Interview
Chef von Heineken Schweiz: «Es gibt auch eine Zeit nach Corona»

Auch wenn das Biergeschäft aktuell stark leide, seien Entlassungen keine Option, sagt der Schweiz-Chef von Heineken.

Gregory Remez
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Seit August 2018 Schweiz-Chef bei Heineken: Bart De Keninck.

Seit August 2018 Schweiz-Chef bei Heineken: Bart De Keninck.

Dominik Wunderli (Luzern, 10.4.2019)

Landauf, landab haben Beizen und Bars derzeit geschlossen. Veranstaltungen sind verschoben oder abgesagt. Das trifft nicht nur Betreiber von Gaststätten mit voller Wucht, sondern auch deren Lieferanten. Zu den Leidtragenden gehören etwa die Bierbrauer. Weil die Zapfhähne auf unbestimmte Zeit trockengelegt sind, droht vielen der Konkurs, allen voran den Kleinen.

Bart De Keninck ist seit Sommer 2018 Chef von Heineken Schweiz, dem grössten Bierproduzenten der Zentralschweiz und dem zweitgrössten des Landes. Im Gespräch verrät der 40-Jährige, wie sein Unternehmen die Krise meistert – und wie es sich auf die Zeit danach vorbereitet.

Wie sieht Ihr Arbeitsalltag derzeit aus?

Bart De Keninck: Ich arbeite im Homeoffice, wie ein grosser Teil unserer Belegschaft. Wir haben in dieser Hinsicht früh reagiert und die ersten Mitarbeitenden bereits vor vier Wochen, also kurz nachdem der erste Coronafall in der Schweiz kommuniziert wurde, ins Homeoffice geschickt. Seit der Bundesrat aber die entsprechenden Weisungen herausgegeben hat, haben wir das Homeoffice-Regime maximal hochgefahren.

Wie viele Mitarbeitende von Heineken Schweiz arbeiten denn aktuell von Zuhause?

Seit drei Wochen sind rund zwei Drittel unserer 650 Mitarbeitenden im Homeoffice.

Die Krise betrifft Sie ja nicht nur als Unternehmer, sondern auch privat. Welche Sorge umtreibt Sie in diesen Tagen am meisten?

Es ist, wie Sie sagen: Die Krise trifft uns vor allem persönlich. In erster Linie sorge ich mich natürlich um die Gesundheit meiner Familie und meiner Mitarbeitenden. Aber, und da wird es nicht nur mir so gehen, bewegt mich sehr, was aktuell auf der ganzen Welt geschieht. Wenn man beispielsweise Bilder aus stark betroffenen Gebieten wie Norditalien oder dem Tessin sieht, dann ruft das zweifellos starke Emotionen hervor.

Wie versucht Heineken Schweiz die aktuelle Krise zu meistern?

Wir haben bereits früh einen Krisenstab ins Leben gerufen. Dieser konzentriert sich auf drei Schwerpunkte: Erstens, wie können wir die Gesundheit unserer Mitarbeitenden schützen? Zweitens, wie können wir die Kontinuität unseres Geschäfts sicherstellen? Und drittens, wie können wir unseren Kunden, also insbesondere den Gastrobetrieben, die stark unter der aktuellen Situation leiden, dabei helfen, die Krise zu überstehen?

Können Sie konkrete Lösungen schildern, die der Krisenstab erarbeitet hat?

Was die Gesundheit der Mitarbeitenden betrifft, achten wir darauf, dass wir überall, wo dies möglich ist, präventive Massnahmen treffen. Homeoffice ist die eine Seite. Auf der anderen Seite haben wir Mitarbeitende in der Produktion, die nicht daheim arbeiten können. Hier versuchen wir, den Zustand der Betroffenen im Auge zu behalten, etwa zusätzlich durch regelmässige Temperaturchecks. Was die Sicherstellung der Kontinuität betrifft, profitieren wir davon, dass wir im vergangenen Jahr massiv in unsere IT-Infrastruktur investiert haben. Die Koordination zwischen den Abteilungen funktioniert daher bisher auch unter den erschwerten Bedingungen gut.

In Deutschland fürchten diverse Bierbrauer um ihre Zukunft. Der Geschäftsführer des deutschen Brauer-Bundes sagte letzte Woche, dass 1500 deutsche Brauereien «massiv von der Krise betroffen» seien. Wie sieht die Situation in der Schweiz aus?

