Gastbeitrag
Chancen für Afrika: Wie die Energiewende den Weg zu einer raschen Entwicklung öffnet

Ulrich Spiesshofer, Konzernchef der ABB, schreibt in einem Gastbeitrag über die Chancen für Afrika. So würden Technologien für die Energiewende und die Vierte Industrielle Revolution dem Kontinent den Weg zu einer raschen Entwicklung öffnen. Ulrich Spiesshofer ist Beirat des diesjährigen WEF in Afrika in Durban, Südafrika, vom 3. bis 5. Mai.

Ulrich Spiesshofer, Konzerchef ABB
Ulrich Spiesshofer, Konzerchef ABB
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ABB-Konzernchef Spiesshofer sieht Chancen für die Entwicklung in Afrika.

ABB-Konzernchef Spiesshofer sieht Chancen für die Entwicklung in Afrika.

Keystone/az

Seit der Jahrhundertwende zählt Afrika zu den wachstumsstärksten Regionen der Welt, angetrieben durch den Rohstoffboom und die Einführung neuer Technologien, insbesondere von Mobiltelefonen und Online-Diensten. Dieses Wachstum hat sich als robust erwiesen, und selbst der sinkende Ölpreis konnte der Dynamik in Subsahara-Afrika nichts anhaben. Dieser Teil des Kontinents wächst heute schneller als im ersten Jahrzehnts unseres Jahrhunderts.

Das Aufkommen neuer Technologien, die der Energiewende und Vierten Industriellen Revolution zugrunde liegen, bietet Afrika nun die historische Chance, Herausforderungen wie den Zugang zu Strom und das Missverhältnis zwischen regionalem Angebot und regionaler Nachfrage zu bewältigen. Darüber hinaus kann ein Ökosystem geschaffen werden, das Unternehmertum fördert, den Aufbau von heimischen Märkten unterstützt und die Klügsten und Besten motiviert, in Afrika zu bleiben und ihren Beitrag zur erfolgreichen Zukunft ihrer Länder zu leisten. Mit der weltweit jüngsten Bevölkerung und mit soliden wirtschaftlichen Fundamentaldaten ist der Kontinent optimal aufgestellt, um von der digitalen Revolution zu profitieren.

Auf seinem Pfad der wirtschaftlichen Entwicklung wird Afrika veraltete westliche Industrialisierungsmodelle überspringen. Dies lässt sich am besten anhand der Herausforderung der Energieversorgung des Erdteils verdeutlichen. Heute haben rund 600 Millionen Menschen im subsaharischen Afrika keinen Zugang zu Elektrizität. Selbst in grösseren Städten sind Unternehmen häufig mit Stromausfällen konfrontiert und müssen teure, umweltschädliche Generatoren vorhalten, die mit fossilen Brennstoffen betrieben werden. Der Weltbank zufolge ist der Zugang zu Strom für fast die Hälfte der Betriebe in Nigeria und rund ein Drittel der Firmen in Angola und Ägypten eine bedeutende Herausforderung. Unternehmen in allen drei Ländern führen an, dass Stromausfälle sie fünf bis zehn Prozent ihres Jahresumsatzes kosten.

Bis vor kurzem hätte es Jahrzehnte gedauert und umfassende Investitionen in Erzeugungsanlagen und Netzverbindungen erfordert, das Energieproblem Afrikas zu lösen. Heute liegt eine zuverlässige und nachhaltige Energieversorgung dank neuer Technologien in greifbarer Nähe. Die vielversprechendste Lösung für Afrika sind Mikronetze, die auf Sonnen- oder Windenergie basieren. Diese Systeme, die entweder eigenständig betrieben oder an grössere Netze angebunden werden können, müssen noch stärker in den Blickpunkt der Aufmerksamkeit rücken. Energieversorger und Unternehmen machen jedoch zunehmend von diesen Lösungen Gebrauch, um alle Arten von Gemeinschaften und Anwendungen mit Strom zu versorgen. Mikronetze eignen sich ideal für abgelegene Orte oder Inseln ohne Netzanbindung. Als Beispiel dient hier die neue Anlage auf der Insel Robben Island vor der Küste von Cape Town, wo Nelson Mandela viele Jahre lang inhaftiert war. Das Gefängnis, heute ein Museum, wird nun via Mikronetz mit Energie versorgt.

Mikronetze auf Basis regenerativer Energien können die Netzstabilität verbessern und bieten eine saubere und effiziente Alternative zu traditionellen Generatoren. Gleichzeitig sind erneuerbare Energien heute oft auch die wirtschaftlichste Lösung für neue Elektrifizierungsprojekte. In Zukunft werden Skalenvorteile und Innovationen die Kosten von Schlüsselkomponenten wie Solaranlagen und Batteriespeichern weiter sinken lassen.

