Chefs tun sich schwer mit Schwangeren

Novartis hat in New York einen Prozess wegen Diskriminierung von Frauen verloren. Auch in der Schweiz fühlen sich immer mehr Arbeitnehmerinnen benachteiligt.

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Holly Waters

Holly Waters

Sabina Sturzenegger

«Schuldig», das verkündete Richterin Colleen McMahon am Montagabend in Manhattan im Fall Novartis. Die Geschworenen am Bundesbezirks-gericht New York waren der Meinung, Novartis Pharmaceutical Corporation (NPC), die US-Tochter des Schweizer Pharmaunternehmens, habe seit 2002 systematisch Frauen diskriminiert. Novartis soll weibliche Angestellte bei der Beförderung übergangen, für gleiche Arbeit nicht den gleichen Lohn bezahlt sowie Schwangere benachteiligt haben.

Die frühere Novartis-Mitarbeiterin Holly Waters schilderte im Zeugenstand, dass sie siebeneinhalb Monate schwanger gewesen sei, als sie gefeuert wurde, wie die «SonntagsZeitung» schrieb. Amy Velez, eine andere ehemalige Novartis-Mitarbeiterin und Mutter von Zwillingen, sagte vor Gericht aus, sie sei bei der Beförderung wiederholt übergangen worden. An ihrer Stelle seien ständig Männer mit schlechterem Leistungsausweis befördert worden.

Novartis zeigt sich «enttäuscht» über das Gerichtsurteil und will Berufung einlegen, wie es gestern aus der Konzernzentrale in Basel hiess. Von externen Fachgremien werde Novartis immer wieder als «führendes Unternehmen im Bereich Chancengleichheit für Frauen ausgezeichnet», schreibt der Pharmakonzern.

Wird hier ein Unternehmen ungerechtfertigt an den Pranger gestellt? Oder müssen Unternehmen wie Novartis auch hierzulande zu
Recht befürchten, dass sie bald von einer Klagewelle überrollt werden?

Bedarf an Beratung wird grösser

«Auch viele Arbeitgeber in der Schweiz tun sich schwer mit der Tatsache, dass eine Angestellte schwanger wird», sagt Antonella Bizzini von der Infostelle für Frau und Arbeit in Weinfelden. Bizzini beobachtet, dass sich immer mehr weibliche Angestellte an die Fachstelle wenden. «Der Bedarf an rechtlicher Beratung wird aber auch deswegen immer grösser, weil heute mehr Frauen erwerbstätig sind und nach einer Schwangerschaft ihren Job nicht aufgeben wollen», erklärt Bizzini.

Der «Markt» für Diskriminierungsklagen sei aber in den USA auch unvergleichlich grösser als in der Schweiz. Hier kann eine Frau
für eine Anstellungsdiskriminierung mit einer Entschädigung von zwei bis sechs Monatslöhnen rechnen – im aktuellen Fall soll Novartis zwischen 50000 und 600000 Dollar pro Klägerin bezahlen.

Keine Prozesslawine

Verschiedene Gleichstellungsbeauftragte in der Schweiz bestätigen, dass ihnen keine Fälle von systematischer Geschlechterdiskriminierung bekannt sind – weder in Privatunternehmen noch in der öffentlichen Verwaltung. Auch der Blick in die Datenbank «Entscheide nach Gleichstellungsgesetz» zeigt, dass keine Prozesslawine anrollt: Zurzeit sind rund 50 Verfahren hängig, die auf dem Gleichstellungsgesetz oder auf dem Verfassungsgrundsatz der Lohngleichheit basieren. Seit 2000 werden jedes Jahr zwischen 40 und 70 Fälle in der Datenbank registriert. Lediglich aus den Neunzigerjahren sind mehrere Fälle bekannt, in denen Kindergärtnerinnen gemeinsam vor Gericht Lohnnachzahlungen gefordert und auch erreicht hatten.