Das grosse Interview
Chef der zweitgrössten Schweizer Privatklinikgruppe: «Die Schweiz leistet sich ein Luxus-System»

Aevis-Chef Antoine Hubert leitet die zweitgrösste Schweizer Privatklinikgruppe. Er fordert Umbrüche im Gesundheitswesen, weniger Subventionen und mehr Markt.

Laurina Waltersperger
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Mag das Risiko Unternehmer Antoine Hubert steigt dort ein, «wo es wenig Interessenten und damit Wettbewerb gibt. Dort können Sie gute Geschäfte machen.»

Mag das Risiko Unternehmer Antoine Hubert steigt dort ein, «wo es wenig Interessenten und damit Wettbewerb gibt. Dort können Sie gute Geschäfte machen.»

Keystone

Ein adretter Veston mit Gilet, meistens in Blau. Das ist das Markenzeichen von Antoine Hubert. Der Walliser Unternehmer hat in etwas mehr als einer Dekade die zweitgrösste Privatklinikgruppe der Schweiz aufgebaut: 16 Kliniken, hinzu kommen die fünf Luxushotels der Victoria Jungfrau Collection.

In der Deutschschweiz tritt Hubert selten auf – obschon er zwischen Bern, Bodensee und Alpen gerade eifrig seine Expansion plant. Auch in Bundesbern hat Hubert eine Mission: Er will das Leistungssystem der ambulanten und stationären Pflege vereinheitlichen, die kantonalen Spitalsubventionen stoppen und den ambulanten Bereich ausbauen.

Herr Hubert, Sie sind ein Vollblut-Unternehmer. Einst verkauften Sie Handys, handelten mit Immobilien. Was treibt einen wie Sie in den regulierten, notorisch von Kostendruck geplagten Gesundheitsmarkt?

Antoine Hubert: Ich bin immer in schwierigen Zeiten in die jeweiligen Branchen eingestiegen. Als ich im Immobiliengeschäft anfing, herrschte dort Mitte der 1990er-Jahre die düsterste Zeit. Es ist einfach, etwas gut zu machen, wenn die Rahmenbedingungen nicht so toll sind.

Sie schlagen dort zu, wo andere die Finger von lassen?

Dort, wo es wenig Interessenten und damit keinen Wettbewerb gibt, können Sie gute Geschäfte machen.

Brauchen Sie das Risiko?

Es ist Teil meines Charakters. Zudem ist es für die Schweiz wichtig, starke private Player im Gesundheitsmarkt zu haben, die ein Gegengewicht zu den staatlichen Akteuren darstellen.

Die Gesundheit ist zu Ihrem Business geworden. Was machen Sie privat dafür?

Ich esse gesund und achte auf genügend Schlaf.

Sie sind Walliser. Die kennen sich bekanntlich aus mit dem Savoir-vivre. Auf was würden Sie bei Speis und Trank ungern verzichten,

auch wenn es nicht gerade gesundheitsfördernd ist?

Auf ein gutes Glas Rotwein, am liebsten von einem der Weingüter meines Geschäftspartners Michel Reybier.

Machen Sie Sport?

Ja, als Walliser fahre ich gerne Ski.

Mittlerweile besitzt Ihre Gruppe 16 Kliniken. Damit sind Sie häusertechnisch gleichauf mit Konkurrentin Hirslanden. Was ist Ihr Ziel?

Wir wollen bis in fünf Jahren die Anzahl Kliniken auf 20 bis 25 erhöhen und damit in den meisten Kantonen vertreten sein. Ich bin zuversichtlich, dass uns das gelingen wird.

Mit der Bieler Privatklinik Linde ging Ihnen die letzte grosse Privatklinik der Schweiz im Juni durch die Lappen. Was bleibt noch übrig?

Im Schweizer Gesundheitsmarkt besteht immer noch grosser Konsolidationsbedarf. Es gibt noch 30 selbstständige Kliniken, die für uns gross genug wären. Und: Die Schweiz hat mit Hirslanden und uns nur zwei Konsolidatoren.