Ich denke, dass die Lage hierzulande ähnlich dramatisch ist. Im Allgemeinen wird die Frage entscheidend sein, wie lange die Krise andauert. Im Einzelnen zeigt sich aber schon jetzt, wie schwierig es für kleinere Brauereien wird, die in der Regel fast gänzlich vom Gastrogeschäft abhängig sind. In diesen Betrieben ist von einem Tag auf den anderen die Haupteinnahmequelle versiegt.

Wie stark trifft der Einbruch im Gastrogeschäft Heineken Schweiz?

Der Gastronomiebereich macht bei uns einen wichtigen Teil aus. Das heisst, dass fast die Hälfte des Betriebs plötzlich zusammengebrochen ist. Das hat nicht nur Auswirkungen auf unseren Umsatz, sondern auch für einen beachtlichen Teil der Belegschaft. Denn wenn Gaststätte nicht mehr beliefert und Kunden nicht mehr besucht werden können, hat das zur Folge, dass die entsprechenden Mitarbeiter auch keine Arbeit mehr haben.

Heisst das, dass Heineken ebenfalls zu den Unternehmen gehört, die Kurzarbeit beantragt haben?

Ja, das war auch für uns unvermeidlich. In den ersten zehn Tagen haben wir noch versucht, uns dagegen zu stemmen, aber momentan haben wir, wie gesagt, erhebliche Arbeitsausfälle. Deshalb haben wir für einen grossen Teil der Belegschaft Kurzarbeit beantragt.

Ist auch ein Abbau von Stellen denkbar?

Nein, da setzen wir momentan alles daran, dass es nicht so weit kommt. Wir erwarten zwar sehr schwierige Wochen, nichtsdestotrotz gibt es auch eine Zeit nach Corona, und dann wird es alle Mitarbeitenden brauchen, um den Betrieb wieder hochzufahren. Bier lässt sich nicht in ein, zwei Tagen brauen, da braucht es eine gewisse Vorlaufzeit – und das entsprechende Personal.

Wie sorgen Sie aktuell vor, dass der Betrieb im Fall einer Lockerung der Massnahmen schnell wieder auf Hochtouren laufen kann?

Dafür stehen wir in engem Kontakt mit unseren Kunden und versuchen derzeit alles, um ihnen durch diese schwierige Zeit zu helfen. Denn was nützt es uns, wenn wir selber heil durch die Krise kommen, aber danach niemanden mehr zum Beliefern haben. Zurzeit lässt sich zwar nur wenig tun, aber wir sind dennoch dran, mit dem Schweizer Brauerei-Verband nach Lösungen zu suchen. Gerade diese Woche haben wir beispielsweise die Online-Gutscheinplattform #helpgastro lanciert, um angeschlagene Gastrobetriebe zu unterstützen.

Nun läuft ja der andere wichtige Teil des Biergeschäfts von Heineken weiter: der Verkauf im Detailhandel. Wie sieht die Entwicklung dort aus?

Da profitieren wir davon, dass wir diesen Bereich in den letzten Jahren ausgebaut haben. Heute macht er rund die Hälfte unseres Biergeschäfts aus. Dort verzeichnen wir aktuell ein leichtes Plus, aber es ist schwierig, zu prognostizieren, ob sich hier tatsächlich ein Trend abzeichnet oder ob es sich lediglich um eine temporäre Erscheinung handelt. In ein paar Wochen werden wir diesbezüglich sicher ein besseres Bild haben. Eines lässt sich aber sagen: Auch in der Krise wollen die Leute auf ein gutes Bier nicht verzichten.

Haben die Online-Bestellungen ebenfalls zugenommen?

Ja, aber nicht so spektakulär wie man meinen könnte.

Heineken mischt auch im Mineralwasser- und Süssgetränkegeschäft mit. Wie sieht die Entwicklung in diesen Bereichen aus?

Mit Mineralwasser und Süssgetränken beliefern wir vor allem Gastrobetriebe und ein paar wenige Kantinen und Spitäler. Daher ist auch dieser Geschäftszweig beinahe komplett zum Erliegen gekommen.

Eine abschliessende Frage betreffend Luzern: Noch ist das Blue Balls nicht offiziell abgesagt. Falls es tatsächlich stattfindet, würde diesmal Eichhof statt Chopfab ausgeschenkt?

(lacht)

Ginge es nach mir, würde dort natürlich Eichhof verkauft. Aber das müssen Sie den Veranstalter fragen.