Textil-Discounter
Chicorée-Chef Weber: «Starker Franken trifft uns nicht wirklich»

Der Discounter Chicorée trotzt dem widrigen Markt – Inhaber Jörg Weber erklärt, wieso es für sie so gut läuft.

Lina Giusto und Andreas Schaffner
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Jörg Weber, Gründer der Modekette Chicorée, glaubt nach wie vor an das stationäre Geschäft – vor allem für Discountanbieter sieht er in der Schweiz noch grosses Potenzial. Sandra Ardizzone

Jörg Weber, Gründer der Modekette Chicorée, glaubt nach wie vor an das stationäre Geschäft – vor allem für Discountanbieter sieht er in der Schweiz noch grosses Potenzial. Sandra Ardizzone

Sandra Ardizzone

Herr Weber, viele Modehäuser schliessen Filialen und ächzen unter dem starken Franken. Chicorée dagegen baute seinen Umsatz 2015 aus. Das erstaunt.

Jörg Weber: Der Vorteil für uns ist, dass wir im Discountbereich tätig sind. Somit trifft uns der starke Franken nicht wirklich. Es ergeben sich für uns auch Chancen. Wir haben Vorteile in der Warenbeschaffung und unsere Verkaufspreise in den Filialen sind tiefer als im unmittelbaren Ausland.

Die Mode wird immer schneller. Das ist doch kaum mehr zu finanzieren.

Doch. Wir lassen nur den Grundstock – die Basics – in Asien produzieren. Dies zu tieferen Preisen, als noch vor Jahren. Doch die schnell wechselnde Kollektion kommt aus Europa: Dank Herstellern in Frankreich und Italien schaffen wir es, schnell auf Trends zu reagieren. In Normalfall dauert es zwei Wochen, vom Bestellauftrag bis die Kleider bei uns in den Läden sind.

Ist denn die Produktion in Italien und Frankreich nicht zu teuer für Chicorée?

Wir arbeiten in Europa mit chinesischen Herstellern. Mit ihnen bedienen wir das Fastfashion-Business – also die laufenden Trends. Dieser Teil der Chicorée-Kollektion ist sehr wichtig. Aber weil die Stücke in diesem Bereich immer die begehrten sind, können wir hier auch mehr verlangen.

Letzte Woche haben Sie in Emmen eine Filiale im neusten Ladenbaukonzept eröffnet. Wie sieht es mit weiteren Plänen aus?

Chicorée hat ein sehr dichtes Filialnetz. Ich würde sagen, alle 10 Kilometer findet man in den Ballungszentren einen Store von uns. Wir planen derzeit fünf weitere Eröffnungen in diesem Jahr.

Nach den 15 Schliessungen in den letzten zwei Jahren ist Chicorée doch wieder auf Expansionskurs?

Es kommen sicherlich noch andere Schliessungen hinzu. Unter dem Strich werden wir also Ende dieses Jahres etwa gleich viele Shops haben wie jetzt.

Die Agglomerationen und Bahnhof-Shoppingmeilen haben Sie schon erobert. Kommen jetzt die grossen Innenstädte dran?

Wir sind auch in den Innenstädten bereits gut vertreten, haben aber hier sicher noch einige Standorte auf der Liste, die wir sehr gerne haben würden. Doch es muss sich auch rechnen. Es kann nicht sein, dass die Standorte in den ländlichen Gebieten diejenigen in den Innenstädten finanzieren müssen. Das war lange Zeit der Fall.

Andere Modehändler schliessen ihre Läden, gehen online oder hören ganz auf. Wohin geht bei Ihnen die Reise?

Wir können sicher vom Rückzug der Konkurrenz profitieren. Wir werden aber weiterhin auf das stationäre Geschäft setzen. Es schreien zwar alle nach dem Online-Verkauf. Ich glaube nicht daran, dass man damit wirklich Geld verdienen kann.

Wieso nicht?

Gerade weil wir so günstige Mode anbieten, wäre das Geschäft kaum lukrativ. Ein Kleidungsstück kostet bei Chicorée im Durchschnitt unter 20 Franken. Da würde durch Lager- und Versandkosten erheblicher Aufwand dazukommen, der sich schlicht und einfach nicht rechnet. Kommt hinzu, dass wir mit Retouren zu rechnen haben. Dies ausgerechnet in einer Zeit, in der die Mode immer schnelllebiger wird. Ich bin davon überzeugt, dass nur wenige unserer Konkurrenten im Kleidergeschäft online Geld verdienen können.

Sind Sie altmodisch? Online geht doch die Post ab.

Nein, überhaupt nicht. Ich bin überzeugt, dass Shoppen ein Teil des Lebens ist. Besonders bei Kleidern gehört es dazu, dass man die Artikel anprobiert. Heute wird sicher anders eingekauft als noch vor
33 Jahren, als ich mit Chicorée angefangen habe.

Damals gab es die Versandkataloge, heute ist das ganze online?