Der Unternehmer

Der Walliser Unternehmer Antoine Hubert leitet unter dem Dach von Aevis Victoria 16 Schweizer Privatkliniken sowie die fünf Luxushotels der Jungfrau Victoria Collection. Der 51-jährige Autodidakt im Gesundheitsmarkt ist 2002 mit einer Beteiligung an der Waadtländer Clinique de Genolier ins Spitalgeschäft eingestiegen. Er gründete 2004 das Swiss Medical Network, aus dem Aevis Victoria hervorging. Davor war Hubert im Immobilien- und Elektronikbereich tätig. Er verkaufte damals die ersten Natel C im Wallis. Dealmaker Hubert musste neben Erfolgen aber auch Niederlagen einstecken. So wurde er 2010 an der Generalversammlung putschartig aus dem Verwaltungsrat von Genolier abgewählt. Hubert gewann den Machtkampf und kehrte kurze Zeit später in das Gremium und an die Firmenspitze zurück. Zusammen mit Geschäftspartner Michel Reybier hält Hubert gut 77 Prozent der Aevis-Aktien. Er ist verheiratet, Vater von drei Kindern und lebt in der Nähe von Sion (VS). Laut «Bilanz»-Ranking belegt der Selfmade-Man mit 425 Millionen Franken (2016) den 207. Platz der 300 reichsten Schweizer.

Sie treiben die Fachspezialisierung Ihrer Kliniken voran. So lassen sich höhere Umsätze generieren. Damit entsteht aber ein Überangebot, was immer auch mit Mehrkosten einhergeht. Das steht konträr zu dem, was es gegen steigende Kosten bräuchte.

Ich glaube, dass wir mit der Spezialisierung Kosten fürs System sparen und den Patienten bessere und sicherere Operationen bieten. Wenn wir mehr Fallzahlen generieren, werden die Prozesse effizienter und die Kosten sinken.

Es gibt viele Faktoren, welche die Gesundheitskosten in die Höhe treiben. Ist die Überalterung das Kernproblem dieser Entwicklung?

Die Kosten steigen, weil die Menschen heute mehr Gesundheitsleistungen wollen als früher. Das hängt zu einem grossen Teil damit zusammen, dass wir älter werden. Mit 60 Jahren will man noch Ski fahren und aktiv bleiben. Daher werden etwa mehr Knie- oder Hüftprothesen eingesetzt. Und: Menschen wollen heute einfach mehr Komfort, den ihnen die Technologie bieten kann.

Das kostet. Laut der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich sollen die Gesundheitskosten pro Kopf nächstes Jahr erstmals über 10 000 Franken steigen. Die Krankenkassenprämien steigen 2018 erneut im Schnitt um vier Prozent. Wie kriegt man das Problem in den Griff?

Man könnte die Kosten eigentlich sehr einfach senken – mit mehr Freiheit und Liberalismus. Keine Fixtarife, dafür einen echten Wettbewerb.

Das ist doch utopisch.

Warum nicht? Zahnärzte, Schönheitschirurgen oder Laser-Chirurgen zeigen, dass es funktioniert. Diese Gebiete sind liberaler und unterliegen weniger staatlichen Eingriffen. Die Behandlungskosten sind in den letzten 20 Jahren stark gesunken. Das Augen-Lasern kostete früher 6000 Franken, heute ist das ab 1000 Franken möglich. Das Überangebot an Augenzentren hat sich dezimiert, die Preise sind gesunken.

Die Tarifstrukturen sollen immerhin gesenkt werden.

Ja, damit reflektieren die Kosten einen Teil der erzielten Effizienzsteigerungen. Aber hätten wir einen freien Markt ohne fixe Preise, wären solche staatlichen Interventionen nicht notwendig.

Mit dieser unternehmerischen Denke stehen Sie im Gesundheitsmarkt ziemlich alleine auf weiter Flur.

Es ist allen klar, dass wir etwas ändern müssen. Wir müssen dringend mehr medizinische Leistung ambulant erbringen. Dafür gibt es breite Unterstützung in Bern.

Seit 2012 zahlen Kantone bei Listenspitälern gut die Hälfte der stationären Kosten. Im ambulanten Bereich zahlen nur die Kassen. Die Anreize gehen in die falsche Richtung.

