Chinas Handel nimmt wieder Fahrt auf

Acht Wochen nach Ausbruch der Corona-Krise mehren sich die Anzeichen für eine Normalisierung.

Thomas Müller
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Containerhafen in China: In der Seefracht sind wieder grössere Kapazitäten gefragt.

Containerhafen in China: In der Seefracht sind wieder grössere Kapazitäten gefragt.

Bild: Kühne+Nagel

In China steigen die Buchungen von Schiffskapazitäten wieder. Die Erholungsphase der Lieferketten sei in Gang, berichtet der Logistikkonzern Kühne + Nagel mit Sitz in Schindellegi SZ, der weltweit in über hundert Ländern aktiv ist. Täglich hält das Unternehmen einen globalen Corona-Krisenrapport ab und trägt Informationen über die neusten Entwicklungen zusammen. «Es ist zu erwarten, dass bis Mitte März die normale Arbeits- und Produktionskapazitäten wieder hergestellt sind», heisst es im aktuellen «Covid-19 Update».

Kühne + Nagel ist globaler Marktführer für Seefracht. Entsprechend aussagekräftig sind seine Informationen über die Auslastung und die aktuellen Frachtvolumen, die als vorlaufender Indikator Beachtung finden. «Nach dem Einbruch der letzten Wochen kommt der Handel wieder in Schwung, die benötigten Schiffskapazitäten steigen deutlich an, für diese Woche hat die Buchung von Containern um rund 50 Prozent zugelegt», berichtet das Unternehmen, das 83000 Angestellte zählt.

Schnelle Transporte helfen, Verspätungen aufzuholen

Auch auf der Schiene geht’s ­wieder vorwärts. Der Eurasia-­Express, der von den grössten Terminals in China nach Dortmund und anderen Zielen in Westeuropa fährt, hat in der dritten Februarwoche den Betrieb wieder aufgenommen. Der Zug ist deutlich schneller als der Seeweg, kostet aber nur rund ein Viertel so viel wie Luftfracht.

Im «Covid-19 Update» empfiehlt der Logistiker seinen Kunden spezielle Charter-Frachtflüge oder Kombiangebote, «um Verspätungen in der Lieferkette aufzuholen und Produktionsbeeinträchtigungen zu vermeiden». Beim Sea-Air-Transport gehen Container mit dem Schiff nach Dubai und von dort weiter per Flugzeug. Das halbiert die Transportzeit nach Europa.

Das zeigt: Acht Wochen nach der Identifikation des Corona-­Virus geht es in China wirtschaftlich wieder aufwärts. Die weitere Verbreitung des Virus wird nicht mehr eingedämmt, indem die Behörden ganze Städte unter Quarantäne stellen. Nun geht es zunehmend darum, Träger des Virus durch Personenkontrollen zu identifizieren und anschliessend zu isolieren. Bewährt sich diese Strategie, dürfte sich die Beeinträchtigung der chinesischen Wirtschaft in Grenzen halten.

Produktionsausfälle sind nicht die grösste Bedrohung

Die europäische Wirtschaft spürte lange nur geringe indirekte Einflüsse aus China. Die Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich (KOF) erwartete für die Schweizer Wirtschaft zunächst nur leichte Wachstumseinbussen von 0,1 Prozent. Das hat sich geändert, seit die Corona-­Krise direkt in Europa angekommen ist. Bilder einer fast menschenleeren Innenstadt von Mailand sprechen Bände. Die Absage von Grossveranstaltungen bremst die Wirtschaft.

Heiner Mikosch, der bei der KOF die Sektion Internationale Konjunktur leitet, geht davon aus, dass rasch negative Effekte zu beobachten sein werden. Umgekehrt erfahre die gesamtwirtschaftliche Produktion auch gewisse positive Auswirkungen durch zusätzliche staatliche Ausgaben. Schliesslich löst die Verbreitung des ­Virus auch zahlreiche Mass­nahmen der Behörden aus. Wer versucht, die Folgen abzuschätzen, vermutet ­instinktiv wohl die grössten Einbussen durch Ausfälle in der Produktion, weil Fertigungsketten stillstehen und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu Hause bleiben müssen. Dem widerspricht der Konjunkturforscher. Zwar werde es in der Unternehmenswelt wohl tatsächlich zu «gewissen Engpässen» in den Lieferketten und zu Produktionsrückgängen kommen, wenn Angestellte nicht zur Arbeit erscheinen ­können. Schwerwiegende Probleme erwartet Mikosch jedoch nicht: «Wir gehen derzeit für Europa nicht von massiven Lieferkettenstörungen aus, da es nach unserer aktuellen Einschätzung nicht zur Schliessung inner­europäischer Grenzen und zur Abriegelung von Grossstädten kommt.»

Nach aktuellem Stand droht keine Rezession

Gravierender dürfte laut dem Konjunkturforscher sein, dass die Corona-Krise auf den Konsum der Bevölkerung drückt. Immerhin trägt der Privatkonsum ungefähr 50 Prozent zur Wirtschaftsleistung bei. «Allein die Infektion von einem kleinen Teil der Menschen in einer Stadt reicht derzeit aus, dass grosse Teile der Bevölkerung wohl lieber Zuhause bleiben und Auswärtsessen, Einkaufsbummel oder Konzertbesuche auf später verschieben», so Mikosch.

Das bedeutet aber auch, dass die Wirtschaft nur vorübergehend leidet. «Nach heutigen Kenntnisstand gehen wir für Europa nicht von einer Rezession, das heisst von zwei negativen Quartalen in Folge, aus», sagt der Konjunkturforscher. Nach Abklingen der Viruskrise geht er «von einem deutlichen Rebound» aus. Der entstehe so: Wenn die Zahlen der vom Virus Betroffenen deutlich zurückgehen und das öffentliche Leben wieder in Schwung kommt, werden Produktionsstörungen beseitigt und aufgeschobene Konsumausgaben wie ein Autokauf getätigt.

Corona-Virus lässt Börsen einbrechen

Mit Verzögerung trifft der Corona-Virus nun auch die Aktienmärkte. Weltweit sind die Kurse am Montag ins Rutschen geraten. Die Konjunkturforschungsstelle hat ihre Einschätzung angepasst – sie geht von stärkeren negativen Effekten aus.
Gabriela Jordan und Niklaus Vontobel