Kolumne

«Gütsch»-Besitzer Lebedev: Luzerngrad statt Londongrad?

Das Vermögen von «Gütsch»-Besitzer Alexander Lebedev soll zwischen mehreren hundert Millionen Dollar bis zwei Milliarden Dollar betragen (haben). Doch wie hat er es erworben?

Monika Roth
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Monika Roth.

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Kürzlich habe ich vorab die nunmehr publizierte Biografie des «Gütsch»-Besitzers Alexander Lebedev erhalten mit dem Titel «Hunt the banker». Lebedev, ein russischer Oligarch, sagte in einem Interview, er habe den «Gütsch» als Liebhaberobjekt erworben. Dass er am historischen Hotel ein tiefes Interesse hat, ist schwer zu glauben. Vielleicht ist es einfach eine Trophäe. Die Schweiz an sich scheint eine wichtige Drehscheibe für seine Geschäfte zu sein – und Luzern kommt ihm offenbar als geeigneter Geschäftsort gelegen.

Sein Vermögen soll zwischen mehreren hundert Millionen Dollar bis zwei Milliarden Dollar betragen (haben). Mich interessiert, wie er es erworben hat. Er hat gleichzeitig wie Putin beim KGB gearbeitet und war Spion. Gemäss Panama Papers ist er mit Briefkasten­firmen vor allem in Malta unterwegs. Soweit ersichtlich ist die Gruppe in zwei Linien organisiert: Die eine endet mit ­-stream, die andere mit ­-fincom. In der Schweiz sitzen die Alpstream (Malta: Alpha­stream, Betastream, Gamma­stream) und die CIS Interfincom (Malta: CIS Maltafincom).

Vielleicht braucht Lebedev einen zweiten europäischen Hafen, falls London nicht mehr taugt. London ist nicht mehr so «welcoming» wie bisher, weil das politische und rechtliche Umfeld sich geändert hat. Der bekannteste Oligarch Roman Abramowitsch ist deswegen nach Israel gezogen (nachdem die Schweiz ihn nicht gewollt hat). Als sich in den Neunzigerjahren ein gewaltiger Geldstrom aus den früheren Sowjetrepubliken über Londons Bankenviertel ergoss, jubelte die Politik. Dem Geld folgten die Besitzer. Russische Oligarchen quartierten sich in den teuersten Vierteln Londons ein, kauften Fussballklubs und investierten Millionen in Kunst und Immobilien. Akademiker und Journalisten, die darauf hinwiesen, dass viele der Gelder aus fragwürdigen Quellen stammten, wurden als miesepetrige Querulanten abgetan. London wurde zu Londongrad.

Aussenansicht des Chateau Gütsch in Luzern. (Bild: Pius Amrein, 23. Februar 2019)

Aussenansicht des Chateau Gütsch in Luzern. (Bild: Pius Amrein, 23. Februar 2019)

Diese immensen Vermögen haben ihren Ursprung in der Privatisierung staatlicher Unternehmen, bei der es nicht nur darum gegangen ist, dass ein paar Supergescheite und unternehmerisch Begabte Anteile aufgekauft hätten. Korruption und Vetternwirtschaft waren weit verbreitet. Das heisst aber keinesfalls, dass jeder Oligarch sich deliktisch verhalten hat. Umso mehr möchte man wissen, wie es im Einzelfall steht. Dafür wäre eine Biografie die gute Gelegenheit. Denn das Engagement von Lebedev beim britischen ­«Independent» (er kaufte die Zeitung 2010) zeigt, dass man ihn nicht einfach in einen «Einheitstopf» der russischen Oligarchen werfen kann. Vor diesem Hintergrund ist es legitim, Fragen zu stellen.

Wie lautet also die Antwort auf die Frage, wie er innerhalb von sehr wenigen Jahren zum Milliardär geworden ist? Darüber schweigt er sich leider in der Biografie aus. Dass er seinerzeit eine marode Bank übernommen hat, die als eine der wenigen nicht in Konkurs fiel und zur Grossbank wurde, genügt mir nicht. Eine nette Geschichte, nur ist damit nicht geklärt, wie genau er zum Milliardär geworden ist. Dass er sich heute dezidiert gegen Korruption und Geldwäscherei äussert, hindert solche Fragen nicht.

Diese müssen auch gestellt werden, wenn man liest, dass ein anderer Oligarch den grössten Medienpreis der Welt stiftet, dessen Verleihung im Januar 2020 ausgerechnet in Luzern erfolgen soll. Hinter der mit rund einer halben Million Franken dotierten Ehrung steht eine Person, zu der es einige delikate Fragen gibt. Die Stiftung hinter dem Preis hat ihren Sitz in Genf an einer c/o-Adresse bei einer britischen Vermögensverwaltungsfirma mit Büros unter anderem in Zypern, Malta und auf der Kanalinsel Jersey.

Ein polnisches Sprichwort sagt: «Lange lebt, wer keine Geschenke annimmt.» Man muss kein Querulant sein, um nicht nur Luzern zum Nachdenken einzuladen.

Monika Roth ist Professorin für Compliance und Finanzmarktrecht an der Hochschule Luzern.