Coronakrise

Welche Schweizer Firmen schaffen Jobs – und welche planen Entlassungen? Diese Liste gibt Antworten

Tausende Stellen fielen in jüngster Zeit der Coronakrise zum Opfer. Doch während viele Unternehmen pessimistisch in die Zukunft blicken, sind andere auf Wachstumskurs – aus überraschenden Gründen.

Stefan Ehrbar, Sarah Kunz und Roman Schenkel
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Besonders die Post und Detailhändler haben in letzter Zeit Stellen geschaffen. Sie profitieren vom Boom des Online-Handels.

Besonders die Post und Detailhändler haben in letzter Zeit Stellen geschaffen. Sie profitieren vom Boom des Online-Handels.

Chris Iseli

Wäre der Schweizer Arbeitsmarkt ein Orchester, es klänge für den normalen Zuhörer immer noch ziemlich gut. Nur geübten Konzertgängern würde auffallen, dass der Ton etwas leiser geworden ist, dass einzelne Posten nicht mehr besetzt sind. Per Ende September zählte der Arbeitsmarkt fast 21’000 Beschäftigte weniger als ein Jahr zuvor. In den Restaurants, Hotels und auf den Baustellen des Landes haben Tausende ihre Stellen verloren.

Betriebe, die 6,8 Prozent aller Beschäftigte in ihren Reihen haben, rechnen mit einem Abbau – ein deutlich höherer Wert als in den Jahren zuvor. Im Gastgewerbe, in den Branchen Verkehr und Lagerei und im verarbeitenden Gewerbe, so schreibt es der Bund, steht in den nächsten Monaten ein weiterer Abbau bevor – zusätzlich zu den bereits 40’000 Beschäftigten, die in den letzten zwölf Monaten in diesen Sektoren weggefallen sind.

Doch insgesamt hat sich der Arbeitsmarkt erstaunlich gut gehalten. Um nur 0,1 Prozent nahm die Zahl der Beschäftigten innert Jahresfrist über alle Branchen ab, im Kredit- und Versicherungsgewerbe, im Handel oder im Gesundheits- und Sozialwesen wurden sogar Stellen geschaffen. Das Schlimmste könnte überstanden sein. «Die Wirtschaft wird keine bleibenden Schäden davontragen», sagt Ökonom George Sheldon (siehe Interview).

Die Migros hat hunderte Stellen geschaffen

Zu den Firmen, die in diesem Jahr Stellen aufgebaut haben, gehören die Detailhändler. Sie profitieren vom Onlinehandel und davon, dass die Supermärkte von der Coronakrise kaum getroffen wurden. Eine Migros-Sprecherin sagt, das Unternehmen habe in verschiedenen Bereichen, aber vor allem im Onlinehandel Hunderte neuer Stellen geschaffen. «Dieser Trend wird sich 2021 fortsetzen.» Allerdings fielen auch Stellen weg, etwa bei der Reisetochter Hotelplan.

Coop teilt mit, die Anzahl Mitarbeitende habe dieses Jahr «klar zugenommen». Das sei auf die erhöhte Nachfrage in den Supermärkten und Online zurückzuführen – aber auch auf die Aufwände, die Corona-Schutzmassnahmen mit sich bringen würden. Vom Onlinehandel profitiert auch die Post. Sie hat in der Informatik, in der Paket- und in der Briefzustellung 775 neue Stellen geschaffen.

Banken und Versicherungen als Jobmotor

Nachhaltig etwa 100 Stellen geschaffen hat auch der Onlinehändler Brack – und er will weiter ausbauen: «Wir rechnen damit, dass wir aufgrund der geschäftlichen Entwicklung auch in den kommenden Monaten Verstärkung benötigen», sagt ein Sprecher. Die Migros-Tochter Digitec Galaxus hat 550 neue Stellen geschaffen, der Paketzusteller Quickpac 166. Das dürfte so weitergehen: Der Online-Handel wächst ungebremst, wie aktuelle Zahlen belegen.

