, als sie noch im Sold des gefallenen Giganten standen.

Das passt zu einer anderen Erkenntnis aus jenen dunklen Zeiten. «Denke immer in Alternativen» (und schliesse das schlimmstmögliche Szenario mit ein), schreibt Siilasmaa in seinem Buch, das in der finnischen Originalversion den Titel «Paranoider Optimismus» trägt. «Der Schlüssel zum richtigen Umgang mit den Gefahren des Erfolgs liegt nicht im Fehlermanagement, sondern in der Kultur einer Firma», sagt er. Der Niedergang von Nokia ging in erstaunlicher Stille, ganz ohne Streik vonstatten. Kaum ein ehemaliger Mitarbeiter eilte zu den Medien, um die Firma schlechtzureden. Die Leute seien loyal geblieben, weil sie sich auch in den schlechten Zeiten respektvoll behandelt fühlten, glaubt der Chairman.

Neue Ausrichtung, neues Personal

Die 153 Jahre alte Firma hat sich inzwischen neu erfunden. 2015 schwang sich Nokia mit dem Kauf von Alcatel-Lucent zum weltweit tätigen Vollanbieter für die anspruchsvollsten Netzwerke auf. Die Angebotsbreite und die globale Ausrichtung in der «programmierbaren Welt», in der das Internet zunehmend dazu dient, nicht mehr nur Menschen, sondern Objekte wie Maschinen und Fahrzeuge und ganze Fabriken miteinander zu vernetzen, ist heute das Alleinstellungsmerkmal von Nokia. Die Firma zählt wieder mehr als 100 000 Mitarbeiter. Von diesen sind noch 6000 in Finnland tätig. Der Anteil der Angestellten aus der alten Nokia beträgt weniger als 1 Prozent.

In der bevorstehenden Einführung des neuen Mobilfunkstandards (5G) sieht Siilasmaa eine Chance. Der Standard könne zum «Game Changer» werden. Dass Nokia im Netzwerkgeschäft auf Augenhöhe mit der chinesischen Huawei agiert, macht den Chairman stolz. Auch dass er wieder das grösste Unternehmen Finnlands präsidiert, ist ein starker Erfolgsbeweis. Doch Siilasmaa sorgt sich um Europa. «Unser Kontinent ist zurzeit nicht sehr wettbewerbsstark im Technologiesektor», sagt er. Von den 45 wichtigsten Technologiefirmen der Welt sind gerade mal drei europäisch: SAP, Nokia und Ericsson. Dabei kämen immer noch 30 Prozent der Innovationen aus europäischen Universitäten. «Irgendwie scheint die Verbindung zwischen der Forschung und ihrer kommerziellen Nutzung in Europa unterbrochen zu sein.»