Bald Tests vor jedem Konzert und jedem Flug? Genfer Labor-Riese erwartet Corona-Analyse-Boom

Die Westschweizer Firma Unilabs führt derzeit 100'000 Corona-Tests pro Woche in ganz Europa durch. In den nächsten Wochen dürfte sich die Zahl verdoppeln. Und dabei bleibt es möglicherweise nicht. Gespräche mit Flughäfen sind am Laufen.

Benjamin Weinmann, Genf
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Unangenehme Corona-Tests könnten bald zum Alltag gehören, glaubt die Firma Unilabs.

Unangenehme Corona-Tests könnten bald zum Alltag gehören, glaubt die Firma Unilabs.

zvg

Unilabs ist eine jener Firmen, die im Hintergrund operieren, im Schatten von Pharma-Giganten wie Novartis oder Roche. In einer Pandemie, wie sie die Welt zurzeit erlebt, wird ihre Bedeutung aber plötzlich evidenter. Unilabs ist eines der grössten Diagnostikunternehmen Europas mit 12700 Angestellten, 250 Labors in 17 Ländern und einem Umsatz von etwa 1,1 Milliarden Euro.

Der Hauptsitz der Firma befindet sich am Genfer Bahnhofplatz. Das Unternehmen analysiert Laborproben, macht und prüft Röntgenbilder, und arbeitet mit Spitälern und Ärzten zusammen. In den letzten sieben Jahren hat sich ihr Umsatz verdoppelt. Doch in den vergangenen Wochen hat die Firma umdisponiert und sich für Covid-19-Tests gerüstet.

Momentan führt Unilabs in Europa wöchentlich rund 100'000 Corona-Tests durch, in Kooperation mit Behörden und Spitälern, sowie mithilfe der eigenen Testcenter. Zusätzlich hat Unilabs innert wenigen Wochen 80 Drive-Through-Stationen aufgebaut für Tests, bei denen man während der Probeentnahme im Auto sitzen bleiben kann. Solche stehen in Portugal, Frankreich, der Schweiz, der Slowakei, aber auch in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Hierzulande gibt es sie in Dübendorf und St Gallen.

«Bisher waren manche Ärzte sehr zurückhaltend»

Und dabei wird es nicht bleiben. «Nicht alle Länder wollten am Anfang so viel wie möglich testen, die Schweiz auch nicht», sagt der holländische Konzernchef Michiel Boehmer im Gespräch. «Das dürfte sich nun vielerorts ändern mit dem Ende des Lockdowns.» Der 50-Jährige plädiert für eine Offensive: «Je mehr getestet wird, desto besser können wir eine erneute Ausbreitung des Virus verhindern.»

Unilabs stelle sich per Mitte Juni auf rund 200'000 Tests pro Woche ein. Die Schweiz gehört inzwischen zu jenen Ländern, die prozentual am meisten Covid-19-Tests durchgeführt haben. Und der Bundesrat will an dieser Strategie festhalten.

Unilabs hat in verschiedenen europäischen Ländern rund 80 Drive-Through-Teststationen installiert.

Unilabs hat in verschiedenen europäischen Ländern rund 80 Drive-Through-Teststationen installiert.

Die Preise, die Unilabs für einen Test verlangt, sind laut Boehmer überall in etwa gleich. In der Schweiz kosten sie 95 Franken. Nötig sei aber eine Verordnung des Arztes und ein Termin. «Bisher waren manche Ärzte sehr zurückhaltend. Dabei wäre es wichtig, dass nun alle Patienten, auch solche mit nur milden Symptomen, eine Verordnung für einen Test erhalten.»

Tägliche Tests für Medizinpersonal?

Fakt ist: Mit den Tests verdient Unilabs Geld. Boehmer entgegnet, die Tests seien kaum profitabel, da die Kosten mit der teuren Schutzausrüstung für das medizinische Personal, das die Tests durchführt, hoch seien. Auch könne man mit den Covid-Umsätzen die Umsatzrückgänge der üblichen Laborgeschäfte nicht wettmachen. Unilabs gehört seit 2019 der britischen Private-Equity-Firma Apax.

Zudem habe man das Personal intern entsprechend der neuen Situation anders einsetzen müssen, sagt Boehmer. Während der Pandemie ist das Geschäft von Unilabs mit klassischen Blutproben oder Röntgenbildern von gebrochenen Beinen stark zurückgegangen. Es geschehen weniger Unfälle und viele nicht dringende Untersuchungen werden verschoben, damit das medizinische Personal sich den Corona-Fällen widmen kann. «Wir werden sicher nicht den Umsatz aus dem Vorjahr erreichen», sagt Boehmer.

Der Firmenchef glaubt, dass die Tests auch in Zukunft wichtig bleiben. «Es gibt Überlegungen, dass sich medizinisches Personal täglich testen lassen muss, um sicherzustellen, dass sie das Virus nicht irgendwo aufgeschnappt haben.» Auch an anderen Orten mit Menschenmassen seien ritualisierte Tests vorstellbar, zum Beispiel vor Konzert-Eintritten.

Ein kleiner Hoffnungsschimmer für angenehmere Tests

Der Flughafen Wien bietet seit einigen Tagen die Möglichkeiten, vor Ort einen Corona-Test zu machen, dessen Resultat in 3 Stunden vorliegt. Denn nach Österreich einreisende Personen müssen derzeit entweder ein Gesundheitszeugnis mit negativem Covid-19-Befund vorweisen – oder sonst eine 14-tägige Quarantäne antreten. «Auch wir sind mit mehreren Flughäfen in Gesprächen», sagt Boehmer, ohne zu verraten, mit welchen.

Für die Patienten gäbe es immerhin eine gute Nachricht. Bisher werden die Abstriche via Nasenloch aus dem Rachen geholt. «Neue Untersuchungen legen nahe, dass künftig vielleicht auch nur ein simpler, aus dem Mund gewonnener Halsabstrich ausreicht, um genügend Proben zu erhalten», sagt Boehmer.

Der Unilabs-Chef hofft zudem auf einen positiven Effekt nach der Krise: «Bisher galt die grosse Aufmerksamkeit selten der Diagnostik. Es wäre gut, wenn künftig mehr Fokus auf die das frühe Erkennen von Krankheiten gelegt wird, anstatt vor allem auf die Medizin, wenn die Krankheit bereits ausgebrochen ist.»

Unilabs-Chef Michiel Boehmer: «Wir sind mit mehreren Flughäfen in Gesprächen.»

Unilabs-Chef Michiel Boehmer: «Wir sind mit mehreren Flughäfen in Gesprächen.»

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