Wir müssen zuerst ein einheitliches Leistungssystem schaffen. Das heisst, dass es künftig auch Fallpauschalen im ambulanten Bereich geben sollte. Bestimmte Operationen lassen sich sinnvoll pauschalisieren – anders als bei Krebsbehandlungen, wo der Aufwand sehr individuell ist. Für den nicht-pauschalisierbaren Rest würde es weiterhin unterschiedliche Tarife geben.

Wer zahlt?

Die Krankenkassen zahlen alles. Die Kantone zahlen Subventionen an die Versicherten, die ihre Prämien nicht zahlen können. Das wäre konsequent. Denn aktuell haben wir eine Mischung aus Sozialsystem und liberaler Ordnung. Das erzeugt falsche Anreize.

Sie plädieren für weniger Staat. Gleichzeitig werden 10 Ihrer 16 Kliniken auch mit Kantonsgeld mitfinanziert. Das nehmen Sie gerne.

Nicht gerne. Aber das System ist so.

Keiner sagt, Sie müssen mit Ihren Kliniken auf die Spitalliste.

Das System zwingt uns praktisch. In unseren drei Kliniken in Zürich, Waadt und Genf behandeln wir stationär nur private und halbprivate Patienten. Da sind wir nicht auf der Liste. In anderen Kantonen, wie etwa Freiburg, müssen wir auf die Liste, da wir mehrheitlich allgemeine Patienten versorgen.

Mit der Clinique de Genolier oberhalb von Nyon (VD, Bild) fing alles an 2002 erwarb Antoine Hubert eine Beteiligung an der Klinik. Heute zählt sein Klinik-Imperium 16 Häuser. In der Deutschschweiz zählen etwa das Bethanien (Zürich), die Schmerzklinik Basel oder die Villa im Park (Rothrist) dazu.

Mit der Clinique de Genolier oberhalb von Nyon (VD, Bild) fing alles an 2002 erwarb Antoine Hubert eine Beteiligung an der Klinik. Heute zählt sein Klinik-Imperium 16 Häuser. In der Deutschschweiz zählen etwa das Bethanien (Zürich), die Schmerzklinik Basel oder die Villa im Park (Rothrist) dazu.

Olivier Maire

Wo lassen Sie sich versorgen,wenn es mal sein muss?

In der Clinique de Genolier, unserem Flaggschiff in der Westschweiz.

Sie fordern radikale Umbrüche. Wie sieht das ideale Gesundheitswesen des Antoine Huberts aus?

Keine Spitallisten und keine Zahlungen der Kantone. Für medizinische Leistung zahlen nur die Krankenkassen. Dann haben wir einen echten Wettbewerb. Die Kassen handeln Verträge mit Kliniken und Ärzten aus. Diese Vereinbarungen sind für die versicherten Patienten bindend. Etwa, dass sie für eine Hüft-OP in die Klinik A gehen, für eine Krebstherapie in die Klinik B.

Das beschneidet die Wahlfreiheit der Patienten. Zudem dürfte sich die Prämienverteuerung zuspitzen, wenn die Kassen alle Kosten tragen.

Wer sich die Krankenkassenprämie nicht leisten kann, der soll vom Staat unterstützt werden.

Die Prämienlast wird für immer mehr Menschen zum Problem.

Die Schweiz leistet sich ein LuxusGesundheitssystem. Die Bevölkerung will mehr für ihre Gesundheit ausgeben. Die kantonale Subventionierung der Spitalleistungen ist, als würde der Staat jedem Bürger in der Schweiz Geld für Essen geben. Dann würden alle irgendwann nur noch Kaviar essen.

Ein steiler Vergleich, Herr Hubert.

Man muss die Tatsachen beim Namen nennen. Es geht letztlich um Angebot und Nachfrage.

Grosse Universitätsspitäler haben einen breiten Versorgungs- und Lehrauftrag. Da wird es schwierig ohne Subventionen.

