Kolumne

Corona lässt uns wundern, ob unsere Systeme robust sind

Es ist an der Zeit, gemeinsam mit Wissenschaft, Wirtschaft, Verwaltung und Gesellschaft antifragile Systeme für die Schweiz zu entwickeln.

Edy Portmann
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Edy Portmann.

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In seinem Buch «Antifragilität» setzt sich Nassim Nicholas Taleb mit Systemen auseinander, die gegenüber «schwarzen Schwänen» robust sind. Damit meint er Systeme, die schwer vorhersehbare Ereignisse aushalten können. Robuste Systeme arbeiten trotz Veränderungen weiter und sind deshalb auch ohne Anpassungen in ihrem Funktionieren beständig. Fragile Systeme verfolgen genaue Leitlinien, arbeiten mit exakten Vorhersagen und lassen kaum Abweichungen zu. Taleb fordert aber antifragile Systeme, die sie sich zum einen unter Unsicherheit, Variabilität, Abweichung und Stress verbessern und zum andern mit Veränderungen «natürlicher» umgehen können.

Die Situation rund um das Corona-Virus, den sinkenden Ölpreis und die Flüchtlingskrise lassen uns heutzutage mit dem unguten Gefühl zurück, dass wir in der Schweiz keine robusten Systeme haben. Unsere Anfälligkeit rührt von zunehmender Vielfalt und Vernetzung unterschiedlichster Systeme, die Komplexität unseres Alltages wird immer grösser. Die scheinbare Selbstverständlichkeit, die Komplexität kontrollieren zu können, ist eine Illusion. Allzu oft streben wir (noch) nach Perfektion und absoluter Sicherheit, obwohl wir wissen, dass solche Systeme nicht konstruierbar sind. Unvorhergesehene Ereignisse, wie eben das Corona-Virus, treffen uns deshalb noch viel härter.

Aber wie können wir künftig besser mit solch unvorhersehbaren Ereignissen umgehen? Immer mehr von uns begrüssen lokale Ökosysteme, die für viele Nähe und Sicherheit bedeuten. Moderne Technikkonzepte und -Lösungen, wie elektronische Identitäten oder Umzugsmeldungen per Mausklick, lassen solche Systeme bereits heute zu. Und wo mit diesen nur scheinbar lästige Behördengänge entfallen, so zeigt sich jedoch in Krisenzeiten die Bedeutung digitaler Dienstleistungen, die nicht nur einzelne Bürger, sondern uns alle betreffen.

Der Politologe Claude Longchamp kritisiert etwa die Zwangspause des Nationalrates. Seiner Meinung nach müssen wir in dieser Situation handlungsfähig sein und entscheiden können. In Zeiten von Covid-19, häuslicher Quarantäne und Sperrzonen, kann eine Zwangspause zu Schwierigkeiten bei interner oder landesweiter Abstimmung führen. Wenn Sie mich fragen, dann glaube ich, dass hier Digitalisierung im Allgemeinen und E-Voting im Speziellen Robustheit schaffen könnte.

Eine Innovationstreiberin ist hier die Blockchain, die mit verteilten Strukturen die Authentizität und Integrität von Datensätzen in Form von Transaktionen gewährleisten kann. Systeminhärent sind ihr die Fähigkeiten und Funktionen, eine Stimmabgabe ins Digitale zu transformieren. Abgegebene Stimmen werden verschlüsselt und innerhalb des Systems ohne manipulierbare zentrale Instanz verteilt. Wo redundante Daten eine notwendige Bedingung für robuste Systeme in Krisen darstellen, führen Eigenschaften der Blockchain wie eine dezentrale Steuerung, Transparenz und Unveränderbarkeit zu einer erhöhten Sicherheit und Effizienz. Ein solches E-Voting würde etwa, anders als herkömmliches Abstimmen, nicht über einen einzigen «fragilen Server» stattfinden und mit seiner durchgängigen Verteilung nicht an Leistungsfähigkeit einbüssen – und wäre damit prädestiniert für Krisen.

Analog verwenden natürliche Organismen wie eine Blockchain Eigenschaften, die ihre Robustheit darin begründen, Variationen aus Umwelt und Störungen durch Adaptionsmechanismen kompensieren zu können; sie verhalten sich wie Muskelfasern nach einem Training – sie werden stärker durch Überkompensation. Wie Nihat Ay vom Max-Planck-Institut für Mathematik in den Naturwissenschaften glaube auch ich, dass wir biologische Prinzipien auch für Systeme wie E-Voting und Blockchain nutzen sollten, um diese noch weiter zu verbessern. Indem wir Biologie in unsere Systementwicklung integrieren, können wir mindestens robustere, wenn nicht gar antifragile Systeme entwickeln. Es ist an der Zeit, gemeinsam mit Wissenschaft, Wirtschaft, Verwaltung und Gesellschaft antifragile Systeme für die Schweiz zu entwickeln. Das Kompetenzzentrum «Smart Citizen» etwa tut das bereits.

Der gebürtige Luzerner Edy Portmann ist Informatikprofessor und Förderprofessor der Schweizerischen Post am Human-IST- Institut der Universität Freiburg.