Genau. Wir waren auch damals kein Versandhandel. Insofern hat sich an unserer Ausgangslage nicht viel verändert. Wir sind online sehr präsent, zeigen unsere neusten Modelle und bieten sehr viel auf allen sozialen Medien. Wir werden sogar von Facebook-Vertretern kontaktiert, weil wir so erfolgreich sind. Wir gehören zu den stärksten Schweizer Detailhändlern auf Facebook.

Seit diesem Jahr gibt es einen Chicorée- Service über Whatsapp. Kann man jetzt so Kleider bestellen?

Nein. Mit unserem Whatsapp-Dienst können aber wir direkt mit den Kunden interagieren. Die Beziehung zu unserem Unternehmen wird enger und emotionaler. Wir können über diesen Kanal den Kunden in die Entwicklung unserer Kollektion einbeziehen.

Und das kommt bei Ihren Kunden an?

Eindeutig. Im letzten Monat haben sich über 1000 Kunden für den neuen Service registriert. Sie können mitreden, entscheiden was in die Läden kommt. Die Rückmeldungen, die wir bekommen, sind äusserst positiv. Es kommt sogar vor, dass Kundinnen an der Kasse stehen und mit uns chatten. Das nimmt manchmal unheimliche Züge an: Eine Kundin wollte kürzlich wissen, ob wir ein Roboter sind. Eine andere hat uns gefragt, ob wir einen Mann gut finden, den sie gerade getroffen hatte. Das ist manchmal ganz schön anstrengend.

Was unterscheidet Chicorée-Kundinnen von jenen bei Charles Vögele? Dort hat man in den letzten Jahren nur Verluste geschrieben.

Eigentlich nicht viel. Auch bei uns ist das Durchschnittsalter der Kundinnen über 40 Jahre. Aber wir setzen voll auf den Preis als Verkaufsargument und sind zudem nur in der Schweiz tätig. Unsere Kunden wollen die Mode von der Strasse. Und das bekommen sie. Wir sind das Schnellboot. Ich denke, Charles Vögele hätte auch auf diese Tiefpreis-Strategie setzen können. Sie sind allerdings international aufgestellt und daher ist eine genaue Einschätzung für mich schwierig. Im Vergleich zum Ausland wäre die Ausgangslage in der Schweiz jedoch gut, da die beiden Grossverteiler Migros und Coop praktisch nicht im Kleiderhandel präsent sind.

Im Jahr 2013 wollten Sie Chicorée verjüngen. Rückblickend kann man doch sagen: Das lief aber gehörig schief. Oder?

Ja, wir haben Fehler gemacht. Die Idee, Teenager und 20-Jährige anzusprechen, hat sich nicht gelohnt. Diese Altersgruppe kauft vermehrt online und im Ausland ein. Mit der Kette «Famous» und den Schuhläden waren wir zu nahe am Chicorée-Profil dran. Haben also uns selber konkurrenziert.

Mussten Sie wegen dieses Fehlers auch Leute entlassen?

Wenige. Das meiste haben wir über die natürliche Fluktuation gelöst.

Sie profitieren von tiefen Einkaufspreisen –, wie halten Sie ethische Standards bei der Produktion ein? Namentlich: Wie verhindern Sie Kinderarbeit?

Rund 70 Prozent unserer Ware wird in Asien produziert. In diesen Ländern haben sich in den letzten Jahren Gewerkschaften gebildet, die sich für Arbeitsrecht und faire Arbeitsbedingungen einsetzen. Hier hat sich also enorm viel getan. Weil wir für Grossverteiler arbeiten, haben wir auch die nötigen Zertifizierungen. Da wir aber in diesen Ländern oft mit Queragenturen arbeiten, ist es manchmal schwierig, zu sagen, unter welchen Bedingungen genau die Herstellung abläuft. Den Überblick über alles zu behalten, ist anspruchsvoll.

Warum haben Sie 2013 in den Solidaritätsfonds für das in Bangladesh eingestürzte Rana-Plana-Haus, wo über 1000 Näherinnen starben, einbezahlt?

Wir haben die 20 000 Franken als Zeichen der Solidarität einbezahlt. Wir selber haben nicht in dieser Fabrik produzieren lassen.

Sie sind 1985 gestartet. Eine Zeit des Aufbruchs. Heute ist alles viel schwieriger geworden. Hand aufs Herz: Machen Sie Ihren Job überhaupt noch gern?

Definitiv. Trends entdecken, Ideen diskutieren, neue Modeströmungen ausprobieren, das macht mir Spass.

Würden Sie nochmals mit dem Aufbau einer Modekette anfangen, wenn Sie heute jung wären?

1985 hab ich die erste Chicorée-Filiale in Baden eröffnet. Zu dieser Zeit herrschte in der Textilbranche Goldgräberstimmung. Mittlerweile ist das Geschäft sehr hart geworden. Seit Jahren werden die Umsätze pro Quadratmeter geringer. Das spüren wir alle im Detailhandel stark. Mittlerweile arbeiten meine beiden Söhne im Geschäft. Ich finde es erfrischend, die neue Generation mit an Bord zu haben. Und wie man sieht, denken wir nicht daran, kleiner zutreten.