Chinas Volkswirtschaft erholt sich langsamer als erhofft - die schwache Nachfrage aus dem Ausland bremst das Wachstum des Exportlandes

Während praktisch alle OECD-Länder in eine Rezession stürzen, kann China noch immer auf ein Plus am Ende des Jahres hoffen. Ohne stabile Weltwirtschaft wird das Land die Krise aber nur bedingt meistern können.

Fabian Kretschmer aus Peking
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Chinas Premierminister Li Keqiang bei einer Ansprache am nationalen Volkskongress in Peking am 22. Mai 2020.

Chinas Premierminister Li Keqiang bei einer Ansprache am nationalen Volkskongress in Peking am 22. Mai 2020.

Shen Hong /Imago

Während Dienstleistungssektoren derzeit in praktisch allen grösseren Volkswirtschaften nach wie vor einbrechen, scheint die Durststrecke für die chinesische Service-Industrie nach drei Monaten Krise bereits vorbei zu sein. Mit einem Rekordwachstum preschte die Branche im Mai nach vorne, das legt zumindest der «Caixin Einkaufsmanger-Index» nahe. Dieser liegt für Chinas Dienstleistungssektor bei 55 und damit so hoch wie seit fast zehn Jahren nicht mehr. Jeder Wert über 50 bedeutet Wachstum, doch international erreicht fast kein Land die kritische Marke. Zum Vergleich: In Japan steht derselbe Index lediglich bei 26.5.

China ist nicht nur die erste grosse Volkswirtschaft weltweit, die vom Coronavirus getroffen wurde. Das Land hat auch als Erstes die epidemiologischen Einschränkungen gelockert und die Produktion wieder hochgefahren. Der Alltag geht seit Wochen bereits wieder seinen normalen Gang, die Restaurants voll, der Berufsverkehr wie gewohnt. Oberflächlich betrachtet ist dies allein eine Erfolgsgeschichte: Während praktisch alle OECD-Länder in eine Rezession stürzen, kann die Volksrepublik noch immer auf ein Plus am Ende des Jahres hoffen. Die Versicherungsgesellschaft Swiss Re geht sogar von einem Wachstum von bis zu 2,7 Prozent aus.

Premierminister gibt erstmals kein Wachstumsziel bekannt

Bei näherer Betrachtung wird jedoch deutlich, dass sich die anfänglichen Hoffnungen Chinas auf ein V-förmiges Wachstum nicht erfüllen werden. Die aktuell veröffentlichten Einkaufsmanager-Indizes belegen zwar deutlich, dass die Industrieproduktion in den Fabriken des Landes weiterhin steigen. Jedoch ist das Ausmass der Erholung zum zweiten Monat in Folge stagniert. Das Wachstum läuft nun schleppender.

Zudem fällt der Subindex für «neue Exportaufträge» sogar krass negativ aus, was auf das Kernproblem der chinesischen Wirtschaft hindeutet: die schwache Nachfrage aus dem Ausland. Auch wenn das Land im Vergleich zu noch vor zehn Jahren deutlich weniger von Exporten abhängig ist, kann es die Krise ohne eine stabile Weltwirtschaft wohl nur bedingt meistern.

Ende Mai hat Chinas Premierminister Li Keqiang erstmals in der Geschichte des Nationalen Volkskongresses kein numerisches Wachstumsziel für das laufende Kalenderjahr ausgegeben. Stattdessen werde die Staatsführung ihre Anstrengungen vor allem auf die Stabilisierung des Arbeitsmarktes legen. «Noch immer gibt es über 600 Millionen Chinesen mit einem monatlichen Einkommen von kaum 1000 Yuan (135 Franken)», sagte Li. Das ehrgeizige Ziel der Kommunistischen Partei ist es, bis Jahresende neun Millionen Jobs zu kreieren – und dadurch auch die gesellschaftliche Stabilität zu wahren. Wie dies gelingen soll, ist angesichts der prekären Wirtschaftslage fraglich.

Finanzkrieg mit den USA könnte Chinas Wirtschaft zurückwerfen

Dabei hat die Kommunistische Partei ein umgerechnet rund 139 Milliarden Franken grosses Stimuli-Paket geschnürt. Dies kommt vor allem den Staatsfirmen zugute, etwa aus dem Bausektor, die mit Infrastrukturprojekten viele Landarbeiter in Beschäftigungsverhältnissen halten. Die tiefer liegenden strukturellen Probleme greifen die Finanzspritzen jedoch nicht an.

Zudem ist auch noch völlig unklar, wie hart der androhende «Finanzkrieg» mit den Vereinigten Staaten die chinesische Volkswirtschaft treffen könnte. US-Präsident Donald Trump prüft derzeit wegen eines umstrittenen, von Peking geplanten nationalen Sicherheitsgesetz für Hongkong verschiedenste Sanktionsmöglichkeiten. Im schlimmsten Fall könnte Trump beispielsweise chinesische Banken vom Dollar-System abschneiden oder Firmen vom US-Aktienmarkt schmeissen.

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