Standard & Poor’s
Chefanalyst Moritz Kraemer: Warum der «Scharfrichter Europas» in Italien vor Gericht stand

Moritz Kraemer ist Chefanalyst für Regierungsanleihen bei der internationalen Kreditbewertungsagentur Standard & Poor’s. Der deutsche Finanzspezialist bestimmt, wie viel Kredit ein Land verdient. In Italien stand er dafür vor Gericht.

Daniel Zulauf
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In der Eurokrise rissen sich die internationalen Medien um ihn: Moritz Kraemer.

In der Eurokrise rissen sich die internationalen Medien um ihn: Moritz Kraemer.

CNN

Moritz Kraemer? Routiniert empfängt der Mann in einem Hinterzimmer des Hotels St. Gotthard an der Zürcher Bahnhofstrasse seine Gäste. Zuerst die Investoren und die Finanzanalysten, die sich für die Kreditwürdigkeit von Staaten und Banken interessieren. Dann ein paar wenige Journalisten, denen das Thema fünf Jahre nach dem letzten Höhepunkt der europäischen Schuldenkrise immer noch ein paar Zeilen wert ist.

Kraemer ist Chefanalyst für Regierungsanleihen bei der internationalen Kreditbewertungsagentur Standard & Poor’s. Unauffällige Businesskleidung, keine Allüren – einzig das Tempo, mit dem der Deutsche die Qualität der wirtschaftspolitischen Programme von Rom über Paris bis London und Washington abhandelt, lässt erkennen, dass hier ein Spezialist mit viel Wissen und Erfahrung auftritt.

Der «Scharfrichter» Europas

Damals, in jenen trüben Tage im Herbst 2011, wurde dieser freundliche Herr mit dem leicht gelangweilten Blick fast über Nacht zu einem «hochgefährlichen Brandbeschleuniger», zu «einem jener Scharfrichter, die ganz Europa destabilisieren». So wollte es jedenfalls «Der Spiegel» direkt aus dem Munde von Kraemers Kritikern gehört haben. Kraemer habe mächtige Gegner, schrieb das Magazin in einer langen Reportage. «Die Bundeskanzlerin gehört dazu, der EU-Präsident, der französische Staatschef, um nur einige zu nennen.»

Kraemer war damals Dauergast in den wichtigsten Businessmedien dieser Welt. Auf Bloomberg TV, CNN oder NTV waren seine Analysen der Schuldenkrise fast wöchentlich zu hören – dramatisch im Inhalt, aber stets nüchtern im Ton: Wenn sich die europäischen Staaten nicht schnell auf einen glaubwürdigen Plan zur Bewältigung der Schuldenkrise einigten, werde Standard & Poors die Bonitätsnoten aller Staaten der Eurozone um wenigstens eine, wenn nicht gar zwei Stufen heruntersetzen, drohte er im Dezember 2011, unmittelbar vor einem wichtigen Eurogipfel.

Der zunehmende Stress im Finanzsystem habe die Ankündigung notwendig gemacht, sagte Kraemer. Die Politiker sahen dies freilich anders: Jean-Claude Juncker, damals Chef der Eurogruppe, sprach von einer überzogenen und ungerechten Reaktion. Er empfehle, die Ratings nicht so ernst zu nehmen. Österreichs Notenbankchef Ewald Nowotny erkannte in dem Auftritt von S & P bedenkliche Motive politischer Natur.

EU-Kommissar Michel Barnier versuchte, die Bedeutung Kraemers und seiner Kollegen zwar herunterzuspielen: «Das, was Standard & Poor’s verkündet, ist nur eine Meinung unter vielen.» Für Barnier war es dennoch eine zusätzliche Legitimation, die Ratingagenturen enger an die Leine zu nehmen.

Der Stress in der Eurozone hat deutlich nachgelassen. Eine «robuste Erholung» der Konjunktur sei im Gang, stellt Kraemer in Zürich fest. Dass sich diese noch nicht in deutlich höheren Kreditbewertungen manifestiert habe, liege an der langen politischen Pendenzenliste.

Der Reformwille der Euro-Länder habe abgenommen, gespart werde immer weniger, die nötigen Strukturreformen würden auf die lange Bank geschoben. Der Druck der Kapitalmärkte habe abgenommen, erklärt der Chefanalyst. Die Feststellung bedeutet auch, dass die Stimme der Ratingagenturen an Gewicht verloren hat. Vor fünf Jahren betrug die Zinsdifferenz zwischen einer deutschen und einer spanischen Staatsanleihe fast drei Prozentpunkte. Jetzt sind es noch 0,5 Prozentpunkte.

Zahlen, die keiner mehr hören will

Kraemer legt zwar Zahlen auf den Tisch, die zeigen, dass es in Europa auch bald wieder brennen könnte. Doch das will vorerst kaum mehr einer hören. Im Frühling wurde er mit fünf anderen Kreditanalysten von einem italienischen Gericht in Trani in Apulien vom Vorwurf der Marktmanipulation freigesprochen. Eine Berlusconi-nahe Konsumentenorganisation hatte die Ratingspezialisten angeklagt.

Der Staatsanwalt forderte zwei Jahre Gefängnis und 300'000 Euro Busse. Italien sei 2011 besser dagestanden als fast jedes andere Land. Erst mit der Drohung der Ratingagenturen, die Kreditnote zu senken, sei es auf die schiefe Bahn geraten: Höhere Zinsen, mehr Schuldendienst etc. Damals war Italien im Urteil von S & P noch ein A-klassiger Schuldner.

Seit Januar 2012 bewegt sich das Land im oberen Mittelfeld der B-Klasse – eine Stufe über dem Status von Ramschanleihen. «Das ist kein Zeichen von übersprühendem Optimismus», bemerkte Kraemer vergangene Woche bei seinem Besuch in Zürich.