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CHEMIEINDUSTRIE: Basler Chemie wagt heikles Experiment

Clariant und Huntsman wollen durch Fusion vom Mittelfeld in die weltweite Spitzengruppe vorstossen. Die Transaktion soll auch unerwünschte Bieter auf Distanz halten.
Daniel Zulauf
Clariant-CEO Hariolf Kottmann (links) und Huntsman-CEO Peter R. Huntsman. (Bild: Siggi Bucher/Keystone (Zürich, 22. Mai 2017))

Clariant-CEO Hariolf Kottmann (links) und Huntsman-CEO Peter R. Huntsman. (Bild: Siggi Bucher/Keystone (Zürich, 22. Mai 2017))

Daniel Zulauf

daniel.zulauf@luzernerzeitung.ch

Wenige Tage nach dem definitiven Abschluss der Übernahme von Syngenta durch den Staatskonzern Chem China bahnt sich in Basel bereits die nächste Grossfusion an. Das 1995 aus dem heutigen Pharmakonzern Novartis (damals Sandoz) hervorgegangene Chemieunternehmen Clariant hat gestern überraschend den Zusammenschluss mit dem amerikanischen Mitbewerber Huntsman bekanntgegeben. Die beiden Firmen hätten eine «Fusion unter Gleichen» vereinbart, hiess es auf einer kurzfristig einberufenen Telefonkonferenz. Cla­riant ist mit einem Jahresumsatz (2016) von 5,9 Milliarden Franken zwar deutlich kleiner als Huntsman (9,7 Milliarden Dollar). Auch haben die rund 15000 Huntsman-Mitarbeiter im vergangenen Jahr mit 335 Millionen Dollar mehr verdient als die 17500 Clariant-Angestellten (263 Millionen Dollar).

Dennoch billigen die Investoren dem Schweizer Unternehmen mit etwa 7,5 Milliarden Dollar einen deutlich höheren Börsenwert zu, als sie dem Huntsman-Konzern zugestehen (6,7 Milliarden Dollar). Aus diesem Grund haben die bisherigen Clariant-Eigentümer in der neuen Firma Huntsman Clariant trotzdem etwas mehr zu sagen als die Huntsman-Aktionäre – sofern der Zusammenschluss auch wirklich zu Stande kommt. So weit ist es nach dem offiziellen Fahrplan aber erst Ende Jahr.

Clariant ist seit Jahren Kandidat für Übernahme

Zuerst ist die Zustimmung der Aktionäre erforderlich. Im Fall von Huntsman, deren Aktien zwar an der New Yorker Börse gehandelt werden, mehrheitlich aber im Besitz der Familie Huntsman sind, steht die Zustimmung praktisch fest. Auch bei Clariant hätten gewichtige Aktionäre der Transaktion bereits ihren Segen erteilt, sagte Clariant-Chef Hariolf Kottmann in Interviews. Er meinte vor allem die bayerischen Familien, die 2011 im Zug der Übernahme von Süd-Chemie zum Aktionariat von Clariant gestossen waren und nun etwa 14 Prozent aller Anteile besitzen.

Trotzdem könnte ein Dritter die geplante Hochzeit noch sprengen. Nach Börsengesetz müsste Clariant ihre Bücher auch einem unwillkommenen Bieter zur Prüfung öffnen, wenn dieser bereit wäre, einen höheren Preis zu entrichten. Eigentlich ist es erstaunlich, dass dies den Baslern bis heute nie passiert ist. Clariant wird in den einschlägigen Börsenkreisen schon seit etwa zwei Jahren immer wieder als Übernahmekandidat gehandelt. Kottmann wehrte sich stets mit Händen und Füssen gegen solche Freier und erklärte in Interviews mehrfach: «Wir wollen nicht übernommen werden.» Er sagte, solche feindlichen Übernahmen seien unter Chemiefirmen unüblich, da man sich gut kenne. Trotzdem steht die niederländische Akzo-Nobel-Gruppe seit einigen Wochen in der Übernahmeschlacht. Der ehemalige Sulzer-Chef, Ton Büchner, der Akzo Nobel als CEO anführt, hat soeben das dritte Angebot über 29 Milliarden Dollar zurückgewiesen.

Clariant hätte auch alleine weitermachen können

Gut möglich, wenn nicht sogar wahrscheinlich, dass früher oder später auch Clariant in eine solche Situation geraten wäre. «Viele Grossfusionen sind auch Ausdruck von Zweifeln der Aktionäre an einem erfolgreichen Alleingang der beteiligten Unternehmen», sagt Ronald Sauser, ein alter Hase im Schweizer Übernahmemarkt und Leiter der Mergers-&-Acquisitions-Abteilung beim Beratungsunternehmen EY in Zürich.

Zwar behauptete Kottmann gestern gegenüber den Medienvertretern, Cla­riant hätte auch alleine weitermachen können. Doch er räumte ein, dass die Erreichung der Ziele wohl schwierig geworden wäre. Clariant will mittelfristig deutlich höhere Profitmargen erwirtschaften und gleichzeitig vom Mittelfeld in die Spitzengruppe der weltweiten Chemie aufsteigen. Dazu hätten die Basler aus eigener Kraft einige Milliarden Franken mehr Umsatz an Land ziehen müssen, was in dem überaus kompetitiven und wachstumsarmen Chemiemarkt wenig realistisch erscheint.

Zusammen mit Huntsman erreicht man das Ziel schneller. «Professionell umgesetzte Grossfusionen können sich für die Aktionäre deutlich wertsteigernd auswirken», sagt Sauser, doch der Finanzmann warnt: «Es gibt auch hohe Umsetzungsrisiken.» Im Fall von Huntsman und Clariant sorgt schon allein der unberechenbare Chemiemarkt für hohe Risiken. Huntsman hätte 2007 von der niederländischen Basell-Gruppe übernommen werden sollen. Dann wurden sie durch einen dritten (Hexion) ausgebootet, der sein Vorhaben aber bald abbrach, als das Huntsman-Ergebnis 2008 im Zug der Wirtschaftskrise abschmolz wie die Butter an der Sonne.

Basell suchte derweil das Heil in einer Fusion mit Lyondell. 2009 musste sich der Konzern unter Gläubigerschutz begeben. Auch Clariant war in jenen Jahren in eine Notlage geraten. Kottmann musste den Konzern in extremis aus dem Sturm manövrieren. Zwar haben Huntsman und Clariant ihr Produktportfolio auf höherwertige und margenstärkere Erzeugnisse umgepolt. Aber der Wett­bewerb sorgt dafür, dass die Halbwertzeiten solcher Vorsprünge immer kürzer werden. Zudem spielt die Musik im globalen Chemiegeschäft längst nicht mehr in Europa, sondern in China. Dort werden rund 40 Prozent der Umsätze realisiert.

Clariant und Huntsman kommen zusammen auf lediglich 11 Prozent. Das sind die Risiken dieses Fusionsexperiments. Bleibt zu hoffen, dass sich die Partner nicht noch selber im Wege stehen werden. Der rechtliche Konzernsitz des Fusionsunternehmens soll unter dem neuen Verwaltungsratspräsidenten Kottmann in Muttenz bleiben. Der operative Geschäftssitz wandert unter der Führung von CEO Peter Huntsman nach Texas. In der Schweiz darf man froh sein, dass die hohe Zeit der Chemie hierzulande schon längst vorüber ist. Huntsman und Clariant beschäftigen in der Schweiz zusammen noch rund 1200 Angestellte.

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