Auch im Dienstleistungssektor gibt es gute Neuigkeiten. In den ersten neun Monaten hat die Grossbank UBS hierzulande 250 neue Vollzeitstellen geschaffen – im Gegensatz zur Konkurrentin Credit Suisse, die im August bekanntgegeben hatte, dass in der Schweiz bis zu 500 Stellen wegfallen könnten. Dieser Abbau ziehe sich bis ins zweite Quartal 2021 hin, sagt eine Sprecherin. Besser sieht es beim Lebensversicherer Swiss Life aus: Er hat dieses Jahr bereits um 135 Stellen aufgestockt. Auch der Vermögensverwalter Partners Group zählte Ende Juni 49 Stellen mehr als Ende 2019.

Spitäler rüsten massiv auf

Stellen schaffen konnte mit Geberit ein weiterer SMI-Konzern – wenn auch nur in der Schweiz. Um 21 Vollzeitstellen erhöhten die Sanitärtechnologen ihren Personalbestand hierzulande. Fürs nächste Jahr rechnet Geberit mit einem weiteren Personalaufbau «im tieferen zweistelligen Bereich», hauptsächlich für die Produktentwicklung und die Digitalisierung.

Nirgends aber war das Stellenwachstum in den letzten 12 Monaten so stark wie im Gesundheits- und Sozialwesen. Ende September wurden dort 764’000 Beschäftigte gezählt – 17’000 mehr als noch ein Jahr zuvor. Massiv Personal eingestellt hat etwa das Universitätsspital Basel: Es zählt derzeit 490 Beschäftigte mehr als noch Ende 2019 – eine Zunahme von fast 7 Prozent. Bei den Zürcher Stadtspitälern Waid und Triemli sind 68 Vollzeitstellen hinzugekommen, auch für den Betrieb der Corona-Testzentren.

Stellenabbau auch ohne Corona

Das Universitätsspital Zürich hat per Ende November sogar 768 Beschäftigte mehr in seinen Reihen als Ende 2019. «Die Zunahme ist hauptsächlich bedingt durch die Coronakrise», sagt ein Sprecher. Weil viele Pflegefachkräfte mit kleineren Pensen eingestellt wurden, entspricht sie 318 Vollzeitstellen.

Trotzdem können diese Beispiele nicht darüber hinwegtäuschen, dass innert Jahresfrist mehr Stellen vernichtet als geschaffen wurden. Im Gastgewerbe oder in der Verkehrsbranche ist das die direkte Folge der Coronakrise mit der Schliessung von Restaurants und Clubs im Frühling, aktuellen Beschränkungen und einer vorsichtigen Konsumentenstimmung. Anderswo hat der Abbau keinen Zusammenhang mit dem Virus.

Die Swisscom mit 500 Stellen weniger

So befindet sich der Pharmariese Novartis in einem bereits 2018 angekündigten Stellenabbau und erwartet einen «weiteren kontinuierlichen Personalrückgang» sowie eine geringere Zahl von offenen Stellen in der Schweiz, weil diese mehrheitlich intern besetzt werden sollen. Der Telekomriese Swisscom zählt per Ende September 509 Vollzeitstellen weniger in der Schweiz als noch Ende 2019. Es geht ähnlich weiter: «Abhängig von der Marktentwicklung rechnen wir mit einem leicht rückläufigen Stellenangebot in der Schweiz», so eine Sprecherin.

Hinzu kommt: In den nächsten Monaten könnte sich der Graben zwischen Verlierern und Gewinnern auf dem Schweizer Arbeitsmarkt weiter auftun. Den Bergkantonen mit einem hohen Anteil an Beschäftigten im Tourismus steht ein harter Winter bevor: Noch immer sind die Corona-Fallzahlen überdurchschnittlich hoch, was die Stimmung der einheimischen Gäste drücken könnte.

Droht eine schlechte Wintersaison?

