Kolumne

Corona-Virus: Investoren sollten den Blick aufs Langfristige richten

Der starre Blick aufs Handy und das unmittelbare Reagieren an der Börse sind schlechte Ratgeber. Die Wirtschaft mag kurzfristig etwas leiden, aber der langfristige Trend bleibt intakt.

Maurice Pedergnana
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Maurice Pedergnana.

Maurice Pedergnana.

Schwankungen auf den Kapitalmärkten haben oft damit zu tun, dass die Anleger auf kurzfristige Signale überreagieren. Langfristige Trends dagegen werden eher vernachlässigt. Das Corona-Virus «2019-nCoV» ist ein Beispiel für eine derartige Überreaktion. Die Struktur des Virus ist bekannt. Die chinesische Regierung handelt auch wesentlich rascher als vor siebzehn Jahren, als sich mit Sars ein vergleichbarer Virus verbreitet hat.

Als Epizentrum wurde ein lokaler Tiermarkt in der zentralchinesischen Stadt Wuhan identifiziert. Da wird nun innerhalb von nur sechs Tagen ein Tausend-Betten-Krankenhaus gebaut, um genügend Kapazitäten für jene zu schaffen, die sich mit dem Corona-Virus angesteckt haben und zentral behandelt werden sollen. Eine weitere Verbreitung des Virus wird mit drastischen Massnahmen unterbunden. Keiner Regierung traue ich das mehr zu als der chinesischen, die ihre Bürger sorgsam überwacht und an verschiedenen neuralgischen Stellen auch die Bevölkerung auf Fieber hin überprüft. Kurzfristig wurden in einigen chinesischen Städten Neujahrsfeste abgesagt und Teile der Chinesischen Mauer gesperrt.

Nach dem Mondkalender begann am Samstag das frohe, neue «Jahr der Ratte». In Chinas Kultur ist dies ein Zeichen für Reichtum und Überschuss. Wer im Jahr der Ratte geboren wird, soll unter anderem ein gutes Gespür für lukrative Geschäfte haben. Doch kurzfristig scheinen die Anleger geprägt von besorgniserregenden Nachrichten. Ein einziger Corona-Virus-Fall ist in den USA unter mehr als 350 Millionen Menschen aufgetaucht; die Person hat zuvor Wuhan besucht. So genau lässt sich die Verbreitung in der heutigen digitalen Welt nachverfolgen. Dennoch sah sich der US-Konzern Disney veranlasst, gleich den riesigen Freizeitpark in Shanghai vorübergehend zu sperren und den Mitarbeitenden Reiseverbote aufzuerlegen.

Auf den ertragsstarken Linienflügen von Lufthansa in den asiatischen Raum haben sich kurzfristig Leerplätze ergeben. Geschäftsreisende sind allerdings derzeit kaum nach China unterwegs, weil die mehrwöchigen Neujahrsfeste mit Betriebsferien verbunden sind. Das geringere Passagiervolumen trifft vorübergehend auch den Basler Konzern Dufry, der als Weltmarktführer im Reise­detailhandel besonders viel Umsatz an Flughäfen macht.

Die Überreaktion besteht allerdings darin, dass man sich eine dämonische Verbreitung der Lungenkrankheit vorstellt, die gleich auch langfristige Auswirkungen auf die Weltwirtschaft hat. Nur so lässt sich erklären, dass die chinesischen Aktienmärkte gleich um vier Prozent zurückgegangen und die Öl- und Kerosinpreise um zehn Prozent eingebrochen sind. Aktien von Hotelketten haben ähnliche Verluste erlitten wie die Aktien von Lufthansa (mit 15 Prozent Kursverlust innert weniger Tage) und Dufry (10 Prozent), die wie heisse Kartoffeln fallen gelassen wurden. Die Lehre aus der Anleger-Vergangenheit ist, etwas gelassener auf Nachrichten zu reagieren. Der starre Blick aufs Handy und das unmittelbare Reagieren an der Börse sind schlechte Ratgeber. Die Wirtschaft mag kurzfristig etwas leiden, aber der langfristige Trend bleibt intakt. Der chinesische Hang-Seng-Index stand vor Ausbruch der Sars-Krise bei rund 10000 Punkten. Heute liegt er fast dreimal so hoch.

Aber so ist das nun mal beim Anlegerverhalten: Mit der Überreaktion auf kurzfristige Nachrichten geht auch eine Unterreaktion auf langfristige, strukturelle Entwicklungen einher. Deshalb empfehle ich Anlegern, sich wesentlich stärker mit all den Gewissheiten auseinanderzusetzen, über die wir heute verfügen und welche die Märkte in den kommenden Jahren massgeblich und wesentlich stärker als «2019-nCoV» verändern werden.

Maurice Pedergnana ist Professor für Banking und Finance an der Hochschule Luzern und Studienleiter am Institut für Finanzdienstleistungen Zug (IFZ).