Auch die müssen Abstriche machen. Das Unispital Zürich ist regional in einem relativ grossen Markt tätig. Aber die beiden universitären Kliniken in Genf und Lausanne liegen gerade mal 50 Kilometer auseinander. Heute ist es eigentlich nicht mehr denkbar, dass diese zwei Unispitäler in der gleichen Region alles machen. Sie müssen zusammenarbeiten, um sich ebenfalls spezialisieren zu können.

Wo machen Sie Abstriche?

In Zukunft werden wir weniger stationäre Betten haben, dafür mehr Operationsräume. Heute müssen wir gedanklich immer zuerst an eine ambulante Behandlung denken. Nur die komplizierten Fälle sollen stationär behandelt werden. Dafür braucht es keine Triage – sondern günstigere finanzielle Anreize im ambulanten Bereich. Heute kostet eine Knie-Arthroskopie 500 Franken ambulant, 2000 Franken stationär. Das sind falsche Anreize.

Sie haben in Bern einen entsprechenden Vorschlag zur einheitlichen Vergütung eingereicht. Wer zieht mit?

Mit dem Spitalverband H+ und der Ärzteverbindung FMH haben wir die Idee einer einheitlichen Pauschale für die ambulante und stationäre Leistung lanciert. Es geht um eine einheitliche Abrechnung und einen ambulanten Tarifrabatt von 25 Prozent.

Was sagt Bern dazu?

Der Bundesrat und das Parlament sind nicht wirklich besorgt. Die Schweizer DRG, das gemeinsame Unternehmen von Leistungserbringern, der Versicherer und der Kantone, muss sich entscheiden. Ich glaube, die Idee wird ihren Weg machen.

Sie haben ambitionierte Wachstumspläne. Werden Sie angesichts der Entwicklung vor allem im ambulanten Bereich zukaufen?

Mit der Tarif-Revision 2018 im ambulanten Bereich (Tarmed, Anm. d. Red.) wird der Druck auf die kleinen Akteure steigen. Das bringt Bewegung in den Markt. Fachspezifisch sind wir weiterhin an Radiologie, Radiotherapie, Augenheilkunde und Kardiologie interessiert. Zudem ist es für unsere Klinikgruppe notwendig, dass wir zusätzliche Spitäler übernehmen.

In welchen Regionen?

Wenn wir künftig individuelle Verträge mit den Versicherungen aushandeln wollen, müssen wir möglichst in der ganzen Schweiz präsent sein. Demnach gibt es für uns Potenzial am Bodensee, in Graubünden, Bern und Basel.

Im Sinne einer integrierten Versorgung ist nicht nur der Ausbau im ambulanten Bereich für Spitäler attraktiv, sondern auch die Nachbehandlungen, Reha, Alterspflege. Interessiert Sie das?

Altersheime sind ein Auslaufmodell. Ältere Menschen wollen immer öfters lieber zu Hause bleiben. Wenn, wären für uns Spitex-Dienste interessanter.

Sie investieren wacker in den Ausbau Ihres Klinik-Imperiums. Die Schuldenlast von Aevis ist beträchtlich. Es gibt am Kapitalmarkt Banker, die die Finger von Ihren Papieren lassen. Macht Sie da nervös?

Nein. Wir haben einen Verschuldungsgrad von unter 60 Prozent und über 20 Prozent Eigenkapital. Daran werden wir festhalten. Unsere vier Bonds handeln zurzeit zu einem Kurs von über 100 Prozent. Es gibt also genügend Investoren, die uns für einen soliden Schuldner halten.

Wo steht Aevis in zehn Jahren?

Wir werden weiterhin ein wichtiger Akteur im Gesundheitswesen sein. Unsere Hauptaufgabe wird immer noch dieselbe sein: Patienten und Ärzte zufriedenstellen. Das ist unser Erfolgsrezept.

Wie wird das Gesundheitssystem dann aussehen?

Obwohl der politische Einfluss schwierig vorherzusagen ist, werden der technologische Fortschritt und der digitale Wandel mittelfristig zu massiven Veränderungen führen.

Besitzen Sie spätestens bis dann – gleich wie Ihr Walliser-Unternehmerkollege Christian Constantin – einen Fussballclub?

Nein. Wir haben vereinbart, dass er nichts im Gesundheitswesen macht und ich nichts im Fussball (lacht).