Italien droht damit, die Schweiz auf eine Quarantäne-Liste zu setzen, sollte sie ihre Skigebiete über die Festtage nicht ganz schliessen. Die Zahl der ausländischen Gäste könnte einbrechen, zumal eine Quarantänepflicht für Schweiz-Rückkehrer auch in vielen deutschen Bundesländern gilt. Bergbahnen und Restaurants müssen Schutzmassnahmen umsetzen – und sollte es vermehrt zu Infektionen kommen, stehen auch Schliessungen oder Kapazitätsbeschränkungen im Raum.

In den betroffenen Kantonen wurden aber schon in den letzten Monaten mehr Jobs abgebaut als anderswo. So sank die Zahl der Beschäftigten per Ende September im Vorjahresvergleich in der Zentralschweiz um 0,4 Prozent, in der Ostschweiz um 0,3 Prozent und im Tessin gar um 1,5 Prozent. Nur im Kanton Zürich, der weniger vom Tourismus abhängig ist, stieg die Zahl der Beschäftigten um 0,8 Prozent. Mehr als jeder fünfte Schweizer Beschäftigte arbeitet im grössten Kanton, erstmals hat er dieses Jahr die Region Espace Mittelland mit den Kantonen Bern, Freiburg, Jura, Neuenburg und Solothurn als grösste Region abgelöst.

Hoffnung auch für Bergregionen

Die aktuellste Umfrage des Bundes gibt allerdings auch für die schwerer betroffenen Regionen Grund zur Hoffnung. So gaben überdurchschnittlich viele Betriebe in der Ost- und Zentralschweiz an, den Personalbestand im laufenden Quartal erhöhen zu wollen. Die Werte waren deutlich höher als ein Jahr zuvor – aber sie sind mit Vorsicht zu geniessen: Die Befragung geschah im September und damit vor den erneuten Schutzmassnahmen und Einschränkungen für Restaurants, Bars, Clubs und Hotels, die am 18. Oktober beschlossen wurden.

Eine grosse Frage bleibt zudem offen: Was passiert, wenn die jetzige Kurzarbeits-Regelung ausläuft? Die Beschäftigung wird in den aktuellen Statistiken des Bundes überschätzt, weil sie die reduzierten Pensen von Beschäftigten in Kurzarbeit nicht berücksichtigen, sondern nur jene gemäss Arbeitsvertrag. Doch werden betroffene Firmen ihre Mitarbeitenden wieder wie vor der Krise beschäftigen, wenn der Staat Ausfälle nicht mehr entschädigt?

Was passiert ohne Kurzarbeit?

Erste Antworten kommen bald: Seit dem 1. September gelten Massnahmen wie die Ausweitung der Anspruchsgruppen nicht mehr, Kurzarbeit wird nur noch für drei statt wie zuvor sechs Monate bewilligt und muss danach neu beantragt werden, und voraussichtlich ab Ende Dezember fällt die vereinfachte Anmeldung weg. Weiterhin können Unternehmen aber bis zu 18 Monate Kurzarbeit beziehen. Wer das Instrument seit Anfang der Pandemie in Anspruch nahm, kann das also theoretisch noch bis im September 2021 tun.

Die Krise ist nicht vorüber. Die Corona-Fallzahlen sinken in vielen Kantonen der Deutschschweiz kaum mehr, und nun steht die üblicherweise gesellige Vorweihnachtszeit an. Sollten die Infektionszahlen wieder steigen, könnten Kantone dem Beispiel Basel-Stadts folgen und Restaurants, Clubs oder Fitnesscenter schliessen. Es wäre ein weiterer Rückschlag für den Arbeitsmarkt, der sich bisher besser gehalten hat als befürchtet. Können solche Massnahmen hingegen verhindert werden, kann eine Prognose gewagt werden: Das Orchester namens Arbeitsmarkt spielt auch im nächsten Jahr noch – und es wird ziemlich gut tönen.