Im Bereich der Industrie sollte der Schwerpunkt in Afrika eindeutig auf der erheblichen Diskrepanz zwischen regionalem Angebot und regionaler Nachfrage liegen. Dieses Ungleichgewicht lässt sich am besten durch den Ausbau von Fertigungsstrukturen und die Steigerung der Produktivität beheben. Einkommen und Konsumausgaben wachsen auf dem Kontinent heute stärker als die Produktion. Dies führt zu steigenden Importen vieler Arten von Gütern, die in Afrika hergestellt werden könnten und sollten. Hierzu zählen Zement, Nahrungsmittel und Getränke, Erdölerzeugnisse, verarbeitete Waren und auch komplexere Produkte wie Autos, Chemikalien oder Maschinen. Herstellern in Afrika bietet sich die enorme Chance, die beträchtliche Nachfrage auf ihren heimischen Märkten zu befriedigen. Dieses Potenzial kann gehoben werden, ehe sie darüber nachdenken, in andere Kontinente zu exportieren.

Das unmittelbare Ziel sollte darin bestehen, einen grösseren Teil der Wertschöpfungskette der Produktion in Afrika zu belassen. Die Ausfuhr von in Afrika hergestellten Waren hat seit 2000 um 2,5 Prozent im Jahr zugenommen. Exporte aus anderen Regionen der Welt sind jedoch schneller gewachsen, mit dem Ergebnis, dass noch immer weniger als 1,5 Prozent der weltweiten Warenausfuhren auf Afrika entfallen. Zum Vergleich: China hat seinen Exportanteil von 4,5 Prozent im Jahr 2000 auf 15 Prozent im Jahr 2015 gesteigert.

Statt Rohstoffe zu exportieren und Fertigerzeugnisse zu importieren, müssen die Volkswirtschaften in Subsahara-Afrika integrierte regionale Wertschöpfungsketten entwickeln. Voraussetzung hierfür ist die Errichtung einer besseren Infrastruktur, ein effektiverer Einsatz lokaler Humanressourcen und die verstärkte Förderung von Privatunternehmen.

Hier bieten neue Technologien die Möglichkeit, nicht nur die Produktion auszubauen und die Produktivität bestehender Unternehmen zu steigern, sondern eine neue Generation von Unternehmern auf den Weg zu bringen, die die Unternehmen und Branchen der Zukunft gründen. Die Internetrevolution im Telekommunikations- und Finanzdienstleistungssektor hat gezeigt, dass Afrika ältere und etabliertere Technologien überspringen kann. In Afrika südlich der Sahara verfügen nur wenige Haushalte über ein Festnetztelefon. Dafür besitzen in Südafrika und Nigeria mehr Erwachsene ein Mobiltelefon als in den USA, wie aus einer Studie des Pew Research Center hervorgeht. In Ostafrika wird das Mobiltelefon besonders häufig für Online-Banking genutzt. Diese Praxis hat dort viel schneller Verbreitung gefunden als in stärker entwickelten Märkten.

Die digitale Revolution in der Industrie bietet Afrika nun die Chance, ähnlich schnelle Fortschritte in der Industrieproduktion zu machen. Unternehmen können Big Data und Konnektivität für die Fernüberwachung von Maschinen, Anlagen und Fabriken nutzen und so Stillstandszeiten reduzieren und ihre Erträge steigern. Zudem können sie neue Geschäftsmodelle entwickeln, die mit Hilfe von Digitaltechnologien Entfernungen und Grenzen überwinden. Allein durch den zielführenden Einsatz von Automatisierung, erneuerbaren Energien, Datenanalyse, Cloud Computing und anderen neuen Verfahren wird Afrika robuste Industrien aufbauen können, die sich im Wettbewerb mit kostengünstigeren Anbietern höherer Qualität in anderen Teilen der Welt behaupten.

Die Industrie, insbesondere der Fertigungssektor, baut und nutzt die Maschinen, mit denen die Produktivität in der Landwirtschaft und anderen Branchen erhöht werden kann. Sie liefert die Materialien und Werkzeuge, mit denen Infrastrukturen errichtet und betrieben werden. Sie lässt Einkommen steigen und erschliesst neue Wachstumsmöglichkeiten im Dienstleistungssektor. Die produzierende Industrie fördert Innovationen und ist für bis zu 90 Prozent der F&E-Ausgaben im Privatsektor verantwortlich. Wenn wir die komplette Wertschöpfungskette nutzen und mit den Technologien der Energiewende und der Vierten Industriellen Revolution einen starken Fertigungssektor aufbauen, werden wir möglicherweise feststellen, dass das Jahrhundert Afrikas endlich gekommen ist.

Dr. Ulrich Spiesshofer ist Vorsitzender der Konzernleitung von ABB Ltd, einem global führenden Technologieunternehmen in den Bereichen Elektrifizierungsprodukte, Robotik und Antriebe, Industrieautomation und Stromnetze mit Kunden in der Energieversorgung, der Industrie und im Transport- und Infrastruktursektor. Aufbauend auf einer über 125-jährigen Tradition der Innovation gestaltet ABB heute die Zukunft der industriellen Digitalisierung und treibt die Energiewende und die Vierte Industrielle Revolution voran. Das Unternehmen ist in mehr als 100 Ländern tätig und beschäftigt etwa 132.000 Mitarbeitende.

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