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Kolumne

Chefs und ihre Übermacht: Noch mehr von den Gleichen

Man wählt heute für die Aufsichtsorgane gerne die Konfliktscheuen und Anschmiegsamen, weil man kritische Bemerkungen als «kontraproduktiv» wertet. Das ist ziemlich dumm.
Monika Roth
Monika Roth.

Monika Roth.

«How dare you?» – «Wie könnt Ihr es wagen; wie könnt Ihr nur?», fragte Greta Thunberg bekanntlich vor der UNO die anwesenden Staatsvertreter anklagend in Bezug auf deren Versagen hinsichtlich der Klimakrise.

«How dare you» wäre auch eine gute (und leider recht häufig verwendbare) Einleitung für ein Gespräch mit einigen in letzter Zeit nicht positiv aufgefallenen Managern oder Staatsbediensteten. Ob deren Verhalten im Einzelfall strafbar ist, steht für mich gar nicht im Zentrum der Debatte. Vieles nämlich, was allenfalls strafwürdig wäre, ist nicht tatbestandsmässig und damit nicht strafbar. Und etliches, was eigentlich inakzeptabel ist, bleibt ohne weitere Folgen. Der Bundesanwalt und ein Parlament vor den Wahlen lassen grüssen. «Die Hunde bellen, die Karawane zieht weiter.» Ich mag von diesem Trauerspiel nichts mehr lesen.

A propos lesen: Interessant ist hingegen ein in Frankreich gerade neu erschienenes Buch (Bayart/Egloff, «Le piège») zum Fall des ehemaligen Renault- und Nissan-Chefs Carlos Ghosn, der auf seinen Prozess in Japan wartet und dem bei einem Schuldspruch eine lange Freiheitsstrafe droht. Über den konkreten Einzelfall hinaus wird darin mit eindrücklichen Details eine Ausgangslage geschildert, wie wir sie bei zahlreichen publik gewordenen Auffälligkeiten (um es einmal so zu formulieren) im Umfeld von zu Göttern gewordenen Personen treffen, die letztlich mit ihrer Macht nicht umzugehen vermögen und überborden. Sie umgeben sich im Rahmen ihrer Eitelkeit nur noch mit Jasagern, die wie gewünscht nicht widersprechen. Eine Atmosphäre wie am königlichen Hof, geprägt von Angst und Unterwürfigkeit.

Schwer ins Gewicht fällt dabei, dass im unternehmerischen Umfeld die Aufsichtsorgane häufig harmoniebedürftig wie mein betagter Kater Harley die Augen schliessen und vor sich hin schnurren, anstatt kritisch zu hinterfragen, was abgeht. Man wählt auch heute noch gerne die Konfliktscheuen und Anschmiegsamen, weil man, wie jemand mir kürzlich gesagt hat, kritische Bemerkungen als «kontraproduktiv» wertet. Das ist ziemlich dumm, denn es widerspricht ganz grundsätzlich der Aufgabe der obersten Kontrollorgane.

Zurück zu Herrn Ghosn: Als er 1999 (Renault hatte soeben 36,8 % des hochverschuldeten Unternehmens Nissan erworben) nach Tokio gesandt wurde, galt er als der Einzige, der in der Lage war, die Herausforderung zu bewältigen, die sich aus dieser Allianz ergab. Die Geschichte zeigte zunächst, dass Ghosn tatsächlich erfolgreich war. Er zählte sich zur Weltelite. Was ihm aber im Weg stand, war schon immer und immer deutlicher seine Anspruchshaltung bezüglich Lebensstil und Geld. Er wollte mehr und die Grenzen zwischen dem, was privat und was geschäftsbedingt war, verwischten sich – die aufgeführten Beispiele sind eindrücklich. Ghosn war nicht zufrieden mit seiner Bezahlung; dies bildete denn auch ein wichtiges Thema in internen Debatten und seine Unzufriedenheit enthielt einiges an Selbstgefährdungspotenzial.

Schon von der Struktur her aber war seine Tätigkeit von gravierenden Interessenkonflikten geprägt, die in der Folge mit zu seinem Sturz beigetragen haben. Er hatte, um es auf den Punkt zu bringen, zwei Vollzeitstellen bei zwei Konkurrenten, die mindestens die letzten Jahre unterschiedliche Strategien fahren wollten. In Paris und in Tokio je 100 %, für beide Stellen 100 % bezahlt. Schon das allein ist abstrus. Wie die jeweiligen Verwaltungsräte einen solchen Unsinn absegnen und perpetuieren konnten, ist unerklärlich. Insbesondere Renault als stärkere Kraft in dieser Allianz hätte hier masssetzend sein müssen. Dass Ghosn bei Nissan zudem das VR-Präsidium innehatte, ist geradezu grotesk. Er fühlte sich unantastbar.

Er ist kein Einzelfall. Affaires à suivre – wie die Franzosen sagen.

Monika Roth ist Professorin für Compliance und Finanzmarktrecht an der Hochschule Luzern.

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